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HEIMSPIEL FÜR ANNE

Cool, souverän, gelassen: So moderiert ANNE WILL seit genau einem Jahr die Tagesthemen. Wer die 36-Jährige mal ganz anders erleben will, muss mit ihr ins Fußballstadion gehen. Stephan Bartels hat’s getan.

WAS FÜR ‘NE WAND. 25 000 Menschen in schwarz und gelb, zusammengedrängt auf 4200 Quadratmetern, die steil in den blauen Himmel über Westfalen ragen. „Boah“, sagt Anne Will. Sonst nichts. Eigentlich ist Deutschlands Nachrichtenfrau Nummer 1 nicht so schnell zu beeindrucken. Aber hier, im Dortmunder Westfalenstadion, mit Blick auf die größte Stehplatztribüne Europas, fehlen ihr die Worte. Borussia Dortmund spielt heute gegen Schalke 04, an Tagen wie diesen kocht der Ruhrpott. Derbyzeit, mit Herz und Leidenschaft auf den Rängen. Die Luft ist zum Schneiden dick, von Bratwurstduft, Zigarettenrauch, von Nervosität und großen Erwartungen und Schlachtgesängen. „Tod und Hass dem BVB“ schallt es von rechts, wo die Schalker auf der Nordttribüne stehen. „S04, die Scheiße vom Revier“, skandieren sie von links. Anne Will steht in der Mitte und freut sich wie Bolle. Denn das hier, das ist ein Stück ihrer Welt.

Vor einem Jahr ist sie aufgestiegen in die Champions-League der Fernseh-Gemeinde. Ostersamstag 2001 moderierte sie zum ersten Mal die Tagesthemen. Das macht sie auch gut, aber so richtig leuchten ihre Augen, wenn sie Samstags den Sport ankündigt. Da kommt sie her: Volontariat in der Sportredaktion des SFB, „weil die vom Sport die besten Handwerker sind“, das war 1990. Und dann, neun Jahre später: die erste Frau in der Sportschau. Ins Stadion geht sie nicht mehr so oft, manchmal zu Hertha BSC in Berlin, wo sie wohnt. In Dortmund war sie noch nie. Deshalb hat sie sich dieses Spiel, den prestigeträchtigen Ruhrpott-Schlager, ausgesucht, als wir gefragt haben, ob sie nicht mal mit uns ins Stadion gehen möchte. Das hat nicht nur uns gefreut, sondern auch den Dortmunder PR-Mann – der schenkt ihr ein Borussen-Trikot. ANNE WILL steht hinten drauf, gleich über der Nummer 1.

Mit dem in der Hand tritt sie zum Fototermin an. In Jeans und Jeansjacke, extrem zierlich im dicken Rolli und auf hohen Hacken. Auf dem heiligen Rasen, direkt vor der Schalker Fankurve. Und die registriert genau, wer da auf’m Platz steht. „Auszieh‘n, auszieh‘n“, skandieren die Blau-weißen hinter ihr. Anne Will lacht verlegen, schüchtern fast. So, sagt der Fotograf, jetzt mal mit BVB-Shirt. „Hier?“, sagt sie zweifelnd mit Blick auf die Schalker. Und hebt es trotzdem halbherzig vor die Brust. Da pfeift der Mob, gellend. „Nie mehr Tagesthemen, nie mehr“, singen sie, und: „Keine Gebühren, wir zahlen keine Gebühren!“. Sie wird ein bisschen rot, die Anne Will. Und wundert sich: „Beim Fußball machen sie aus allem ein Lied“.

Sie hat eine Freundin mitgebracht. Jessie, eine Mediensoziologin aus Köln. Seit dem ersten Semester Anglistik kennen sie sich, sagt die, herrje, auch schon 15 Jahre her. „Nimm‘ mal deine Mütze ab, Jessie“, sagt Anne Will, „ist doch gar nicht so kalt“. – „Ja, Mama“, sagt Jessie, und die beiden kichern. Zuschauer laufen an uns vorbei und knuffen sich raunend in die Rippen: Guck‘ ma, wer da is‘. Holla, das ist doch die von den Tagesthemen. Das geht ständig so, sagt Jessie und findet es befremdlich. Wie die Leute auf die Anne reagieren. Wenn sie mit dem Finger zeigen und kommen und die personifizierten Nachrichten anfassen wollen: „Diese Distanzlosigkeit“.

Auch keine Spur von Distanz auf der Pressetribüne. Kein Wunder, da sind ja lauter alte Bekannte der Ex-Sportjournalistin. Der Boris vom ZDF zum Beispiel. Jürgen Bergener von der ARD, „ein Supertyp, der hat echt Ahnung – der kann ein Spiel wirklich lesen“. Ein blonder Schnauzbartträger kommt auf sie zu. „Mensch, so‘n seltener Gast“, sagt er, schüttelt ihr herzlich die Hand und verschwindet Richtung Freibier. „Wer war denn das jetzt noch?“, murmelt Anne Will, legt die Stirn in vier Falten.

Genau jene vier Falten, mit denen sie abends das Weltgeschehen kommentiert. Sagen darf sie ja nicht, wie ihr politische Positionen oder Sportergebnisse gefallen. Das erledigt sie mit gekräuselter Stirn und hochgezogenen Augenbrauen. Anne Will moderiert die Tagesthemen, als hätte sie nie was anderes gemacht. Souverän. Unaufgeregt. Professionell. Sogar ihre Versprecher geraten genial Freud‘sch: „Herr Bin Laden meldet sich per Video zu Mord.“ Uneins ist man über ihre Ausstrahlung. Unterkühlt, sagen manche, cool bis in die Haarspitzen. Andere loben ihren warmherzigen Charme. Und natürlich ihr Aussehen: „Ihr Lächeln kocht Pflastersteine weich“, vertitelte sich die BILD bei ihrem Amtsantritt. WDR-Sportchef Heribert Fassbender hält sie für „hübsch, intelligent und begabt“, in dieser Reihenfolge. Für Giovanni di Lorenzo ist sie „die Mona Lisa des deutschen Journalismus“. Tagesschau-Kollege Jens Riewa fiel anfangs ganz was anderes auf: „Sie riecht nicht nur gut, sie duftet“. Stimmt ja auch, sagt sie, Jil Sander No.3. Das Spiel läuft.

Tomas Rosicky spielt mit, der BVB-Regisseur. „Schnitzel“ rufen sie den liebevoll in Dortmund, weil sein schmächtiger Körper ein paar davon vertragen könnte. „Den seh‘ ich gern“, sagt Will. Überhaupt, die filigranen Typen wie David Beckham oder Michael Ballack. Aber bloß nicht so komische Brecher wie Carsten Jancker, „uhhhäh, ein schrecklicher Typ“.

Oder Jan Koller. 90 Minuten lang schüttet Will Häme aus über den Dortmunder Mittelstürmer, der gerade ungelenk einen Gegner umgrätscht. Der kann nix, sagt sie, „ein Grobmotoriker“. Steht da nur rum wie’n Türsteher mit seinen zwei Metern und stochert nach der Kugel. Kleine Privatwette, sage ich: Koller schießt ein Tor. Gut, sagt sie. Um ‘ne Bratwurst. Aber erstmal ist Schalke dran in Minute 16. Niels Oude Kamphuis haut den Ball aus 35 Metern in den Dortmunder Kasten, ein Traumtor. 1:0 für die Blauweißen. Und die meisten der 69 000 Zuschauer sind plötzlich ganz still.

Anfangs wollte sie ja gar nicht zum Fernsehen. „Zuviel Bohei“, hat sie damals gesagt, „zu viele eitle Affen“. Das ist zwar immer noch so, aber mittlerweile lebt Will ganz gut von diesem Bohei. Erkämpft hat sie sich das nicht: „Ich bin immer gefragt und überredet worden“, sagt sie, „bewerben musste ich mich für keinen Job“. Nicht auf die Moderationen ihrer Talkshows „Mal ehrlich“ und „Parlazzo“, nicht mal dafür, die erste Frau vor der Sportschau-Kamera zu werden. Gut für sie: „Ich bin antriebslos“, sagt sie, „und lahmarschig, Jessie ist meine Zeugin. Ich komme immer auf den letzten Drücker“. Stimmt, sagt Jessie: „Du arbeitest in einem Ruhemodus, bei dem dann auf einmal totale Geschäftigkeit einsetzt“. Und, sagt Anne, ich habe immer total Glück, auch bei der Parkplatzsuche. „Oja“, sagt Jessie, „das kann einen voll wahnsinnig machen“.

Deutschlands Nachrichten-Frau Nummer 1 lacht gern und viel. Albern bist du, sagt ihre Freundin, das mag ich ja auch an dir. Wenn sie erzählt, tut sie es mit allen zur Verfügung stehenden Körperteilen und Comic-Lautmalereien. Wie sie mit Günther Jauch mal Spazieren gegangen ist in Potsdam, stapf stapf. Wie sie durch das Fenster eines alten Hauses geguckt haben, weil der Jauch ihr etwas über die historische Tapete erzählen wollte. Wie sie ihre schmalen 169 Zentimeter, ächz, recken musste, um an das Fenster zu kommen, zieh und glotz. Das macht sie vor und erinnert dann an einen giggelnden Osterhasen. Sie redet auch gern bedeutungsschwangeren Unsinn. Flicht sinnfreie Sätze ein wie „Die Welt ist so verkommen“. Oder: „Wie soll bloß alles werden“. Das hat eine Freundin mal gesagt, nach einer verkorksten Silvesterparty. „Das hat uns den Abend gerettet“, sagt Will und erzählt, wie sie durch die Straßen gelaufen sind, diesen Satz deklamierend und lachend bis zur Atemnot.

Und Not, die hat Jan Koller auch. Gerade haut er einen Freistoß über das Tor. „Bis nach Gelsenkirchen“, murmelt Anne Will kopfschüttelnd, „der kann echt nix.“. Das Spiel plätschert dahin. Zeit für Biografisches: Aus Hürth kommt die Will, nicht weit weg von Köln. Ein Kind, wie man es gern hat. Brav, gut in der Schule (Abinote 1,5), immer gut gelaunt. Ihre streng katholischen, extrem bodenständigen Eltern mag sie sehr – und noch mehr ihren Bruder Martin, das genaue Gegenteil von Anne. Rebellisch, aufsässig. „Mein Bruder ist mein Held“, sagt Anne Will, „weil er Konflikte aushalten konnte, nicht so wie ich“. Sonntags macht Familie Will immer lange Spaziergänge zu den Baustellen in Hürth – der Vater ist Architekt. Auto? Keine Chance: „Mein Vater wollte die Vögel nicht unnötig stören – kein Wunder, dass mein Bruder Taxifahrer geworden ist“.

Und Anne? Die kann seither zwitschern. Und auf den Fingern pfeifen. „Anne hat immer nur Streber angeschleppt“, sagt Martin, „aber meistens saß sie sowieso den ganzen Tag vorm Fernseher“. Die klassische TV-Sozialisation von 60er-Jahre-Kindern: Daktari, Jerry Lewis, Sport mit Ernst Huberty. Und Georg Thomalla, den liebt die Anne: „Wenn der kam, durften wir immer lange aufbleiben“.

Von ihren Eltern erzählt sie freimütig, vom Vater, diesem sonderbaren, stillen Mann, der Angst vor Hunden hat und so schwärmerisch werden kann, wenn ihm Dinge wichtig sind. Von ihren Freundinnen. Jessie. Gesa. Lisa, deren Tochter sie manchmal aus dem Kindergarten abholt. Aber mitten durch läuft eine Grenze, und hinter dem Schlagbaum hat die Öffentlichkeit nichts verloren. Berlin liegt dort, und ein SFB-Sportredakteur, mit dem sie in ihrer Altbauwohnung lebt. Sagen jedenfalls Kollegen, die es besser wissen. Denn eigentlich ist dieses Thema Tabu, warum auch immer. Kinder? Irgendwann mal, klar, warum nicht. „Und das da sah verdammt nach Elfmeter aus“, sagt Will, als dem Schalker Van Hogdalen der Ball an die Hand springt.

Drei Dinge hat Anne Will in ihrem Leben bislang gewonnen. Erstens: Eine Blutwurst, eingesackt bei der Tombola des Volksradwandertages in Hürth. Zweitens: Den Karnevalsküsschen-Wettbewerb, als sie an Fasching die meisten Schmatzer eingeholt hat („Bei 35 hab‘ ich aufgehört zu zählen“). Drittens: Die goldene Kamera, eine Auszeichnung von Zuschauern für ein Jahr Tagesthemen. „Das war mir fast zu heavy“, sagt sie. Aufgeregt war sie bei der Verleihung und hatte sich, abergläubisch, keine Siegerrede zurechtgelegt. Dann stand sie auf der Bühne mit der Trophäe in der Hand und dankte ihren Eltern, „dass sie einen so warmherzigen und liebenden Menschen aus mir gemacht haben“. Mann, wie peinlich, sagt die Will, „da ist der Kitsch voll mit mir durchgegangen“. Völlig okay, dass Harald Schmidt sie dafür brutal verarscht hat: „Er hat ja recht“.

Acht Tage am Stück liegt sie schwer privat in Berlin auf dem Sofa, sechs Tage am Stück ist sie in Hamburg eine öffentliche Frau, „die sind dann reduziertes Leben“. Morgens kommt ein NDR-Fahrer und bringt Zeitungen, die meist ungelesen liegen bleiben, bis der selbe Fahrer sie vormittags zur Schicht abholt. Dort bleibt sie dann bis nachts um zwölf. Hamburg kennt sie nicht so besonders, „beim letzten Mal habe ich nicht einmal eingekauft“. Und damit sie nicht zu sehr abhebt, hat der NDR Pförtner eingestellt. Einer hat sie mal nicht rein gelassen, als sie ihren Hausausweis vergessen hatte. Wo sie denn arbeiten würde, hat er gefragt. Bei den Tagesthemen, sagt Will. „Aha. Und was machen Sie da?“ – „Ich moderiere die Sendung“, sagt sie verblüfft. Kann ja jeder sagen. Anne Will musste tatsächlich einen Besucherschein ausfüllen.

Irgendwann, sagt sie, möchte ich mal ein schönes Feature über Pförtner machen. Und über Parfümerie-Verkäuferinnen, die einen abschätzig anschauen und „Na, ob man da noch was machen kann“ sagen. Oder über Heimwerker-Märkte. Gab’s schon, sagt Jessie. Das war aber blöd, sagt Anne. Hat aber ‘nen Preis bekommen, sagt Jessie. Würde meines erst recht, sagt Anne.

Sie ist 36, aber das ahnt man nur ein bisschen an den Lachfältchen um die Augen. Wenn sie spricht, sehr artikuliert, ziemlich langsam, spielt sie mit dem dicken Ring an ihrem Finger. Oder schnippt sich die Haare mit zwei Fingern hinter das Ohr. Zweite Halbzeit, Dortmund drängt. Flanke Rosicky, Koller verlängert, Ewerthon trifft. „Schönes Ding“, sagt Will und klatscht anerkennend. Für wen ist sie denn eigentlich heute? „Puh, schwere Frage“, sagt sie, „ich mag beide. Sagen wir mal so: Hauptsache, Bayern München wird am Ende nicht Meister. Als die das letztes Jahr noch geschafft haben, habe ich echt abgekotzt“. Mal wieder Will: Bloß nicht festlegen. Zukunftspläne? Wie wäre es mit einer Karriere à la Christiansen? Rausgehen? An die Krisenherde, so wie Sonia Mikich in den Hindukusch? Ach nö: „Da hätte ich zu viel Schiss“. Und überhaupt: „Ich träum‘ von nix“.

Dortmund drängt. Drei Dicke Chancen für Jan Koller, die letzten Sekunden vor dem Ende, doch der lange Tscheche hat einfach kein Glück. „So langsam habe ich Bratwurst-Hunger“, grinst Will. Und dann ist das Spitzenspiel vorbei. Unentschieden, 1:1. Das Spiel war nicht übel, aber „so’n richtiger Knaller war es nicht“. Zu schlampig in der Chancenauswertung, der BVB, sagt Will. Und dann grinst sie schon wieder. „Konnte ja nichts werden, mit Koller im Sturm“.

Kalt ist es geworden, jetzt wo die Sonne weg ist. Setz mal deine Mütze auf, Jessie. Vor dem Stadion müssen wir an einer hessischen Reisegruppe vorbei. „Hey, Frau Will, was ist denn das Thema des Tages?“, ruft einer dröhnend, die anderen lachen. Will bleibt ungerührt und lächelt erst zurückhaltend, als eine Frau aus der Gruppe sie um ein Autogramm bittet. „Wir gucken Sie doch immer so gern“, sagt sie, obwohl sie allein ist. „Und bleiben Sie so, wie Sie sind“.

Soll sie ja auch. Denn sie ist nett, so richtig. Ein bisschen albern, in Maßen, nie unangenehm. Ein Stück kumpelig, aber mit gesunder Restdistanz. Unprätentiös mit einer Schwäche für Käsestullen. „In meinem Beruf kann ich es mir gar nicht leisten, zickig zu sein“, sagt sie. Zum Schluss gibt‘s die Bratwurst, die sie gewonnen hat, im „Potato Corner“ am Dortmunder Hauptbahnhofsvorplatz. Anne Will beißt kräftig in die Thüringer mit viel Senf. Tja, sagt sie dann, „die Sehnsucht nach der Bratwurst war besser als die Wurst selbst“. So ist das manchmal mit Sehnsüchten, die manchmal besser unerfüllt blieben. Kauend legt Anne Will die Stirn in vier Falten und zieht die Augenbrauen hoch.

Die Welt ist so verkommen. Wie soll bloß alles werden.

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© Stephan Bartels, 2005-08

 

   
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