CHAOS
IST EIN GRIECHISCHES WORT
Haben wir das falsch verstanden mit dem Olympischen Dorf? Ist es vielleicht nur virtuell, so was wie eine Metapher? Seit einer halben Stunde kreisen wir durch den Athener Vorstadtnorden und suchen ein Neubaugebiet für Zehntausende von Hochleistungssportlern. Kein Schild weist den Weg, nirgends. Von der Hauptstrasse rechts ab, sagt einer. Keine Ahnung, sagt der nächste, vielleicht da vorn lang? Die Strassen werden schmaler, dreimal drehen wir um, siebenmal fragen wir nach und umkreisen mehrfach eine Siedlung, bis wir schließlich einen kleinen Sandweg entdecken, auf dem schwere Baufahrzeuge unterwegs sind. Und da ist es schließlich. Kein Zaun, keine Bewachung – ungehindert fahren wir hinein. Es sieht aus, wie das, was es ist: Eine Trabantenstadt am Rande der Metropole. Hinter uns die Berge, weit unten ahnt man das Meer. Kalt ist es hier oben im Winter, viel kälter als in der Stadt. Riesige Löcher klaffen zwischen den unprätentiösen Häusern, ein paar Bauarbeiter schlurfen unaufgeregt umher. Bis Anfang August muss alles fertig sein. „Keine Chance“, sagt Petros Markaris, 66 Jahre, Bestsellerautor, Athener. „Vielleicht schaffen sie es, das Ganze fertig aussehen zu lassen – aber das ist nur die Fassade. Olympia 2004 wird auf einem Provisorium stattfinden.“
Der Mann weiß, wovon er spricht: Für seinen neuen Roman „Live“ (seit Juni in den griechischen Bestsellerlisten) recherchierte Markaris im Milieu der Olympia-Baustellen. Und er spielt auch mit diesen selbstgebastelten Vorurteilen: Griechen lieben das Chaos. Sind Meister der Improvisation. „Das ist Quatsch“, sagt Markaris, „typisch griechisch ist diese Klüngelei“. Soll heißen: „Wir haben eine Regierung, die nach allen Regeln der Vetternwirtschaft die Aufträge an Freunde und Verwandte vergeben hat – die haben so lange Kuhhandel betrieben, dass ein nutzloses Jahr ins Land ging“, sagt Markaris. Ein Jahr, das jetzt fehlt.
Schließlich nimmt man doch von uns Notiz. Ein Wagen braust heran, bestückt mit einem einsamen Sicherheitsmann. Was wir wollen, fragt er. Uns umschauen, sagt Markaris. Das sei verboten, sagt der Mann. Ach, und warum steht das nirgends?, fragt Markaris. Unsere Personalausweisnummern werden notiert, bevor wir vom Gelände geschmissen werden, unsere Fotografin soll ihre Filme abgeben. Okay, sagt Odile, und holt zwei unbelichtete Filme aus der Tasche. Der Mann ist’s zufrieden. Hoffentlich sind seine Kollegen im Sommer motivierter.
Willkommen in Athen. Willkommen beim Gastgeber der Olympischen Spiele 2004. Willkommen auf der größten Baustelle der Welt – mithin eine, die geschickt alle Anzeichen verbirgt, jemals fertig zu werden. Wir fahren nach Süden, Richtung Olympia-Stadion. Auch hier sieht es eher aus, als würde für die olympischen Spiele 2008 gebaut. Die Zufahrtsstraßen sind eine pittoreske Aneinanderreihung von Schlaglöchern, beim Stadion selbst fehlt es an allem. Da ist zum Beispiel diese extrem aufwändige Dachkonstruktion – beziehungsweise, da ist sie nicht: Der Architekt besteht auf seine schicke Glas-Idee, obwohl sie sich inzwischen als zu teuer und unpraktisch entpuppt hat. Als Konsequenz wird daran eher unentschlossen gearbeitet.
Von der neuen Strassenbahn, die bis nach ans Meer nach Glyfada reichen soll, sieht man nicht viel. Der Faliro-Komplex bei Piräus für die Ballsportarten, das Zentrum für die Kraftsportler daneben – alles Rudimente von olympiawürdigen Sportstätten. Keine einzige der Zufahrtsstraßen ist wettkampftauglich. Aber das Organisationskomitee klingt gebetsmühlenartig wie Bob, der Baumeister: Yo, wir schaffen das. „Was hier geschieht“, sagt Petros Markaris, „ist ein Gemisch aus Lüge und Optimismus“.
Das ist schade. Denn es gibt Teile der Stadt, die sich wirklich mausern. Die Plaka am Fuße der Akropolis zum Beispiel: Vor kurzem war sie noch stinkig und verkehrsverstopft, jetzt sind aus den Strassen hübsche Fußgängerzonen geworden, in denen man den Lärm nur noch von weitem hört. Endlich gibt es eine U-Bahn, drei Linien immerhin, mit Haltestellen, die wie Museen aussehen. Das kulturelle Leben blüht und gedeiht. Ein bisschen Charme hat er bekommen, dieser einst so ungastliche 5-Millionen-Menschen-Moloch.
Wenn bloß der Verkehr nicht wäre. Ein Drittel seiner Zeit verbringt der Athener im Stau, statistisch. Dabei dürfen an den geraden Tagen eines Monats nur Autos mit geraden Nummernschildern fahren, genauso ist es mit den ungeraden. Das soll dabei helfen, das allgegenwärtige Verkehrschaos in den Griff zu bekommen. Tatsächlich führt es bloß dazu, dass die meisten Athener jetzt zwei Autos besitzen. Oder ein Motorrad – die dürfen immer fahren. Abertausende davon schrammen an den Autos vorbei, allesamt belegt mit Fahrern, die nicht wirklich am Leben zu hängen scheinen. Fußgänger werden auf absurd schmale Gehwege gedrückt, Radfahrer existieren in dieser Stadt nicht. Aus gutem Grund.
Und dann diese Häuser in der Innenstadt… „Die Athener haben das Wirtschaftswunder in den 50ern und 60ern so verstanden, dass man möglichst viele hässliche Wohnblocks bauen und alles Grün vernichten soll“, sagt Petros Markaris. Hunde streunen durch die Stadt, herrenlos, zu Tausenden. Nachts schlafen sie in den Eingängen der Geschäfte, obdachlos. Das ist eine der finsteren Seiten dieser Stadt: Athener mögen Hunde. Aber bloß, bis sie in Urlaub fahren oder sie ihrer überdrüssig sind – dann setzen sie sie einfach aus, ex und hopp. Es ist etwas Gedankenloses in dieser Stadt, etwas, das sie hart und abweisend macht.
Aber es ist auch die Stadt von Petros Markaris, und der liebt sie. Nicht immer. Aber immer wieder. Besonders die Altstadt, das Viertel westlich des Omonia-Platzes. Dort geht er spazieren, einmal die Woche mindestens, schnuppert das echte Athen, richtige Menschen, sogar ein paar Bäume gibt es hier. Geboren wurde Markaris in Istanbul – ein frühes Globalisierungsprodukt: Seine Mutter war Griechin, sein Vater Armenier. Der schickte ihn auf die deutsche Schule, schließlich machte er Geschäfte mit Österreich. Und damit der Petros das auch lernt, verfrachtete der alte Herr den jungen Schöngeist nach Wien, zu einem Geschäftspartner. Dummerweise interessierte sich Petros nicht für Im- und Export – „ich habe mich in die Sprache verliebt“. Später übersetzt er Goethe und Brecht ins Griechische.
1965 geht er nach Athen – wieder der Sprache wegen. In Griechisch wollte er schreiben. Theaterstücke zuerst, auch während der Militärjunta bis 1974. Dann Drehbücher, zusammen mit dem Kultregisseur Theo Angolopoulos. „Der Blick des Odysseus“ mit Harvey Keitel und „Für die Ewigkeit und ein Tag“ hat Markaris gschrieben. Erst 1996 gab er sein Romandebüt, mit 58. Ein Krimi, mit einem Kommissar als Held, der nur bedingt dazu taugt: ein Grantler, Fremdenhasser, Eigenbrötler und Vielesser. Der eine Frau hat, die Markaris Mutter zum Vorbild hat, die schöne, kluge Tochter ist wie die von Petros.
In „Live“, seinem dritten Roman, begeht ein Bauunternehmer, der einen Großteil der Stätten bauen lässt, in einer Talkshow vor laufender Kamera Selbstmord. Wieder lässt Markaris Kostas Charitos ermitteln, sein eigener, knorriger Kommissar, der auf den Baustellen schnüffelt und mit allzu realen Problemen konfrontiert wird. Zum Beispiel: Der Vetternwirtschaft auf dem Bau. Der Tatsache, dass 300.000 billige Albaner und Bulgaren, aber kaum Griechen dort Arbeit finden. Und immer wieder Stau. Ein grantiges, ein unterhaltsames, ein zutiefst moralisches Buch ist „Live“ geworden, mit Seitenhieben gegen die Politik, das Olympia-OK und die Sensationslust der Medien. Und die Unlust seiner Landsleute auf das große Fest der Völker. „Auf Olympia freut sich hier niemand“, sagt Markaris, „alle sehen nur das Chaos, den Lärm und die Kosten, die uns allen über den Kopf wachsen“.
Athen verändert sich. Es gibt haufenweise Starbucks Coffee Shops und McDonald’s. Aber seinen starken, süssen Mokka bekommt Markaris kaum noch. Er sieht ein bisschen aus wie eine freundliche Ausgabe von Marcel Reich-Ranicki. Der Bauch ist von seiner Vorliebe für gefüllte Tomaten und Souvlaki gezeichnet. Er trägt eine bequeme Lederjacke und bequeme Schuhe – sachdienliche, uneitle Klamotten. Er schreibt, preußisch diszipliniert („Das habe ich von Böll gelernt“), zu bestimmten Zeiten. Mag Henning Mankell, Ed McBain und Andrea Camillieri. Er ist unendlich weit gereist, die arabische Welt kennt und schätzt er, seine Lieblingsstadt ist Istanbul. Kalifornien zum Beispiel mag er nicht: Zu glatt, zu hell, zu… ach, zu alles.
Dann schon lieber Athen. Auch wenn es die lauteste Stadt der Welt ist und voller Lügner. Aber nicht Abends. Da ist es entspannt und hell erleuchtet. Es hat geregnet, es ist mild, die Luft fühlt sich gut und frisch an. Aber im August ist es heiß und stickig, Smog liegt dann meist wie eine Glocke über der Stadt, die für zwei Wochen die Hauptstadt der Welt sein wird. Und womöglich noch immer eine Baustelle.
Viel Glück, Athen. Du kannst es brauchen.
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© Stephan Bartels, 2005-08