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GESPRÄCH ÜBER DIE LIEBE - AUGUST DIEHL

„Liebe und Tod hängen ganz eng zusammen“

Er gilt als ernst, extrem gut, scheu – und gerade deshalb interessant. Jetzt spielt AUGUST DIEHL einen Menschen, der aus Liebe über Leichen geht. Und das, sagt der Schauspieler in unserem Gespräch über die Liebe, ist gar nicht so unrealistisch.
BRIGITTE: Tja, Herr Diehl, wir haben einen Anschlag auf Sie vor. Wir wollen mit Ihnen über die Liebe sprechen.
August Diehl: Das ist allerdings ein Anschlag. Mit zwei völlig fremden Menschen über das Privateste zu reden, das es gibt… Das will man doch eher für sich behalten.
Aber Ihr neuer Film heißt „Was nützt die Liebe in Gedanken“. Sie sind also mitten im Thema.
Stimmt. Es betrifft ja auch jeden und ist somit mehr als privat – geradezu universell.
Fangen wir also mit dem Film an. Da geht es um einen realen Fall – die „Steglitzer Schülertragödie“ von 1927: Ein Abiturient erschießt aus Eifersucht einen Kochlehrling und sich selbst. Sie spielen diesen Schüler, den kompromisslos emotionalen Günther Scheller. Fiel es Ihnen schwer, sich in dessen Rolle einzufinden?

Gar nicht. Achim von Borries, der Regisseur, hat mir gesagt: Du bist Günther. Er hat recht. Ich hätte mir die Rolle auch ausgesucht. Günther ist jemand, der permanent versucht, glücklich zu sein – und es immer überreizt. Er ist ein sehr anstrengender Mensch. Labil. Verletzlich. Und trotzdem extrem glücklich. Günther ist verglüht, wie ein heller Stern. Es ist meine wichtigste Rolle seit „23“. Ich bin da sehr stolz drauf.
Auf einmal waren Sie wieder Teenager…
…und ich hatte Angst davor. Bei mir selber ist das ja gerade mal zehn Jahre her. Das ist eine lange, kurze Zeit. Ich merke, dass ich mich schnell wieder einholen lasse von ihr. Man ist so wahnsinnig verletzbar mit 18. Jungens in diesem Alter sind nicht so schnell im Kopf. Frauen sind da weiter – und wissen oft gar nicht, wieviel Hass sie damit oft auf sich ziehen.
Ihren auch?

Meinen besonders. Ich war eher klein und mickerig und fühlte mich nicht gerade weit entwickelt. Überhaupt, in diesem Alter ist man noch nicht so wahnsinnig im Leben verankert. Es hängt an einem noch seideneren Faden. Wenn wir also über Liebe reden, müssen wir auch über Tod sprechen. Das hängt – vor allem in diesem Film – ganz eng zusammen. Teenies sind tickende Zeitbomben – wenn sie verletzt werden, sind sie zu Morden bereit. Man suhlt sich in seinem Leid, in seinem grenzenlosen Selbstmitleid. Wenn mich nicht so vieles abgelenkt hätte – Musik, schon damals die Schauspielerei… ich weiß nicht, zu was für Unsinn ich fähig gewesen wäre.
Was macht die Liebe in diesem Alter so besonders intensiv?

Man spürt, dass man nicht ewig lebt, wenn man liebt. Die Hauptpersonen in diesem Film – Günther und Paul – sagen: Liebe ist das Einzige, für das es sich zu sterben lohnt. Ich war früher auch so ein Typ. Alles oder nichts. Du oder niemand. Keine Kompromisse. Das ist natürlich auch was sehr Deutsches, dieses Sterben für die Liebe. Und was sehr Egoistisches.
Das Sterben?

Klar. Dieses sich wichtig nehmen. Du bist ein offenes Buch. Hast keine Schutzmauern, die dir helfen, das Leben zu verstehen. Wer 18, 19 ist – oder sich daran erinnern kann – , weiß genau, worum es in diesem Film geht. In diesem Alter hältst du Frauen für unerreichbar. Wenn du dich doch verliebst, denkst du: Das isses, und wenn es diese Liebe nicht mehr gibt, ist das Leben verpfuscht. War bei mir doch früher auch so. Mit 18 ist die Liebe wie ein Rausch. Und da gehört der Tod dazu, die Möglichkeit, die Freiheit, sterben zu können, das ist ungeheuerlich.
Zum Glück bleibt es nicht so…

Das ist für mich ist das Spannendste: Wie unterschiedlich man Liebe in unterschiedlichen Stadien seines Lebens erlebt. Für mich war es ein prägendes Erlebnis, als ich meine erste Freundin nach einem Jahr wiedergesehen habe. Da habe ich gemerkt: Es ging mir gar nicht so sehr um die Frau, sondern um die Liebe an sich.
Moment mal: Die Liebe war wichtiger als die Person, der sie galt?

Naja, ist doch wie bei diesen Klassentreffen. Da siehst du Leute, die dir früher viel bedeutet haben. Und plötzlich denkst du: Mann, die sind Welten weg von mir. So ging es mir mit dieser Frau, und ich habe begriffen: Ich bin wegen dieser Liebe gereift und gewachsen – und nicht wegen der Frau. Sie hatte gar nichts mit mir zu tun. Und hat es nicht mal gemerkt.
Klingt irgendwie trostlos.

Hm, ach nein. Ich glaube, das war der Moment, wo ich ein bisschen erwachsen geworden bin. Und man muss noch erwachsener werden, um zu begreifen, dass es bei der Liebe um Menschen geht.
Sie sind ja aus dem Gröbsten raus, aber wir fragen mal zur Sicherheit: Werden Sie irgendwann aus Liebe abtreten?

Ich hätte zu viel Angst. Obwohl, auch darum geht es im Film: Gehen, wenn es besser nicht mehr werden kann.
Kennen Sie diese Jagd nach dem absoluten Punkt, diesem alles überstrahlenden Glücksmoment?

Die kenne ich gut. Es gibt einen schönen Satz im Film, als Günthers Schwester Hilde sagt: Jetzt einfach die Zeit anhalten, jetzt ist doch alles gut. Das denke ich oft, zum Beispiel wenn ich morgens von einer Party nach Hause gehe, die Vögel zwitschern, es wird langsam hell – und eigentlich will ich gar nicht ins Bett, weil alles irgendwie hysterisch ist und trotzdem friedlich.
Der Titel „Was nützt die Liebe in Gedanken“ ist aus einem Gedicht, das Hilde geschrieben hat. Haben Sie ein Stück Liebeslyrik, das Sie besonders schätzen?

Ja, es gibt ein ganz tolles Gedicht, das Else Lasker-Schüler für Gottfried Benn geschrieben hat. „Höre“ heißt das, und sie antwortet ihm darin auf eines seiner Gedichte, in dem er sagt, das niemand sein Wegrand sein könne. „Ich bin dein Wegrand/die dich streift,/stürzt ab“, heißt es darin. Unglaublich, dieses Gedicht. Else Lasker-Schüler ist eine der größten Dichterinnen überhaupt. Das sind alles Liebesgedichte, auch wenn sie über etwas ganz anderes geschrieben hat. Da war ein unglaublicher Hunger in ihr.
Wo wir gerade dabei sind: Wie steht’s mit Ihrem liebsten Liebes-Film?

Hm. „Before Sunrise“ vielleicht, mit Ethan Hawke und Julie Delpy, der war schön.
Musik?

Es gibt ein tolles Lied über Freundschaft von Will Oldham, „I See A Darkness“. Hat auch mal Johnny Cash gesungen. Oder „Visions Of Johanna“ von Bob Dylan. Der hat überhaupt sehr gute Liedeslieder geschrieben, voller Schmerz, Aggression und Selbsthass. Einer der besten Textschreiber aller Zeiten. Und dann gibt es noch ein tolles Lied von einer meiner Lieblingsbands sowieso, Radiohead, „Exit Music“ heißt das Stück. „Now we are one in everlasting peace“ heißt es darin. Großartig.
Hm. Frieden, Harmonie – gab es das auch bei Ihnen zu Hause, als Sie noch ein Kind waren?

Ja, gab es. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, wo sehr selten alle an einem Ort waren. Das ist quasi ein Ausnahmezustand, wenn alle sich sehen, da ist immer viel Liebe im Spiel. Ich finde es auch toll, dass meine Eltern noch zusammen sind, nach all den Jahren. Und meine Großeltern, die habe auch immer meine bewundert.
Wieso?

Die waren zusammen, bis mein Opa gestorben ist, und wie meine Oma ihn gepflegt hat vor seinem Tod, das war echt großartig. Neulich ist sie 90 geworden, wir waren alle da. Sie ist noch so klar im Kopf. Ich möchte auch mal so alt werden.
Liebe, ein Leben lang…

Oja. Wenn Menschen ein Leben lang mit der ersten Liebe zusammen sind – das finde ich echt toll.
Es gibt auch so Kandidaten, die glauben, dann was zu verpassen.

Ach, das ist doch mies, so etwas zu sagen. Wer bestimmt das? Soll man den einen Menschen fürs Leben aufgeben, bloß es noch was zu entdecken gibt? Jeder tickt da anders, jeder braucht etwas anderes.
Aber Sie träumen Sie ihn, den Traum von der einen, ewigen Liebe.

Ja, ganz stark. Ich bin im Moment auch sehr glücklich, aber es ist immer ein Kampf, dieses Glück festzuhalten. Bloß weil man sich heute versichert, dass man sich liebt, heißt das noch lange nicht, das es morgen genauso ist. Das hat so viel mit Neugierde zu tun, und dass der andere einem fremd ist. Das ist unheimlich wichtig, finde ich. Eine Beziehung besteht nun mal aus Zweien, und da ist es gut, wenn es Dinge beim anderen gibt, die man einfach nicht durchschaut.
Wir haben gehört, dass Sie keine Schokolade mögen.

Stimmt. Ich bin nicht so heiß auf Süsses.
Da fällt bei Ihnen ja der Liebeskummer-Trost Nummer eins aus. Womit trösten Sie sich dann?

Mit Saufen. Aber Liebeskummer ist schon arg. Und der geht nicht erst bei einer Krise los. Auch wenn man sich länger nicht sieht, wenn man nicht weiß, was der andere macht.
Blöde Frage vielleicht, aber: Sind Sie treu?

Ja, unbedingt. Das ist etwas, was man sich erkämpfen muss, das ist nicht selbstverständlich da. Und das ist gerade in meinem Beruf schwierig.
Wieso?

Wo fängt Untreue an: Wenn man mit jemandem schläft? Oder wenn man sich vorstellt, mit jemandem zu schlafen? Das ist eine riesig große Frage.
Und Ihre Antwort heißt…

…der vollzogene Sex. Wenn ich jemanden spiele, der jemand anders liebt, dann muss ich mir ja wohl vorstellen können, dass ich mit ihm ins Bett gehe, das geht gar nicht anders. So eine Kussszene kannst du nicht total mechanisch angehen.
Das muss für Ihre Freundin schwierig sein.

Die ist auch Schauspielerin. Da ist ziemlich klar: Job ist Job. Das macht die Sache einfacher. Und das Zusammenleben überhaupt.
Sind Sie selbst denn gar nicht eifersüchtig?

Na, und ob. Früher ganz heftig. Da habe ich auf meine Freundin extremen Hass geschoben, wenn sie mal woanders hingeguckt hat. Wenn meine Freundin heute mit einem anderen flirtet, bin ich allerdings eher sauer auf den Kerl. Flirten sollte man schließlich immer dürfen – wer aufhört zu flirten, hört auf zu leben.
Und was ist mit dem Typen, der mit Ihrer Freundin flirtet?

Der darf das natürlich nicht. Der soll sich gefälligst verpissen.

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© Stephan Bartels, 2005-08

 

 

   
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