KÜHLSCHRANKBRUMMEN
Das hier war leicht. Das hier war Hamburg, Heimspiel für Bernd Begemann. Drei Abende in Folge hat er den „Schlachthof“ gerockt, jedesmal war der Laden pickepacke voll, und der Typ auf der Bühne hat die Leute unten zum Johlen gebracht, zum Singen, zum Lachen, hat sie fast vier Stunden da unten wippen lassen und erst weit nach Mitternacht nach Hause geschickt, glücklich und erfüllt. Er selbst muss noch das Equipment abbauen, es zu seinem goldenen Audi tragen und zu Hause in Altona-Nord wieder in die Drei-Zimmer-Wohnung. Bernd Begemann, der beste Entertainer Deutschlands und einer seiner größten Sänger und Songwriter, hat keine Roadies. Er kann sich keine leisten.
Was ist da bloß schiefgelaufen? An welcher Stelle in den letzten 15 Jahren hat dieser Mann die Abzweigung in Richtung Ruhm übersehen? Hat er keinen vernünftigen Manager? Einfach kein Glück? Warum, zum Teufel, ist Bernd Begemann nicht längst der Popstar, der er sein müsste bei seinem Riesentalent?
Moment, sagt Begemann, ist doch alles in Ordnung: „Ich fühle mich gesegnet mit meinem Leben“. 40 ist er nun schon, an der Seite wird das Haar ein wenig grau. Das Hemd spannt beträchtlich über dem Bund der Polyester-Anzughose. Er ist ein netter Kerl, wie er da so sitzt auf seinem Hamburger Sommerbalkon. So charmant, so witzig, so intelligent. Unfassbar belesen, ein Filmfreak und Musikkenner, das ist der gebürtige Ostwestfale. Aus Bad Salzuflen kommt er, war der Sohn des Tierarztes, ein adoptiertes Einzelkind. „Wunderbare Menschen, meine Eltern“, sagt Begemann. Er schmeißt die Schule kurz vor dem Abi, weil er es nicht brauchen würde. „Ich wollte bloß mein Talent hegen“, sagt er, nur deshalb kommt der Anfang der 80er nach Hamburg. Seiner Liebe wegen – der Liebe zur Musik.
Wenn das man so leicht wäre. „Ich bin mit dem Kopf gegen Wände gerannt, bis er geblutet hat, bloß um Musik machen zu können“, sagt er. Macht 180 Jobs von Müllmann über Hafenarbeiter bis Spielzeugverkäufer – und findet 1987 „Die Antwort“, seine erste Band. Und seinen eigenen Stil, den er bis heute perfektioniert hat. Einen wie Begemann gibt es kein zweites Mal in der Musiklandschaft.
Keiner singt wie er, organisch, natürlich
und trotzdem nicht greifbar. Da sind die Songs: Feinster Gitarren-Pop, es
sei denn, er experimentiert gerade mal wieder mit seinem Rhythmusgerät.
Die Texte: Intelligent, warm, direkt, witzig und sprachlich begnadet. Über
Kleinstadtleben, Großstadtleben und immer wieder Liebe, Songs mit
einem „emotionalen
Kern“. Begemann ist ein zynikfreier Romantiker, und das ist es, was
viele glauben läßt, er sei nur ein weiterer Schlagerfuzzi, den
die Welt nicht braucht. Ach was: „Wenn Leute nicht das Ohr haben,
meine Lieder von Schlagern zu unterscheiden, sind ihre Seelen verloren“,
sagt Begemann, „aber ich werde um ihre Seelen kämpfen, und eines
Tages werden sie vielleicht ablassen von ihrem Irrweg“.
Tja, manchmal spricht er halt wie ein Prediger, und von der Begemann–Gemeinde
wird er kultisch verehrt. Es sind genug, um in jeder Stadt mindestens ein
Jugendzentrum zu füllen. Sogar drei, vier Stalker hat er. Und die Presse
feiert ihn euphorisch, zu jeder Platte, die er in seiner Küche aufgenommen
hat, brummender Kühlschrank inklusive. Zu jeder Tour, seit „Die
Antwort“ auftauchte. Und mehr noch nach seinem Solo-Debüt „Rezession
Baby!“ Seit damals gilt er unter Kritikern als Pop-Poet, Übervater
des deutschen Liedguts und als der Mann mit den besten Konzerten überhaupt,
Grönemeyer hin, alle anderen her. Er durfte Schlagernächte moderieren
und hatte 1996 sogar drei Folgen lang eine eigene Talkshow im Dritten Programm – in „Bernd
im Bademantel“ hat er im Schlafrock Gäste in seiner eigenen Wohnküche
empfangen und ihnen Dosenbier und Backofenpommes serviert.
Auch damit hat er Fans hinzugewonnen. Bloß die große Masse der Plattenkäufer, die hat ihn noch nicht wahrgenommen. Sie haben etwas verpasst. Wie er bei seinen Shows Songs wie „Fernsehen mit deiner Schwester“, „Zweimal zweite Wahl“ und „Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover“ mit Anekdoten würzt und das Publikum mit seinen Tanzeinlagen zwischen James Brown, Bauchtanz und epileptischem Anfall zum Rasen bringt. Er spielt ohne Setlist, bestimmt den nächsten Song aus dem Bauch, kein Spaß für die Jungs in seiner neuen Band, die er über Anschläge an schwarzen Brettern zusammengetrommelt hat. Manchmal veranstaltet er Ratespiele, als Preis gibt es eine miese CD aus seinem Schrank oder ein Rasierset, dass Mutter Begemann dem Jungen geschickt hat.
Begemann kennen heißt Begemann lieben, er weiß das. Deshalb ist er ein glücklicher Mann. Und weil es jetzt eine Platte gibt, die die beste ist, die er jemals gemacht hat, sagt der Bernd. „Endlich“ heißt sie, ein Begemann in Cinemascope, opulent und perfekt produziert. Es geht, mit einer Ausnahme, um Liebe. Um das, was sich nicht festhalten läßt, um Orte und Personen, die sein Leben begleitet haben. Es geht um das, was man am Ende bekommt, wenn man Glück hat. Und um Selbsterniedrigung (kann man einen Titel wie „Bis du den Richtigen triffst – nimm mich“ anders deuten?). Es ist famoser, warmer Pop. Und vielleicht die letzte Chance des Bernd Begemann, sein Ziel zu erreichen: „Irgendwann soll man meine Lieder singen, so wie „Griechischer Wein““.
Erschienen im „Stern“ am 17.7.2003
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© Stephan Bartels, 2005-08