NICHT VON DIESER WELT
Und weg war sie. Zerriss sich wutentbrannt ihr weißes Rüschenhemd, schleuderte Regisseur Lars von Trier ein paar unfreundliche Worte entgegen und stapfte, 1,63 Meter geballter Zorn, barfuß davon. Ganze vier Tage blieb Björk diesmal verschollen. Und gefährdete damit, nicht zum ersten Mal, den 25 Millionen Mark teuren Film „Dancer In The Dark“, dessen Hauptperson sie ist. Um Musik ging es diesmal: Die Crew hatte eigenmächtig am Soundtrack herumgepfuscht, den Björk für den Film geschrieben hat. Und da versteht Islands Popstar Nummer eins keinen Spass. „Die Musik ist mein Leben, da passe ich auf“, sagt sie. Björk kam wieder, eine Liste mit Forderungen in der Hand. Von Trier akzeptierte. Der Film wurde fertig und kommt am 28. September in die Kinos – dem Himmel sei Dank: Es ist ein Meisterwerk.
Eines, das unter Schmerzen geboren wurde. Wenn sie gewusst hätten, was auf sie zukommt, sagt von Trier, „hätte keiner von uns das auf sich genommen – und wir würden es sicher nicht wieder tun“. Das sagt einer, der gerade den zweitwichtigsten Filmpreis der Welt eingesackt hat, die Goldene Palme beim Festival in Cannes. Als bester Film ist „Dancer In The Dark“ ausgezeichnet worden, und Björk, der Leinwandneuling, als beste Schauspielerin. Klar sei sie glücklich über die goldene Palme, sagte sie der versammelten Presse, gewandet in ein schlechtsitzendes, bonbonrosa Barbie-Kleid, mit dem sie nach Cannes passte wie Liz Taylor in die Lindenstrasse. Aber damit sei es dann aber auch genug mit der Filmerei: „Die Dreharbeiten führten mich zu sehr in die Welt der Worte, zu weit weg von der Welt der Musik.“
Was ist das für ein merkwürdiges Paar? Und was ist das für ein Film, den sie da gemacht haben? „Dancer In The Dark“, ein mit wackeliger Handkamera gedrehtes Musical, spielt im Amerika der 60er Jahre: Selma (Björk, mit ausgeprägtem Mut zur Hässlichkeit), eine emigrierte Tschechin, lebt mit ihrem 13-jährigen Sohn in einem Wohnwagen, arbeitet in einer Fabrik und liebt Musicals. Doch sie ist krank: Langsam schwindet ihr Augenlicht, was keiner wissen soll – sie darf ihren Job nicht verlieren. Denn ihr Sohn leidet unter der selben Erbkrankheit, deshalb spart Selma jeden Penny, um ihm eine Operation zu ermöglichen. Doch ihre Ersparnisse werden ihr vom freundlichen Polizisten Bill geklaut, dem die Bedürfnisse seiner Frau über den Kopf wachsen. Als Selma ihr Geld zurückholen will, wird sie ungewollt zur Mörderin des verzweifelten Bill. Ihr droht der Strick. Happy End? Nicht mit von Trier.
Neben Björk spielen die majestätische Catherine Deneuve und Hollywoods beste Nebenrolle David Morse in diesem ungewöhnlichen Musical. Sie haben keine Chance. Björk reisst alle Aufmerksamkeit an sich, zieht uns in den Film hinein, nimmt uns mit ihrer quälenden Darstellung der tragischen und trotzdem starken Selma den Atem, bis zum bitteren Ende, gegen das von Triers Vorgänger-Drama „Breaking The Waves“ wie ein kauziges Lustspiel wirkt. Einige Kritiker in Cannes höhnten nach Verlassen des Kinos über schlechtes Handwerk, lausige Dialoge und hanebüchene Melodramatik. Es waren die ohne Herz. Die meisten der hartgesottenen Filmexperten wischten sich Tränen aus den Augenwinkeln und sprachen hier und dort von „einer unglaublichen Intensität“ in Björks Spiel. Manche sollen lange gar nichts gesagt haben.
Ihr Regisseur hat es vorher gewußt. Ein Jahr lang hatte er um Björk gekämpft, bis sie endlich ja sagte. Er wird auch gewusst haben, dass er es mit ihr nicht leicht haben, dass sie nur „unter extremen Qualen“ gut sein würde. „Für mich ist alles eine Frage von Leben und Tod“, sagt Björk. Das gilt auch für ihre Rolle: „Ich habe mich in diese Frau verliebt, ich kannte sie besser als Lars deshalb habe ich Selma ständig gegen ihn verteidigt“. Dramatisch seien die Auseinandersetzungen gewesen, und das lag auch an ihrer Fantasie: „Sie ist ungewöhnlich stark, das ist manchmal ein Problem“.
Alles ist ungewöhnlich an Björk. Ob als Schauspielerin oder Popstar – eine wie sie hat es noch nie gegeben. Schon als Kind war sie ein wenig anders. Der Vater der 34-Jährigen hat grönländisches Eskimo-Blut in den Adern, deshalb sieht sie so exotisch aus. „Chinesin“ riefen die Kinder ihr nach, wenn sie mit ihrer Hippie-Mutter durch Reykjavik ging. Schon mit elf nahm sie ihre erste Platte auf. Die bekam sogar Platin, „dazu reichen in Island 5000 verkaufte Platten“, sagt Björk. Mit 13 spielte sie in Punk-Bands, die übersetzt „Spucke und Rotz“ und „Den Hintern einer Dirne verkorken“ hießen. Sie arbeitete in einer Fischfabrik und in der Coca-Cola-Abfüllung, illegal, weil minderjährig. Und stand oft auf einer windigen Klippe über dem Meer und schrie sich die Seele aus dem Leib.
Und dann kamen die „Sugarcubes“. Als Sängerin der Band erregte die Kleine mit den Mandelaugen und der sonderbar wunderbaren Stimme Ende des 80er weltweites Aufsehen, mit Gitarrist Thor Eldon bekam sie einen Sohn, gerade mal 20 Jahre alt. 1992 trennte sich sich von Band und Mann. Ging nach London. Nahm das Solo-Album „Debut“ auf. Wurde ein Weltstar, über Nacht.
Für die Popmusik ist Björk ein Glücksfall, „die Traumfrau einer ganzen Generation“ („Spex“). Irgendwie niedlich; eine Elfe aus dem Feenwald, die über allem zu schweben scheint. Ihre etherische Stimme ist eine Urgewalt, der zwischen brüchiger Melancholie und Hysterie kein Gefühl fremd ist. Für sie gibt es keinen Maßstab – eine wie Björk war noch nie da. Selbst ihre Intensität ist beispiellos. „Darth Vader, das Böse, ist überall“, sagt sie, „es steckt in der Mittelmäßigkeit, darin, sich zu früh zufrieden zu geben“. In ihrer Londoner Zeit „trank ich 900 Tassen Kaffee am Tag und machte alles mit 9000 Stundenkilometern. Das ist großartig, wenn man von einer Mission getrieben wird.“ Björk wird. „Ich glaube, das der richtige Song zur richtigen Zeit dein Leben verändern kann“, sagt sie, „deshalb bin ich immer noch auf der Jagd nach dem perfekten Popsong“. Mit ihrer letzten Platte „Homogenic“, entstanden 1997, war sie nah dran. Mit Sicherheit aber hat sie damals eines der aufregendsten und spannensten Alben der letzten zehn Jahre gemacht, mit kantigen und zugleich hauchzarten Songs, „die für mich Island sind – und seine Natur. Felsen und Wiesen uns die See waren mir Vater und Mutter, bei allem gebotenen Respekt vor meinen Eltern.“ Das Musik-Magazin „Mojo“ fragte sich damals: „Wieviel besser kann sie noch werden?“ Und ließ die Antwort ungedruckt: besser geht nicht.
Mit sich selbst ist sie im Reinen. Mit dem Rest der Welt nicht unbedingt. 1996 zum Beispiel war ein schweres Jahr für sie. „Da habe ich meine Geduld mit den Menschen verloren“, sagt Björk. In Bangkok schlug sie eine aufdringliche Journalistin zusammen. Viele sind damals hergefallen über den „Rowdy aus Reykjavik“. Und dann war da noch Ricardo Lopez, ein geistig verwirrter Fan aus Miami. Weil sie nicht mit ihm, sondern dem schwarzen Musiker Goldie zusammen war, schickte ihr der 21-Jährige per Post eine Schwefelbombe und erschoß sich kurz darauf vor seiner eingeschalteten Videokamera. Die Bombe wurde rechtzeitig entdeckt. Die kleinen Narben auf Björks Seele waren schwieriger zu sehen.
Heute lebt Björk wieder in Island. Ihr Sohn Sindri („Er und ich sind mehr wie Zwillinge“) will wie ein normaler Teenager leben. Nicht ständig in der Welt herumgondeln, sondern feste Freunde haben. „Das ist eine neue Priorität“, sagt Börk, „und wichtiger als alles andere.“ Doch auch ihr tut es gut, das unspektakuläre Leben auf einer bodenständigen Insel, wo man nicht viel Aufhebens um sie macht. „Niemand ist berühmt in Island, da fragt keiner nach meiner Karriere“, sagt sie, „meine Freunde wollen lieber wissen, wie es meiner Oma geht“. Skandinavischer Pragmatismus – und den schätzt Björk: „Wenn dein Auto kaputt ist, reparierst du es. Wenn du ein Haus brauchst, dann baust du es. Wenn du gute Musik haben willst, dann machst du sie.“
Sie lebt in ihrer eigenen Welt. Und die besteht aus Musik. Das Knacken der Gletscher ist für sie Techno, das Rattern von Zügen auf Schienen eine Melodie. Auch das hat sie mit ihrer ersten und einzigen Filmrolle gemein: Für Selma ist der Lärm einer Fabrikhalle Musik. „Mich in die erblindende Selma reinzufühlen, war leicht“, sagt Björk, „ich funktioniere ohnehin zu 70% über meine Ohren. Die Augen sind hilfreich, aber nicht wichtig für mich. Aber wenn ich Musik höre, bin ich auf einem anderen Planeten.“ Deshalb wird es keine weiteren Filme geben – Björk kehrt zurück zu ihrer großen Liebe, „voll inniger Absolutheit und absoluter Innigkeit“ (Süddeutsche Zeitung). „Wenn ich drei Jahre für einen Film opfere, ist das für mich, als würde ich die Musik betrügen. Während dieser Zeit hatte ich das Gefühl, den Atem anzuhalten.“ Und schließlich gebe es genug gute Filme – „aber die Welt braucht mehr gute Platten.“ Getrieben sei sie, sagt Björk, „ich habe immer das Gefühl, Zeit zu verlieren. Ich habe vielleicht noch 50 Jahre – ich höre die Uhr ticken.“
Björk heißt übersetzt Birke. Das ist ein Baum mit sehr kurzen Wurzeln. Wo immer die von Björk Gudmundsdottir auch sein mögen – auf der Erde jedenfalls nicht.
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© Stephan Bartels, 2005-08