"WICKIE
IST WICHTIGER ALS WINNETOU"
Sagt einer, der mit „Der Schuh des Manitu“ 10 Millionen Deutsche ins Kino gelockt hat. Was MICHAEL „BULLY“ HERBIG, den mächtigsten Mann des deutschen Films, sonst beeinflusst hat, erzählt er uns in seinem kulturellen Lebenslauf.
1968
Ich bin ein echter 68er. Freiheit, Rebellion, und ich mitten drin – geboren
am 29. April. Was schon ein kleiner Gag ist, schließlich komme ich
am Geburtstag meiner Mutter auf die Welt. Ich platze sprichwörtlich
in die Party. Erinnern kann ich mich allerdings nicht mehr so recht, soll
aber eine wilde Zeit gewesen sein, damals in München.
1973
Ich gehe das erste Mal ins Kino, ein Landkino bei meiner Großmutter
im Allgäu. Der Film hieß „Mein bester Freund Kane“,
ein Western, aber ich habe ganz andere Probleme: Ich bin zu leicht, um
meinen Klappsitz unten zu halten. 1973 ist auch das Jahr, in der ich meine
Liebe zu Hörspielen entdecke. „Hänsel und Gretel“ nimmt
mir meine Mutter allerdings sofort wieder weg, weil ich davon Alpträume
bekomme. So viel zum Thema: Kinder brauchen Märchen.
1974
Zu den ersten Dingen, die ich im Fernsehen anschaue, gehört „Die
Leute von der Shiloh Ranch“. Ich mag auch „Barbapapa“ und
vor allem „Wickie“ – der Held meiner Kindheit. Ich weiß noch,
wie mich meine Mutter einmal zu spät aus dem Kindergarten abholt
und ich nur noch den Abspann sehe. Ich heule und werde hysterisch, weil
ich verpasst habe, worüber morgen alle sprechen. Im Grunde ist Wickie
für mich wichtiger als Winnetou. Im Juli 1974 erlebe ich das erste
echte Highlight meines Lebens am Fernseher: Das WM-Finale in München.
Wenn mir jemand eine Reise in einer Zeitmaschine anbieten würde mit
frei wählbarem Ziel: Es wäre das Olympiastadion, genau zu diesem
Spiel, genau in dem Moment, als Paul Breitner zum Elfmeter anläuft. Überhaupt,
in diesem Jahr geht für mich das Leben erst richtig los. Ich werde
eingeschult, wenig später kann ich zum ersten mal das Zeichen „ARD“ lesen,
und zum ersten Mal wird mir bewusst: Das bedeutet ja etwas. Was allerdings,
das weiß ich bis heute nicht.
Mein erstes selbstgelesenes Buch handelt von einem als Affen verkleideten Jungen, der mutmaßlich Bobo heißt – gerade neulich erzählte mir jemand, das sei das Buch, von dem DJ BoBo seinen Namen hat. Mit dem Lesen habe ich es aber nicht so, nicht einmal die Karl-May-Bücher kenne ich. Wie Winnetou starb, habe ich im Fernsehen erfahren. 20 Jahre habe ich versucht, das zu verarbeiten – bis ich erfuhr, dass Winnetou eine literarische Figur ist.
1975
Mit sechs Jahren gehe ich in einen Fußballverein, DJK München-Ost.
Ich bin offensiver Verteidiger, Typ Manni Kaltz: Ab nach vorn, Flanke
schlagen, zurück nach hinten. Warum ich das erzähle? Weil Fußball
für mich auch Kultur ist. Deshalb gibt es für mich beruflich
auch nur zwei Alternativen: Weltmeister werden oder den Oscar gewinnen.
1975 glaube ich übrigens an die sportliche Variante.
1976/77
Meine Karriere als aktiver Cineast beginnt mit den Asterix-Filmen. Aber
der erste Film, bei dem ich im Kino echtes Herzklopfen vor Aufregung
habe, ist „Superman“. Ein Wahnsinnsfilm! Was für ein
Event! Das ist wie Weihnachten und Ostern für mich. Zwei Wochen
lang erzähle ich meiner Mutter täglich (!) die Handlung des
Films, und für kurze Zeit bin ich davon überzeugt, dass ich
fliegen kann. Sogar meine erste BRAVO kaufe ich mir danach, weil: BRAVO-Starschnitt
Superman. Ich glaube, da habe ich meinen Knacks bekommen – ich
träume seitdem davon, Menschen so zu unterhalten.
1978
Ich habe in der Schule Konzentrationsschwierigkeiten. Was zum einen an
den Mädchen liegt, zum anderen daran, dass ich immer in Bildern
denke. Sprechen wir im Unterricht über Spinnen und Insekten, sehe
ich sofort „Tarantula“ und „Biene Maja“ denken.
In einer Geschichtsstunde schlage ich unserem Lehrer vor, den Stoff – das Beziehungsgeflecht zweier Königshäuser – als kleines Theaterstück aufzuführen. Das machen wir dann zu sechst. An einigen Stellen lachen meine Mitschüler, was nicht beabsichtigt ist. Aber mir gefällt’s. Ich tue etwas, und die anderen haben offenbar Spaß dabei. Danach werde ich ständig angesprochen: „War super, Bully!“ Am Abend komme ich ziemlich aufgekratzt nach Hause und sage zu meiner Mutter: „Ich will Schauspieler werden“. Mein Lehrer ermuntert sie tatsächlich, mein schauspielerisches Talent zu fördern. Aber damals erzählt sie mir das nicht, um mir ja keine Flausen in den Kopf zu setzen. Ermuntert von meinem Erfolg, möchte ich mit 11 meinen ersten Zeichentrickfilm machen. Während des Kunstunterrichts, mein Lehrer ist auch durchaus einverstanden – aber meine Mitschüler haben keinen Bock. Und ich unterschätze das Ganze auch irgendwie, zehn Bilder schaffe ich – für nur eine Sekunde braucht man allein 24…
1982
Mein Nachbar Reinhard kommt mit einer Videokamera an. Das ist die entscheidende
Wende in meinem Leben: Von da an möchte ich kein Weltmeister mehr
werden. Ich drehe in den Hinterhöfen Waldperlachs meinen ersten
Dogma-Film – kein Licht, kein Ton, keine Schauspieler – und
zwinge alle meine Kumpel, mitzumachen. Damals sehe ich auch „E.T.“ und
meine ersten Hitchcock-Filme. Übrigens: Ich dachte eine ganze Weile,
ich hätte die Vertigo-Fahrt erfunden, eine Zufahrt mit Brennweitenveränderung.
Ich gehe nämlich einmal mit laufender Kamera einen Flur entlang,
komme aus Versehen an den Zoom und denke: Wow, wenn ich groß bin
und Filme drehe, setzte ich das ein. Später sehe ich den „Weißen
Hai“, in dem Spielberg genau mit dieser Technik arbeitet. Ich
denke: Scheiße, das ist doch meine Idee! Noch schlimmer wird es,
als ich später Vertigo sehe, da hat Hitchcock das Ganze schon 30
Jahre früher gemacht.
1984
Spätestens jetzt, nach zwei Jahren Video-Erfahrung, ist mir klar:
Ich werde Regisseur. Schauspiel, schön und gut, aber das Inszenieren
finde ich viel spannender. Zusätzlich beginnt mich ein anderes Metier
zu faszinieren, und das hat mit Musik zu tun. Ich bin mit Soul aufgewachsen,
James Brown, alte Motown-Stücke (meine erste selbstgekaufte Single
allerdings ist Dschingis Khan). Eine Zeitlang gibt es für mich nur
Elvis, rauf und runter. Von seinem Tod erfahre ich in der Tagesschau,
seitdem habe ich immer Angst, wenn ich Dagmar Berghoff sehe.
Aber jetzt, 1984: Breakdance. Genauer: Robot Dance. Ich besorge mir weiße Handschuhe und Netzhemd und mache zu Herbie Hancocks „Rock It“ diesen Mix aus Pantomine und Breakdance. Später kommt dann Smurf dazu, und sobald du eine Stufe weiter bist, belächelst du die anderen: „Robot? Is‘ ja voll Old School“. Unser Sportlehrer unterstützt das Ganze, junge Leute, die sich zur Musik bewegen, warum nicht. Steckt ja viel Akrobatik drin. Und es bringt auch ein paar Mark – in der Fußgängerzone beim Marienplatz machen wir das Ganze öffentlich, was mich mit dem Gesetz in Konflikt bringt. Ein Polizist kommt vorbei und fragt: „Wem gehört der Casettenrecorder da?“ Das geht ja wohl gar nicht, mein Mordsgerät Cassettenrecorder zu nennen. Ich erkläre ihm in gebührenden Worten, dass dies ein Ghettoblaster sei. Wenig später sitze ich auf der Wache, und tausend Sachen gehen mir durch den Kopf: Gott, was sagt meine Mutter dazu? Bin ich jetzt vorbestraft? Ist mein Leben ruiniert? Um die erste Frage zu klären: Meine Mutter hat sich schlapp gelacht. Wenn man wegen Tanzen abgeführt wird, sagt sie, kann es so schlimm nicht sein.
1989
Bei der Bundeswehr habe ich einen Zugführer, der darauf steht, Brücken
zu bauen. Das wird mir irgendwann echt zu viel, deshalb frage ich, ob
ich nicht einen Kompaniefilm drehen darf. Ich darf, und lungere mit der
Videokamera herum, während die anderen schwer schuften. Dann bekomme
ich auch noch zwei Wochen Zeit zum Schneiden und vertonen, mit Indiana
Jones-Musik. Der Film wird gezeigt, die Stimmung ist riesig, die Jungs
finden es super. Eine schöne Abwechslung für alle Vaterlandsverteidiger.
1990
Aufnahmeprüfung an der Filmhochschule. Ich soll eine arschlangweilige
Eifersuchtsszene schreiben, habe aber keine Lust – bei mir wird
das Ganze zu einem Verhör in einer Science Fiction-Kulisse. An die
Geschichte, die ich mir damals ausdenke, stehe ich immer noch, deshalb
erzähle ich sie mal lieber nicht. Das hilft mir 1990 aber nichts.
Ich werde nicht einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Das ist
schon traurig: Wenn du etwas unbedingt machen willst, und dir zieht jemand
den Teppich unter den Füßen weg, bevor’s überhaupt
losgeht – was dann?
Ich gründe aus purer Verzweiflung im selben Jahr eine Firma. Zusammen mit einem Kollegen von der Bundeswehr, der an einer Werbeschule abgelehnt wurde – zwei gescheiterte Existenzen machen einen Laden für Anrufbeantwortersprüche auf. Ich hatte vor dem Bund eine Fotografenlehre gemacht und will jetzt unbedingt was mit Ton produzieren. Dass ich damit in eine Marktlücke rutsche und viele Leute darüber schreiben, finde ich schon schräg. Geld mache ich damit jedenfalls nicht. Aber ich lande beim Radio, und zwar
1991
Erst mache ich nur kleine Sachen, Minihörspiele von zwei Minuten.
Später bin ich dann gut im Geschäft mit Comedy-Beiträgen
für Radio Gong, noch später bei Energy. Für die „Die
Bayern Cops“, von denen es 800 Folgen gibt, bekomme ich 1996 sogar
einen Radiopreis. Apropos
1996
Ein Münchener TV-Sender will unsere Sachen aus dem Radio ins Fernsehen
bringen. Sie schicken mir einen Kameramann und einen Praktikanten, wir
ziehen los und machen irgendeinen Schwachsinn. „Bully und die Tapete“ zum
Beispiel: Ich stehe vor einer Wand und mache Wortspiele. Das ist nicht
neu, aber billig. Pro7 wird auf mich aufmerksam, ich werde in die Planungen
zu einem Sketch-Format einbezogen. Ich erzähle, dass ich noch zwei
kenne, die „eigentlich ganz lustig“ sind – so schubse
ich Rick Kavenian und Christian Tramitz ins Fernsehen. Pro7 mag uns und
will mehr. Okay, sage ich, unter einer Bedingung: Wir produzieren selbst,
und ich will Regie führen. Ich habe mich also verkauft, um endlich
Regie machen zu dürfen. Ich bekomme eine Woche lang ein Team, traumhafte
Bedingungen! 25 Sketche sind geplant, 60 werden es – wir drehen
wie im Rausch.
Aber es fehlt das Format, der Rahmen. Die Suche danach ist die schlimmste Zeit meines Lebens: Programmdirektoren und Redakteure quatschen auf dich ein, jeder hat was zu sagen – das sind Mühlsteine, zwischen die du da gerätst. Na, am Ende kommt das dabei heraus, was
1997
als die erste Staffel der „Bullyparade“ gesendet wird. Und
ich finde es – unfassbar scheiße. Ich kann nur von Glück
reden, dass es damals keiner sieht. Es läuft samstags gegen Fußball,
und keine Sau interessiert’s. Aber wir bekommen eine zweite Chance.
Und die nutzen wir, wie die Geschichte lehrt.
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© Stephan Bartels, 2005-08