Die
Erfindung des GlÜcks
Es klingt schon besonders, wenn Laura López Castro singt: nach Sehnsucht, Weltschmerz und Herzen in Aufruhr. In einem schwäbischen Dorf ist sie aufgewachsen, ihre Eltern sind Spanier, ihr Leben ist ruhelos. BRIGITTE besuchte die 27-Jährige im Studio – wo das Musikmachen genauso wichtig ist wie das Kochen und der Rotwein
Der erste Weihnachtstag von Laura López Castro beginnt leicht bewölkt, die Temperaturen bewegen sich im deutlich zweistelligen Bereich. Draußen vor dem Studiofenster ist Berlin in milchiges Herbstlicht getunkt. Und Laura singt Weihnachtslieder. Nein, falsch: Es sind Lieder, die für sie zu Weihnachten passen. Zum Beispiel ein Stück von George Gershwin. Und deshalb haucht die 27-Jährige „S’wonderful“ in das Mikro, die Augen geschlossen, mit den Händen hält sie sich an den Kopfhörern fest. Das rechte Bein wippt sachte mit, ihr Fuß im uralten Turnschuh gibt den Takt in den Boden weiter. Ein hagerer Mann sitzt ihr gegenüber, auf einem Stuhl vor dem Fenster, grauer Pulli, grüner Schal, mit stillem Ernst zupft er sanft die Gitarre. Aber Philippe Kayser ist mehr als bloß der Mann an der Klampfe. Er ist Teil zwei eines kongenialen Duos. Der musikalische Kopf von Laura López Castro y Don Philippe.
Dieser Tag im Studio ist ihr, ist unser Geschenk an die BRIGITTE-Leserinnen: Laura López Castro, eine der besten, der ungewöhnlichsten Sängerinnen Deutschlands, singt drei Lieder für uns. Außer Gershwin ist ein Stück des Brasilianers Caetano Veloso dabei, das letzte ist vom legendären mexikanischen Musiker Agustín Lara. Diese drei Songs können Sie sich downloaden, exklusiv, kostenfrei, unter www.brigitte.de/songs. Und: Sie können sich selbst davon überzeugen, dass hier eine ganz große Künstlerin am Werk ist.
Denn Laura López Castro hat für Aufsehen gesorgt in den vergangenen zwei Jahren. Weil sie mit Kayser zwei Platten gemacht hat, wie man sie lange nicht gehört hat. Unmodern eigentlich: Bossa Nova, Fado, lateinamerikanische Mixturen, gesungen auf Spanisch, Portugiesisch, Italienisch. Lieder voller Melancholie und wehem Herzen, die sich beim Hören in der Brust ausbreiten – man muss nicht unbedingt den Text verstehen, um zu wissen, worum es geht. „Laura López Castro Y Don Philippe Inventan El Ser Feliz“ (SonyBMG) heißt die letzte CD aus dem Sommer, übersetzt: Laura López Castro und Don Philippe erfinden das Glück. Die beiden Schwaben haben es hier aufgenommen, in diesem Studio in einem Hinterhofhaus am Prenzlauer Berg.
Normalerweise sind Tonstudios in Kellern versteckt. Das hier nicht. Aus dem Fenster kann man auf den breiten Graben der S-Bahn-Gleise schauen, hinten liegt die Schönhauser Allee. Und es gibt eine Küche, eine große sogar. Hier kocht Laura mittags, zusammen mit Ulla, zugleich ihre Managerin und Philippes Freundin. Heute gibt es Nudeln mit Hack und Gemüse, alles bio, Salat mit Kapern und Estragonsoße steht auf dem Tisch und Blattsalz aus dem Himalaja. „Mittagessen ist uns ganz wichtig“, sagt Philippe. Es gibt Wein dazu, roten, „das macht das Leben leichter“, sagt Laura. Aus Salach kommt sie, ein Dorf in der Nähe von Göppingen, schwäbisches Kernland. Ihre Eltern aber stammen aus Spanien – der Vater aus Madrid, die Mutter aus León. Die beiden haben sich in Deutschland kennen gelernt, Lauras Mutter war ein Gastarbeiterkind, dessen Vater in der Papierfabrik geschafft hat. Und ihr Vater ein Musiker, der mit seiner Band dauerhaft durch Deutschland getourt ist, um spanische Gastarbeiter zu bespielen. „Los Binkis“ hieß die Gruppe, „die hatten 1971 in Spanien sogar eine Single“, sagt Laura. All das hat ihr Vater dann aufgegeben für eine bodenständige Liebe im ländlichen Raum. Musikalisch interessierte Laura sich allerdings überhaupt nicht für das, was ihre spanische Herkunft zu bieten hat. Mit 14 hat sie Pearl Jam und Nirvana gehört und früh in Indie-Bands gesungen, ihre Vorbilder waren Björk, Deus, Kyuss, Elbow. Zu der Musik, die sie heute ausmacht, fand sie mit Hilfe von Philippe Kayser.
Den hat sie in einer Kneipe in Stuttgart kennen gelernt. Sie war Schauspielschülerin Philippe gefeiertes Mitglied des legendären Hiphop-Kollektivs Freundeskreis und hat in dieser Kneipe Platten aufgelegt, mit seiner Freundin Ulla war Laura schon länger dicke Tinte. Sie mochten sich, fanden einander spannend. Irgendwann stand sie dann in Philippes Studio und sang ohne jede Begleitung ein Lied auf Spanisch ein. Und verschwand kurz darauf aus überbordendem Liebeskummer ein paar Monate nach Mexiko. Als sie zurückkam, hatte Philippe unter den Gesang einen Klangteppich gewebt mit seiner Gitarre. Ausgerechnet Gitarre, „die hatte ich fast zehn Jahre nicht angefasst“, sagt er. Aber das Ergebnis hat beide verblüfft, ein unerwarteter, irgendwie magischer Moment. Sie wollten mehr. Vor vier Jahren fing ihr gemeinsames musikalisches Glück an, vor eineinhalb erschien das bemerkenswerte Debütalbum „Mi Libro Abierto“.
„Was wir jetzt machen“, sagt Philippe, „ist die Loslösung von allem, was wir früher waren. Es hat uns nicht interessiert, ob wir damit Platten verkaufen oder jemals angesagt sein werden – es war wie eine Sternschnuppe, uns auf diese Art von Musik einzulassen. Zu erforschen. Es hat uns mitgerissen.“ Und Laura sagt: „Philippe hat mich gerettet. Der Indie-Rock schlummert immer noch in mir. Aber immer weniger. Ich habe neulich meine CDs sortiert, und oft habe ich mich gefragt: Das hast du mal gut gefunden? Fiona Apple, Pearl Jam und die Smashing Pumpkins sind sofort rausge- flogen.“ Sie nimmt noch einen Nachschlag von den Nudeln. „Philippe hat mich da ein bisschen verdorben“, sagt sie und grinst, „der hat zu viel gute Musik angeschleppt.“ Sie sind zusammen nach Berlin gezogen, Laura, Philippe und Ulla. Philippe mag Städte, die Geschichten erzählen, Berlin ist so eine. „Ich habe mich nach einem Tag hier zu Hause gefühlt“, sagt Philippe, Sohn eines Schwaben und einer Pariserin, „ich brauche Schönheit um mich, das Großstädtische.“ Heimweh kennt er nicht, Laura noch weniger. „Ich fühle mich nicht verwurzelt, nirgends“, sagt sie, „nicht in Salach, nicht in Stuttgart, nicht in Berlin.“ Da ist „diese ewige Sehnsucht nach mehr“: „Bei meinem ersten Besuch in Mittelamerika habe ich mich akzeptiert gefühlt wie nie zuvor in meinem Leben“, sagt Laura, „es war wie nach Hause kommen. Da war so eine starke Verbundenheit, obwohl mir die Kultur total fremd ist.“ Sie leert die Rotweinflasche, ein Schluck für sie noch, einer für Ulla, einer für Philippe. Der sagt: „Das kann in drei, vier Jahren auch wieder verschwunden sein bei dir. Du bist ein suchender Mensch. Alle sind suchend, irgendwie, aber Leuten wie dir fehlt der Anker.“
Sie sei flatterhaft, sagt Laura López Castro, außerdem neige sie zum Drama, zur großen Inszenierung – das muss Philippe ausgleichen. Er ist ihr Halt, „meine einzige Konstante im Leben, neben Duschen und Zähneputzen“. Kayser sagt: „Um mal bei aller Flatterhaftigkeit was Positives zu sagen: Ich finde es bemerkenswert, dass du das hier seit vier Jahren durchhältst. Die Musik, das enge Verhältnis zu Ulla und mir. Wahrscheinlich sind deine Konstanten Duschen, Zähneputzen und mit mir Musik machen.“ Das, sagt Laura, liege daran, „dass ich im Leben noch nichts gemacht habe, was so gut war wie unsere Musik. Ich glaube daran, ich weiß, dass es sich lohnt“.
Bei ihren Liedern ist am Anfang das Wort. López Castro zieht sich zum Schreiben zurück. Beim letzten Mal ist sie im Januar nach Tarifa gefahren, an die Südspitze Spaniens („Eigentlich wollte ich nach Ecuador, aber dafür hat das Geld nicht gereicht“), dort hat sie sich ans Meer gehockt und geschrieben. Und geschrieben und geschrieben, „es hätte auch ein Buch werden können. Das ist ein Moment wie in Trance, man weiß gar nicht, was die eigenen Worte bedeuten“ – aber später, sagt Laura, wenn die Sätze sich zu einem Lied gefügt haben, ergeben sie plötzlich Sinn.
Manchmal hocken die beiden zusammen, und Philippe spielt irgendetwas, Akkorde, Ideen einer Melodie, und Laura holt ein paar ihrer Zeilen hervor, die sie früher geschrieben hat, die aber plötzlich passen. Philippe steht auf und holt die Gitarre aus dem Aufnahmeraum. Er ist fast 48 und hat einiges erlebt in der Musik, die raspelkurzen Haare schimmern grau. Er stimmt die Gitarre und greift die ersten Akkorde von „S’wonderful“. Laura singt sofort mit, Küchenprobe, es klingt gut, richtig gut. Und deshalb probieren die beiden gleich noch mal das nächste Lied für die BRIGITTE hinterher, „Farolito“, ein uraltes Stück des Mexikaners Agustín Lara, geschrieben in den fernen 50ern des letzten Jahrhunderts. Unter dem offenen Fenster rumpelt laut die S8 Richtung Pankow vorbei, Laura singt „Badabadabam“, viermal, ihre Nase wird schmaler dabei, die Lider fallen halb. Sie sei, sagt Laura López Castro, offen und fröhlich, „aber ich trage wie jeder mein Päckchen mit mir rum. Diese melancholische Musik ist mein Ventil für dieses Päckchen“. Ein anderes ist diese innere Unruhe. „Ich brauche das: immer wieder abzuhauen, unterzutauchen“, sagt sie, „ich bin 27, da ist es doch normal, dass man das Leben hinterfragt und nach neuen Wegen und Möglichkeiten sucht.“
Sie hat ein paar Tattoos: einen Stern über dem rechten Handgelenk („Hab ich aus Mexiko mitgebracht“), zwei weitere Sterne auf den Schultern. „Auf dem Rücken gibt es noch eine Elfe und zwei Schwalben auf dem Unterleib, die kann man jetzt gerade nicht sehen“, sagt Laura. Das sagt etwas über sie: Vögel, Sterne, ein Fabelwesen. Und auch das dritte Lied, das sie an diesem Tag im Studio aufnehmen will, hätte für sie gemacht sein können: Caetano Velosos Song heißt „Coraçao Vagabundo“.
Ein vagabundierendes Herz. Vielleicht braucht man gar nicht so viel mehr als diesen einen Song, um Laura López Castro zu beschreiben.
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© Stephan Bartels, 2005-08