FRAG'
NICHT, WER ICH BIN
Sie ist eine der großen Stimmen Lateinamerikas, voller Leidenschaft für Liebe, Frauen und Tequila. Dies ist die Geschichte von CHAVELA VARGAS, ein Weltstar aus Costa Rica
Das Leben. Es hat sich eingegraben in ihr Gesicht. Der Hass. Die Wut. Das chronische Anderssein. Die Liebe, die Leidenschaft, der Alkohol, Unmengen Tequila, alles nachlesbar in den Falten, den blitzenden Augen, dem tiefen, dreckigen Lachen von Chavela Vargas. 84 Jahre alt ist sie, ein Wunder an sich, doch dazu später mehr. Eine lateinamerikanische Legende: Zwei Jahrzehnte lang, in den 50ern, in den 60ern, war sie eine der größten Sängerinnen spanischer Sprache. Und ist es heute wieder, neu entdeckt von zwei Filmemachern vor einem Dutzend Jahren. Doch das ist das Ende dieser Geschichte.
Der Anfang ist Costa Rica. „Der Arsch der Welt“, sagt Chavela Vargas finster. Hier lebte Isabel Vargas Lizano, so ihr wirklicher Name, die ersten 15 Jahre ihres Lebens. Auf einer Orangenplantage eines Onkels ist sie aufgewachsen, ohne Eltern, dafür mit viel Arbeit: „5000, 6000 Orangen habe ich mit meinen Händen jeden Tag heruntergerissen.“ Da war eine Wut in Chavala, ohne erkennbaren Grund. Eine Wut, die Wände hätte einreißen können. Und ein Ziel war da: Nur weg von hier, vom Ende der Welt.
Mit 15 ging sie nach Mexico City, allein. Gesungen hat sie schon damals – aber ihre Karriere begann erst mit 32. „Eine neue Stimme ist geboren“, jubelten die Zeitungen 1951 in Mexico. Sie mischte Bolero mit mittelamerikanischer Folklore, mit Inbrunst, mit Intimität und Würde. Zwei Gitarren, eine Stimme. Man steckte sie in High Heels, Rock und Strapse und stellte sie auf die Bühne. „Das“, sagt Chavela, „war nicht gut“. Beim nächsten Auftritt trug sie Hosen, Sandalen und einen Poncho. Sie hockte auf der Bühne, in der Hand eine Zigarre und einen Drink.
Das war die Vargas, wie sie sich selbst sah. Unangepasst, zornig, voller Leidenschaft und dunkler Seiten. Sie liebte für fünf: zuerst Männer, später Frauen. Und sang sogar darüber, laut und anzüglich. Im erzkatholischen Mittelamerika, dio mio!
Sie wurde zum Liebling der Bohème. Künstler umkreisten sie, Schriftsteller wie Pablo Neruda und Gabriel García Márquez wurden Freunde. Und Diego Rivera und Frieda Kahlo, Mexikos exzentrisches Künstlerpaar. Einmal ging sie aus dem Haus, um einen Abend lang für die beiden zu singen. Sie kehrte erst ein Jahr später zurück. Frida, das war große Liebe: „Sie hat gesagt: Ich fühle dein Blut in mir. Und so war es. Es war eine wundervolle Liebe.“ Mystische Wesen seien sie gewesen, sagt Vargas. Waren verletzlich, wild, geheimnisvoll, zärtlich, ernst.
Aber es gab auch andere. In Acapulco war sie mal bei einer der vielen Hochzeiten von Elizabeth Taylor zu Gast, eine wüste Party, bei der es reiner Zufall war, neben wem man am Morgen lag. „Ich bin neben Ava Gardner aufgewacht“, sagt Chavela.
20 Jahre lang rotierte sie in ihrem Zirkel aus Denker und Dichtern und Malern und Sängern, 20 Jahre lang hat sie gesoffen wie ein Loch, „ich bin 20 Jahre lang gestorben“. Sie lebte ihr Leben, als wäre es ein Tag, heißt es in einem Lied über sie. Ihre Stimme ist vernarbt von diesem Leben, von selbstgeschätzten 45 000 Litern Tequila. Sie ging von der Bühne, als sie anfing, im Suff Lieder zu wiederholen. Zog sich zurück in ein kleines mexikanisches Dorf, um den Alkohol abzuschütteln.
Elf Jahre lang war sie einfach weg. Viele haben sie für Tod gehalten, nicht ohne Grund: „Ich habe eine Leber wie ein Museum. Es ist unerklärlich, dass ich noch lebe“. Werner Herzog und Pedro Almodovàr, die beiden Filmemacher aus dem fernen Europa, entdeckten sie 1990 wieder. Über 70 war Chavela, als diese Herren sie aus der Versenkung holten und ihr ein Comeback à la Buena Vista Social Club bescherten.
Kein Alkohol mehr heute. Sie hat nach eigenen Angaben allen guten Tequila Mexikos vernichtet. Das Leben, sagt Chavela Vargas, hat ihr alle Möglichkeiten geboten. Alle. „Aber ich habe mich dafür entschieden, eine Trinkerin zu werden, eine lebensverschwendende Trinkerin“.
Heute aber wird sie geliebt. Und überschwänglich gefeiert – in Spanien, in Frankreich, in Mittelamerika. Geheimnisvoll wie eh und je. „Frag mich nicht, wer ich bin – ich werde es dir nicht sagen“, singt sie. Immer noch ist sie unangepasst, immer noch traurig, immer noch voller Wut, auf Plattenfirmen, auf Geldgier, auf Ignoranz. „Ich bin eine anormale Person“, sagt Chavela Vargas, „ich habe nie gemacht, was man von mir erwartet hat“.
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© Stephan Bartels, 2005-08