Schriftgröße [+] [-]

CLAUDIAS WELT

Sie redet nicht viel, heißt es. Aber hier erzählt CLAUDIA PECHSTEIN mal, was Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin bewegt, wenn sie ihre Runden auf dem Eis dreht

Erfurt, im späten Herbst. Training in der Gunda-Niemann-Stirnemann-Halle, der modernsten Eisschnelllauf-Arena Europas. Musik quillt aus Lautsprechern, die Charts rauf und runter. Klappschlittschuhe klappern. Schwuschschwuschschwusch zieht Claudia Pechstein mit der deutschen Nationalmannschaft der Eissschnelläufer ihre Runden – und nicht nur die: Die Polen sind da, eine Handvoll Läufer in kanadischen Anzügen, ein paar Teenagern in Pullovern mit der Aufschrift „Landeskader Thüringen“.

Und Annie Friesinger. Aber die hängt nur mit ihrer Trainingsgruppe herum, mit ihrem Bruder Jan und Trainer Markus Eicher. Sie halten Distanz, die Claudia und die Annie, und übersehen einander geflissentlich.

„Herrje, diese alte Geschichte mit dem „Zickenduell“... Ich habe ja schon vorher Olympia-Medaillen gewonnen, auch goldene - aber Salt Lake City hat alles verändert. Vielleicht muss man ja zweimal Gold gewinnen und als Deutschlands erfolgreichste Winterolympionikin aller Zeiten nach Hause zurückkehren, damit man wahrgenommen wird. Kann aber auch sein, dass dieses sogenannte „Zickenduell“ dazu beigetragen hat. Dabei fing es ja gar nicht bei Olympia an, sondern schon bei der Europameisterschaft im Januar 2002. Da habe ich trotz einer Erkältung über 5.000 Meter gewonnen, und Anni Friesinger hat dann in einem Interview suggeriert, dass ich gar nicht krank gewesen sei. Dazu kam ihre Äußerung, dass es in unserer Trainingsgruppe keinen Spaß gäbe - ich habe keine Ahnung, woher sie das wissen will. Und dann hatten wir diese ganzen Schlagzeilen während der Spiele, als das Thema eigentlich schon lange gegessen war. Das ist echt traurig: Du bist beim größten Sportereignis, das es gibt - und alle schreiben über den Busen von Anni und die Perücke von Claudia. Ich habe einfach irgendwann aufgehört, jede Headline zu lesen. Da wird man sonst verrückt. Aber wir haben davon profitiert, beide. Obwohl Anni gesagt hat, dass sie das Ganze mitgenommen hat. Ich hatte dazu keine Zeit. Ich kann so was wegdrücken, das ist wohl auch typabhängig. Man sagt mir auch nach, dass ich mich immer auf den Punkt genau auf den Saisonhöhepunkt wie Weltmeisterschaften oder Olympia vorbereite. Ich kann das einfach.

Anni und ich haben eigentlich gar kein Problem miteinander, auch wenn die Medien das gern so darstellen. Wir sind Konkurrentinnen, das ist klar. Sie hat ihre Trainingsgruppe, ich meine. Wir sagen hallo, das ist es dann. Keine von uns macht einen Hehl daraus, dass wir wohl nie Freundinnen werden, aber wir respektieren gegenseitig unsere sportlichen Leistungen. Das zählt.

Ursprünglich wollten wir diesen Nationalmannschafts-Lehrgang in Berlin machen, meiner Heimatstadt. Aber da gibt's noch kein Eis, jetzt sind wir in Erfurt, also wieder Hotel. Das ist gar nicht so schlimm, aber mich nervt, dass es meine Stadt es nicht hin bekommt, vernünftige Trainingsmöglichkeiten zu schaffen. Ist wohl kein Geld da, mal wieder. Na, es ist ja nicht so, dass es hier in Erfurt schlimm wäre, aber ich bin echt oft genug unterwegs. Wie viele Tage im Jahr, das weiß ich gar nicht - wäre einfacher, die Tage zu zählen, an denen ich nicht weg bin. Das ist wenig genug. Schließlich bin ich verheiratet, seit vier Jahren schon.

Ich trainiere vor allem mit Männern. Das ist nichts, was meinen Mann ängstigen müsste - viel mehr hat ihn am Anfang gestört, dass ich so selten Zeit für ihn hab'. Moment mal, habe ich gesagt: Hier geht's um Leistungssport, das ist kein Ringelpiez mit anfassen. Die Konkurrenz schläft nicht, deshalb muss ich hart und härter trainieren, da ist ein bisschen weniger Ehe während der Sportlerkarriere halt der Preis dafür. Ich kenne es nicht anders, deshalb leide ich nicht darunter. Er muss auch nicht bei jedem Wettkampf dabei sein, dazu ist er viel zu nervös, wenn ich an den Start gehe. Außerdem habe ich einen anderen ständigen Begleiter dabei, mein Maskottchen. Mein Eisbär, den wollte ein Fan mal klauen. Aber mein Mann hat ihn gerettet, zum Glück.

Ob ich gern trainiere? Tja, wie spannend ist es, jeden Tag arbeiten zu gehen? Denn das ist es nun mal für mich. Ich fahre jedes Jahr 3500 Kilometer Schlittschuh, 1000 Kilometer Rollschuh, 3000 Kilometer Fahrrad, dazu kommen 300 Stunden im Kraftraum. Und das ist noch nicht mal viel, andere machen viel mehr. Mir reicht das, sonst würden meine Beine wahrscheinlich komplett schlapp machen. Langweilig wird es mir trotzdem nicht, ich muss mich dabei voll konzentrieren, auf jeden nächsten Schritt. Ich glaube, ich fixiere manchmal einen Punkt am Ende der Geraden, aber bewusst ist mir das nicht. Das Ganze sieht vielleicht meditativ aus, aber du darfst nicht abschalten. So‘n Sturz ist schnell passiert. Und dann ist da ja auch noch mein Trainer Joachim Franke. Der passt schon auf, dass bei mir nichts aus dem Ruder läuft. Manchmal denke ich, er kennt mich besser als ich mich selbst. Mein Training sieht zwar oft stupide aus. Aber mir gibt es einen Kick - diese Geschwindigkeit. Diese Dynamik. In Salt Lake City hatte ich einen Schnitt von 45 Kilometern in der Stunde. Über 5000 Metern! Na, war ja auch Weltrekord. Sprinter bekommen über die 500 oder 1000 Meter sogar 65 bis 70 Sachen drauf.

Dass es in Salt Lake wieder geklappt hat mit Gold, war echt super - allein die Siegerehrung am Abend in der Stadt: Tausende standen da bei der Übergabe der Medaillen und haben gejubelt. War 'n klasse Gefühl, aber was ich damit wirklich auslöse, habe ich erst später kapiert. Am Flughafen waren so viele Leute, dass ich gar nicht mehr wusste, wohin ich gucken soll. Zum Genießen kam ich erst Wochen später - erst kam die Presse, dann die Politiker. Empfang bei Wowereit, und ich dachte: Toll, jetzt drehen die sich alle wieder im Kreis. Aber das gehört dazu im Sport, das ist schon in Ordnung, wenn sich Politiker mit dir schmücken. In einem Magazin stand, ich hätte bei der Wahl Stoiber unterstützt, nur weil er mich eingeladen hatte, in der gleichen Maschine wie er mit zum Fussball-WM-Finale nach Japan zu fliegen. Dabei gab es im Wahlkampf auch Veranstaltungen, die ich gemeinsam mit Gerhard Schröder besucht habe. Kann ja auch nicht verkehrt sein, Kontakte in die Politik zu haben. Schließlich entscheiden die Herren ja auch über Gelder im Sport, und da kann man leichter mal beim Bürgermeister vorbei schauen und sagen: Wir brauchen da was in der Halle.

Mensch, das hatte ich mir doch ein Leben lang gewünscht: Mal ein bisschen mehr Öffentlichkeit. Andere Olympiasieger waren immer populärer - das ist jetzt anders, ob das nun an den zwei Goldmedaillen liegt oder am Zickenduell. Was da alles kam: Kerner, Maischberger, Stefan Raab... Und dann bin ich auch noch Botschafterin der Berge geworden! Renate Künast hat jemanden gesucht, der das machen will, und hat ausgerechnet jemanden aus Berlin gefragt. Geniale Idee. Aber so eine Ehre wird auch nicht jedem zu Teil, die Lorbeeren hole ich mir gern ab.

Jeder wollte was von mir, und ich habe mich gefragt: Warum? Ich laufe seit zehn Jahren schnell, und plötzlich stand ich im Rampenlicht. Aber ich genieße meinen Augenblick und lasse mich feiern. Ich habe dafür lange genug hart gearbeitet. Andere Türen haben sich geöffnet: Plötzlich hatte ich zwei große Sponsoren, da war ich schon verblüfft, wie schnell das auf einmal ging nach all den Jahren. Und stolz war ich auch.

Der Wettkampf mit Stefan Raab war meine Idee. Wenn man da eingeladen wird, muss man sich was einfallen lassen, sonst lässt er sich etwas einfallen, und das ist im Zweifel unangenehmer. Dass ich das Rennen verloren habe - geschenkt. Erstens sind 900 Meter Vorsprung kein Pappenstiel, zweitens ist dieses Laufen auf der viel kleineren Shorttrackbahn ganz anders, und drittens waren meine Schuhe die Pest: Neu und viel zu hart und sowieso ganz anders. Aber egal: Der Spaßfaktor war so groß - die ganze Show, die Stimmung in der Halle, und meiner Popularität hat dieser zweite Platz auch keinen Abbruch getan.

In der Halle, dem Wellblechpalast - das war ein Heimspiel für mich. Da spielen normalerweise die Eisbären, das Ost-Berliner Eishockey-Team. Da gehe ich hin, sooft ich kann. Ich bin auch Ehrenmitglied im Verein. Die Fans da pflegen ihre ganz spezielle Ost-Identität, da sympathisieren viele immer noch mit der alten DDR. Ich bin aber auch Ehrenmitglied bei Hertha BSC, dem Fußballverein aus dem Westen, sehe mir manchmal die Spiele im Olympiastadion an. Ich bin Berlinerin, ob nun Ost oder West. Wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme, sage ich: Berlin. Aus Ost oder West, fragen die Leute weiter. Ich sage: Aus Berlin. Dieses Ost-West-Thema ist nicht mein Ding, das ist für mich kein Thema. Darüber wird mir immer noch viel zuviel geredet. Ist doch egal, woher man kommt.
Ich habe mit dreieinhalb Jahren mit Eiskunstlauf angefangen, seit 1981 laufe ich schnell. Ich dürfte auf Schlittschuhen knapp zwei Mal die Erde umrundet haben. Eigentlich habe ich die falsche Sportart. Ich bin nämlich total kälteempfindlich. Wahrscheinlich laufe ich deshalb so schnell, damit ich früher fertig bin und mich wieder anziehen kann. Mindestens bis Olympia 2006 in Turin will ich weiter machen, weil ich noch so viel Spaß an der Sache habe - und so viel Nachwuchs auch gar nicht nachkommt. Danach? Mach' ich mir im Moment keinen Kopf drum. Ich bin beim Bundesgrenzschutz Beamtin auf Lebenszeit, bekomme pünktlich jeden Monat mein Gehalt. Im Moment kann jeder froh sein, der Arbeit hat. Nach meiner Sportlaufbahn werde ich mich dann auf eine Aufgabe beim BSG konzentrieren.

Ich bin im letzten Jahr 30 geworden, und ich weiß, dass viele mit diesem Alter ein Problem haben. Ich nicht. Ich fühle mich einfach noch nicht so alt. Sport hält jung. Ich bin in Salt Lake City mit 29 Olympiasiegerin über 3000 Meter geworden und ein paar Tage später nochmal mit 30 über 5000, mein Geburtstag lag dazwischen. Hat sich auch nicht anders angefühlt.

Überhaupt: Es gibt nicht vieles, dass mich vom Wesentlichen ablenkt. Mein Training, meine Form, elementare Dinge bestimmen meinen Alltag. Wenn ich zu Hause entspannen will, tue ich das mit meinem Mann meist vorm Fernseher. Stefan Raab sehe ich gern, oder - obwohl die beiden so unterschiedlich sind - Harald Schmidt. Da war ich auch noch nicht in der Show, schade eigentlich.

Früher hatte ich total Schiss vor Interviews und vor Kameras. Seit Salt Lake City ist das anders - ich habe gelernt, dass es gar nicht so schlimm ist, mit Journalisten zu reden, und manchmal macht es sogar Spaß. Man muss einfach locker bleiben, genau wie im Wettkampf.

Angst vorm einem Absturz? Habe ich nicht. Schon allein deshalb, weil Angst so kontraproduktiv ist. Dass ich krank werden könnte, das macht mir Angst. Aber bestimmt nicht, dass ich eine schlechte Saison laufe. Dafür hatte ich schon zu viele Krisen in meiner Karriere. Und die habe ich bislang immer meistern können.“

_nach oben

© Stephan Bartels, 2005-08

 

 

   
 Artikel  
 Porträts  
 Reisereportagen  
 Interviews  
 Männer auf Tour  
 Fußball  
 Gedöns  
Der Kilo-Killer  
 über Stephan Bartels  
 Fussball  
 Kontakt und Impressum

 

 

 

Claudia Pechstein
_ Claudia Pechstein