"Die
Nation braucht mich noch"
Der Mann mit dem hängenden Augenlid wird 60: KARL DALL über seine Rolle als ewiger Krawall-Komiker, die wilden Zeiten in den Sechzigern, den Spaß-Terror im Fernsehen heute - und seine tiefe Bewunderung für Heike Makatsch
Müde sehen Sie aus.
Ich bin heute nicht so gut drauf. Das sage ich immer, um Mitleid zu erregen.
Rotwein?
Morgens um elf?
Einen trinke ich, aber das ist wirklich PVDS.
Bitte, was?
Perlen vor die Säue - es ist ein guter Roter.
Apropos Mitleid: Warum haben Sie nie was an Ihrem Auge machen lassen?
Als ich wollte, in der Zeit zwischen 12 und 17, ging`s nicht. Ich kam damals
nicht so gut bei den Mädels an. Ich war das Klappauge, Jalousieauge,
Matschauge... Aber mit 21 habe ich die Lidmuskellähmung, diesen kleinen
genetischen Unfall im Mutterleib, akzeptiert. Das hat mich stark gemacht.
Darüber konnte man sehr gut sondieren, wer ein Arschloch ist und wer
nicht. Heute ist es mein Aushängeschild.
Ihr anderes Aushängeschild ist Ihr Image als Krawall-Komiker. Sind
Sie glücklich, immer nur den Clown zu spielen?
Ich bin immer frech an die Leute rangegangen - und das bei diesem elenden
Harmoniebedürfnis in diesem Land. Hier halten doch alle um des lieben
Friedens willen die Klappe und kuschen. Ich aber habe schon immer gesagt,
was ich denke. Für ein anderes Image ist es jetzt zu spät. Soll
ich auf einmal zum Pfarrer Fliege werden? Dieses Girlie wie heißt
die noch die mit den großen Augen?
Heike Makatsch?
Ja, die ist genial. Die hat die ganze Viva-Kacke konsequent hinter sich
gelassen. Die will Filme machen, und die wird es auch schaffen. Davor habe
ich Respekt. Ich mache wohl weiter wie bisher und sage, was ich denke.
Auch gegenüber so genannten Respektspersonen wie Politikern.
Na
klar, die werden doch zu sehr geschont. Die sind das Reden gewohnt von ihren
verschissenen Marktplätzen. Das sieht man auch bei Sabine Christiansen.
Da kommen drittklassige Politiker als Helden raus.
Gerhard Schröders Geburtstagsgruß für Sie lautet: "Ich
wünsche ihm, dass er mal so alt wird, wie er aussieht."
Ach, der Gerd meint das freundschaftlich, ich kenne ihn aus ostfriesischen
Zeiten, die meisten seiner Frauen kommen von da oben. Ich mag ihn als Mensch.
Wer ist denn wirklich witziger als Sie?
Vom Spontanhumor her kann mir im Moment keiner das Wasser reichen. Ich
kratze halt so drauf los.
Ihr Eindruck vom Fernsehen heute?
Da haben wir eine Fernsehdiktatur von Produktionsfirmen wie "Endemol".
Absolute Scheiße, was die machen, "Big Brother" ist doch
so was von öde. Dagegen ist ja selbst Stefan Raab noch unterhaltsam.
Aber ich behaupte: Der schafft es nicht, viermal die Woche was Ordentliches
abzuliefern.
Was sehen Sie sich noch im Fernsehen an?
Filme. Ich falle auch manchmal auf die Teaserei von Fernseh-Movies rein.
Manche sind gut gemacht. Und Frühstücksfernsehen, das nennt man
dann senile Bettflucht. Früher habe ich Harald Schmidt geguckt, die
erste halbe Stunde. Jetzt nicht mehr. Der tut mir ein bisschen leid. Er
quält sich bei einer Minderquote rum, und das wird auch nicht mehr.
Na und? Alle Intellektuellen lieben Schmidt, da ist die Quote doch Wurscht.
Er tut so. Natürlich ist ihm die Quote nicht egal. Aber viermal in
der Woche ist auch schwierig. Warum tut er sich das an? Vielleicht, weil
er auf einer Klosterschule war und Quälen gewohnt ist. Ausserdem ist
da unheimlich viel Geld im Spiel, sprich Werbung. Bei Raab noch viel mehr.
Dabei war Pro Sieben immer ein Filmabspielkanal, und jetzt machen sie Comedy.
Ingo Appelt ist bei Pro Sieben gescheitert.
Zu Recht.
Wieso?
Weil er das, was wir 35 Jahre lang nicht ausgesprochen haben, immer und
ständig rausbläst. Da gibt es dann keine Steigerung mehr. Ich
habe es geschafft, dieses Wort, das mit "f" anfängt und mit "icken" aufhört,
nicht laut im Fernsehen zu brüllen.
Aber sind heute nicht die größten TV-Stars Provokateure und
Nichtskönner?
Womit wir wieder bei "Big Brother" wären. Was passiert mit
den tragischen Typen in zwei, drei Jahren? Ich habe seit 25 oder 30 Jahren
die gleiche TV-Fresse, man kennt mich, man mag mich oder man mag mich nicht.
Aber ich kann mich vorbeibenehmen, wie ich will. Von heute auf morgen werde
ich nicht raus sein aus dem Geschäft.
Am 1. Februar würdigt Sie die ARD mit einer großen Geburtstagsgala
- gegen "Big Brother".
Das sehe ich nicht als Konkurrenz. Außerdem habe ich eine Top-Besetzung,
von den Scorpions bis Reinhard Mey, Gruß vom Kanzler und von Schwarzenegger.
Es sind wirklich tolle Sachen in der Sendung. Inge Meysel hat mir zum Beispiel
angeboten, sie auf den Arm zu nehmen. Habe ich auf der Treppe auch gemacht.
Da kriegt die unheimliche Angst und hält sich mit der linken Hand an
einer Eisenstange fest. Ich habe mir gedacht, wenn ich die jetzt fallen
lasse, müsste das doch eine Mörderquote bringen, verdammt. Na
ja, ich hab`s gelassen. Dafür hat sie hat mir versprochen, noch so
lange zu leben, bis wir ausstrahlen.
Sie scheinen die alte Dame zu mögen.
Die ist natürlich ein bisschen gaga, aber nett. Aber was mir an ihr
gefällt: Die sagt ihre Meinung. Die erzählt erst mal jedem Produzenten,
dass er ein Arschloch ist. Wenn das jeder täte, würde es unsere
Branche nicht geben. Es muss die Lämmer geben, die 85 Prozent Mitläufer,
damit wir leben können, Inge und ich.
Denken Sie mit 60 über den Tod nach?
Eigentlich weniger als mit 45. Da habe ich mich körperlich schlapper
gefühlt, zu viel gesoffen, mich nicht richtig ernährt und auch
geraucht. Heute trinke ich zwar auch noch, aber es ist viel teurer, weil
ich nur noch Top-Rotweine trinke. Früher haben wir alles gesoffen,
diese 2-Liter-Flasche Lambrusco mit dem Schraubverschluss für 2,70
DM.
Karl Dall - ein Säufer?
Vielleicht Mitte der 60er Jahre. Da habe ich drei Monate gar kein Tageslicht
gesehen, weil ich immer bis nachmittags um fünf geschlafen habe. Man
hatte keinen Job, keine Kohle, nix. Ich schäme mich noch heute dafür,
dass ich mit meinem alten VW ziemlich oft besoffen durch die Stadt gefahren
bin, weil ich nicht mehr laufen konnte.
Sie sind in einem strengen Elternhaus groß geworden.
Es herrschte noch diese Nazi-Strenge zu Hause. Aber ich habe mich nie verbiegen
lassen. Meine drei älteren Geschwister beneiden mich heute noch, dass
ich praktisch nichts angenommen habe, was man von mir verlangte. Ich habe
einfach nicht funktioniert.
Auch in der Schule nicht?
Da schon gar nicht. Ich war der Klassenclown und mordsbeliebt. Ich musste
mir wegen Schulwechsel und Sitzenbleiben immer wieder neue Freunde suchen,
das ging nur über Entertainment.
Ihre Schwester hat gesagt, es sei ganz oft so eine Traurigkeit in Ihnen
gewesen.
Diese Traurigkeit entsteht auch durch meinem Gesichtsausdruck. Wenn es
mir schlecht ging, bin ich an den Deich gegangen und habe mich unter eine
Trauerweide gesetzt. Suizidgefährdet war ich aber nie.
Und dann kam Berlin.
Und zwar über das Arbeitsamt in Leer. Es gab ein One-Way-Ticket, eine
Arbeitsstelle und ein möbliertes Zimmer. Berlin brauchte junge Arbeitskräfte.
Ich sah, wie die anderen mit 21 schon verheiratet waren, mit geschwängerter
Frau und NSU Prinz, natürlich total verschuldet. Da wollte ich weg,
weil ich Angst hatte, ich würde selbst mal so verenden.
Na, ist ja noch mal gut gegangen. Denn in Berlin haben Sie Ingo Insterburg
getroffen.
Genau. Ich kellnerte in meiner Stammkneipe, um meine Saufschulden abzuarbeiten.
Da kam auch Ingo Insterburg meistens angeschickert rein. Er hieß noch
nicht Insterburg, da war er noch der große Guitar-Ingo.
Mit "Insterburg & Co." haben Sie Ihre Karriere gestartet,
allein waren Sie dann über 20 Jahre lang noch erfolgreicher. Scheint
so, als hätten Sie alles richtig gemacht.
Wieso soll ich Fehler gemacht haben? Ich bin kein kuschender Gefälligkeitskünstler.
Wir haben genug Affen, die Mist singen und es schaffen, dreieinhalb Minuten
dauerzugrinsen. Die sind schnell wieder weg. Mich gibt es seit 35 Jahren.
Ich bin Kult geworden. Und ich spüre keinen Hass aus irgendeiner Ecke.
Und Angst, spüren Sie die? Vielleicht um Ihre bildhübsche Tochter,
die als Stuntfrau in Kanada arbeitet?
Eigentlich nicht. Angst habe ich, wenn ich vor neun Uhr früh auf die
Straße gehe. Alles, was vor neun auf der Straße rumläuft,
das ist nichts und daraus wird nichts.
Aus Ihnen und Ihrer Frau ist etwas geworden - Sie sind seit fast 30 Jahren
verheiratet. Was haben Babs und Boris falsch gemacht?
Er hätte kein Partygirl heiraten dürfen, das sich vulgär
hoch-gepimpert hat. Obwohl, Hochpimpern ist gemein, ich nehme es sofort
wieder zurück. Aber in jedem Fall hat sie sich bewusst in diesen Schickeria-Kreisen
bewegt, wo viel Geld ist. Den Bauarbeiter Boris B. hätte sie doch nie
geheiratet. Meine Frau kannte mich schon, als ich noch unbekannt war.
Wie lange wollen Sie sich uns noch zumuten?
Wenn einer so eine Frage stellt, dann sage ich schon aus Prinzip: sehr,
sehr lange. Die Nation braucht mich noch.
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© Stephan Bartels, 2005-08