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WINNETOU UND BRENNNESSELN

ERHOLUNG Wildnistraining. In der Nordeifel. Maren will verstehen, was die Amseln ihr sagen. Tom und Basti wollen Indianerkram

Tom überlegt. » Feuer machen«, sagt er. - »Nee. Anschleichen!«, sagt Basti. - »Och, langweilig, kann ich schon«, sagt Tom und starrt aus dem Zugfenster, »jetzt weiß ich aber, was am Besten wird: im Tipi schlafen!« - »Genau«, ruft Basti, »und anschleichen!« Draußen liegt der Bahnhof von Hürth-Kalscheuren und der Big Brother-Container gleich um die Ecke - aber wenn hier jemand back to basics geht, dann sind wir das. Eine halbe Zugstunde noch, dann wird die Zivilisation von uns abfallen. Dann werden mein Sohn Tom, sein Kumpel Sebastian und ich für drei Tage in den Wald gehen. Und versuchen, dort wie die Indianer zu leben: selber Feuer machen, Pfeil und Bogen benutzen, Heilkräuter sammeln. Natürlich unter Anleitung. Und die kommt vom Eifel-Scout.

Uwe Beltz heißt er. Und in Hellenthal, mitten in der Nordeifel, eine Autostunde von Köln und Bonn entfernt, hat er sich niedergelassen. Dort hält der Naturbursche Kurse ab über das »Abenteuer Wildnistraining«. In seinem Camp lehrt der 36-Jährige Einsteiger, Fortgeschrittene, Schulklassen und Familien, mit und von der Natur zu leben. Beltz darf das, schließlich ist er Profi: In New Jersey war er erst Schüler und dann Ausbilder an der Akademie der Scout-Legende Tom Brown.

Außer uns drücken sich neun andere Gäste im Camp herum, das in einer Waldlichtung beim Hellenthaler Wildgehege liegt. Vier Kinder sind dabei. Wir versammeln uns um die kalte Feuerstelle, und Uwe sagt, dass er Uwe ist. Nett sieht er aus: freundliche blaue Augen, gar nicht mal groß, drahtig, eine fast sanfte Stimme. Und die will im Camp duzen: »Wenn du im Wald schnell Hilfe brauchst, taugt ein 'Könnten Sie mir das Messer reichen, Herr Beltz' nicht besonders.« Dann wird es interaktiv: »Was erwartet ihr von diesem Wochenende?«

Verschiedenes. Manfred aus Düsseldorf zum Beispiel hat dieses Camp seinem indianerverrückten Neffen zur Kommunion geschenkt. Der Bundeswehrtechniker Jörg und seine Jungs fahren oft raus und wollen nun lernen, wie man sich »wild und unauffällig in die Natur einpasst«, wenn man keinen Bock mehr auf Campingplätze hat. Und dann ist da noch Maren aus Köln. Die Sonderpädagogin sucht die Ursprünglichkeit jenseits der Großstadt - und will »endlich verstehen, was die Amseln mir eigentlich sagen wollen«. Und wir? Basti und Tom haben mit ihren sechs Jahren detaillierte Vorstellungen: »Den ganzen Indianerkram eben!«

Uwe erzählt uns gerade von seinem ärgsten Feind. Er nennt ihn Tesafilm-Mann. Auf seiner rechten Schulter sitzt er angeblich (»Also, ich seh da nix«, sagt Tom) und nörgelt ihm die ganze Zeit mit der Stimme der Vernunft ins Ohr. » Was sitzt du hier schon wieder nutzlos im Wald rum?, sagt er, musst du nicht noch Abrechnungen machen und deine Mutter anrufen? Der Typ nervt, das kann ich euch sagen«, sagt Uwe und lacht. Dann möchte er dem kleinen Kerl am liebsten »Tesafilm um den Mund binden und ihn in die Werkzeugkiste packen«. Und unvernünftig in die Natur gehen. Zeitlos werden. Bei sich sein. Sinnempfindlich. » Im Wald wieder zum Einheimischen werden«, sagt der 36-Jährige, »das ist mir wichtig.«

»Hier soll ich ...?« Im Freien, vom Hochsitz

Wir wohnen in drei indianischen Tipis, 12 bis 15 Menschen haben darin bequem Platz. Unser Zelt hat Beltz aus den USA mitgebracht, aus einem echten Reservat. Duschen? Kein Problem: Ein schwarzer Beutel mit Wasser hängt hinter Planen an einer Buche. Zum Klo sind es ein paar Meter den Hang runter: Von einem Hochsitz aus entleert man sich drei Meter in die Tiefe. Eine Hand voll Sägespäne drauf, fertig. » Hier soll ich kackern?«, fragt Tom ungläubig, »du spinnst wohl! Da kann ja jeder sehen, wie das runterfällt.« Der zentrale Ort im Lager ist das Feuer. Selbst gezimmerte Bänke stehen drum herum, ein Unterstand dient als Küche und Lagerraum. Zum Abendessen gibt es Zwiebelsuppe und Stockbrot, auf dem Lagerfeuer gekocht. » Bäh«, flüstert Tom, »haben wir noch Müsliriegel?« .

Die Nacht senkt sich langsam über das Camp. » Du, Uwe, wann schnitzen wir endlich?«, ruft Basti. Nix da, sagt der Big Chief Uwe, jetzt werden Schalen gemacht: In handliche Baumstücke werden mit Kohlestückchen aus dem Feuer Vertiefungen eingebrannt. Das dauert ewig. Und ist sehr meditativ. Und wird auch von den Jungs geschätzt, die mit Wonne die Kohlen aus dem Feuer holen. Über uns die Sterne und der Flugverkehr von Köln/Bonn Richtung Westen, aus dem Tal das Rauschen der Bäume und vorbeiziehender Autos. Am Lagerfeuer spielt Uwe auf einer indianischen Flöte. Maren singt indische Selbstreinigungsmantren. » Dürfen wir jetzt endlich schlafen gehen?«, fragt Tom gegen elf gähnend. Dürfen wir.

Samstag früh. Basti und Tom liegen in ihren Schlafsäcken und blinzeln nach oben, wo Himmelblau zwischen den Holzstangen sechs Meter über ihnen ins Zelt fällt. » Das Tipi ist so groß und schön«, sagt Basti, »und viel gemütlicher als mein Bett.« - »Nö, mein Bett ist besser«, sagt Tom. Basti bleibt stur: »Das ist eben Natur, Blödi. Davon verstehst du nix.«

Bei der ersten Übung des Tages sind beide vorn dabei. Der Foxwalk ist eine Technik, um sich lautlos im Gelände zu bewegen und dabei nur auf das Gefühl in den Füßen zu vertrauen. Deshalb sollen wir mit verbundenen Augen an einem Seil einen Parcours durch Büsche und Sträucher bewältigen. Tom und Basti sind mit Abstand die schnellsten. » Das hat Spaß gemacht«, ruft Tom, »wenn ich nicht weiter wusste, habe ich unter der Binde durchgeguckt.« Zur Belohnung dürfen die Kinder Bogenschießen. Und die Erwachsenen den Eulenblick üben - eine Sinnesschulung, bei der man an einem ruhigen Plätzchen im Wald den Kopf ausschaltet, starr geradeaus schaut und trotzdem mehr sieht als sonst. Und hört. Und riecht. Und schmeckt. Sagt Uwe. Und noch etwas sagt Uwe: »In dreißig Minuten treffen wir uns wieder hier.«

Nach einer halben Stunde sind alle wieder da. Bis auf Maren. Die braucht eine Stunde länger. Die Rufe? Hat sie nicht gehört. » Ich war so was von bei mir«, sagt sie, »erst eine Buche hat mir dann gesagt, dass es Zeit ist, zurückzukommen.«

Beim Mittagessen erzählt Uwe, wie er Scout geworden ist. » Früher war ich Tontechniker. Und dann Musiker. Und dann habe ich angefangen, Bücher über Indianer zu lesen.« Stalkin' Wolf, Schleichender Wolf, wurde sein Vorbild - und dessen Schüler Tom Brown. Von dem wurde er eingeladen, ein Jahr lang in der Wildnis zu leben. In einer Erdhütte, der Körper den Jahreszeiten angepasst - als die zwölf Monate rum waren, hatte Beltz das schreckliche Gefühl, »dass es noch nicht genug war«.

Das Heimweh trieb ihn zurück. Und das Gefühl, »hier mein Verständnis von Einklang mit der Natur vermitteln zu wollen«. Sein Konzept kommt an - nur das mit den jüngeren Kindern will er noch mal überdenken: »Ich glaube, mit sechs sind sie einfach noch zu klein für das hier. Schließlich geht's hier auch um Philosophie.« Recht hat er, auch wenn meine Jungs ihren Spaß haben. Deshalb fasst der Eifel-Scout einen Beschluss: In Zukunft muss man mindestens zehn Jahre alt sein, um bei ihm Überlebenstechniken zu lernen.

Keine Schokolade - die größte Herausforderung

Tom und Basti interessieren sich auch nicht so recht fürs Feuermachen mit einem Drillbogen - es ist zu schwer. Sogar für einige Große. Maren zum Beispiel ist zu ungeduldig. » Außerdem sind zwei Tage ohne Schokolade für mich die größte Herausforderung«, sagt sie und fragt nach Aspirin: Bei ihrer extralangen Eulenblick-Übung hat sie sich einen Sonnenstich eingefangen.

Am Sonntag steht Pflanzenkunde auf dem Programm. Denn: »Pflanzen sind Freunde«, sagt Uwe, »sie ernähren dich, bieten dir Schutz und können dich heilen.« Wir lernen: Gundermann würzt den Salat, Huflattich ist frittiert ganz lecker und hilft geraucht gegen Husten, Fichtenspitzentee ist äußerst Vitamin-C-haltig. Die Erwachsenen kauen unentwegt auf Blättern und Gräsern herum. Die Kinder spielen am Bach. Basti schleicht sich an und fasst in Brennnesseln. Die Eifel verlässt er mit einem Säckchen voller selbst gesammelter Kräuter und einem Lebensziel: der globalen Ausrottung der Brennnessel.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Adler. Von der anderen Seite des Zaunes kommt der Vogel, kreist zweimal über das Camp und geht dabei immer tiefer. Keine zehn Meter über uns zieht der mächtige Vogel seine Bahnen, und Tom und Basti steht der Mund offen. » So was«, wird Tom später sagen, »also, so was hab ich noch nie gesehen, echt.«

Und, frage ich später im Zug, war's gut? Jaaaa, grölt das dynamische Duo: Klasse Tipi! Super Bogenschießen! Voll gutes Anschleichen! » Nur das Essen ...«, sagt Tom und verzieht das Gesicht. Am Hauptbahnhof in Köln waren wir bei McDonald's. War auch schön.

Erschienen in der ZEIT am 10.8.2000

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© Stephan Bartels, 2005-08

 

 

   
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