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WEIHNACHTSFRAU MIT BART

Kindergärten sind gut für Kinder. Aber für Tom sollte es der beste sein. Ein städtischer? Auf keinen Fall: Unser vierjähriger Sohn sollte schließlich nicht die allgegenwärtige Sparpolitik ausbaden müssen. Ein kirchlicher kam auch nicht in Frage. Das wäre mir irgendwie peinlich gewesen, wo ich doch aus der Kirche ausgetreten bin.

Blieb also nur noch eine Elterninitiative in der Nähe. Dort bekommen unsere Kinder Essen von einem ökologischen Lieferservice. Und wir putzen den Kindergarten selbst. Das verbindet, und wir gestalten aktiv die Atmosphäre, in der die Kleinen einen Großteil des Tages verbringen.

Ganz wichtig für den Austausch von Sorgen und Anregungen sind die Elternabende. Wie zum Beispiel im vergangenen Mai, als mich, einen Fußball-Fanatiker, nicht mal das Europapokal-Endspiel zwischen Borussia Dortmund und Juventus Turin zu Hause hielt. "Du bist dran", sagte meine Freundin, bevor sie mich mit einem Tritt auf die Straße beförderte, "außerdem kannst du das Spiel auf Video aufnehmen."

Also gab es an jenem lauschigen Maiabend statt Chips und Bier vor dem Fernseher Birtes Sorge um die sprachliche Verwilderung ihrer Tochter. "Ich finde das echt nicht gut", sagte sie bedrückt, "Victoria sagt jetzt immer: 'Ich muß kacken', wenn sie...naja.." Sie rang nach Worten. "Scheissen muß?" versuchte ich von meinem viel zu kleinen Kinderstuhl aus zu helfen. Birtes böser Blick durchbohrte mich. "Mal ehrlich: Bei unser aller Bildungsniveau sollten wir unseren Kindern einen anderen Sprachgebrauch vermitteln." Achim, der Vater von Felix, fand die Ausdrucksweise der Kleinen manchmal auch "ganz schön zum Kotzen."

Sandra allerdings hielt das linguistische Problem für eher marginal im Vergleich zu den realen Bedrohungen des Alltags. "Ich sag' nur: B-S-E", meinte sie und sah beschwörend in die Runde. "Das Zeug lauert in allem - Gelatine, Milch, Karotten." Karotten? "Na klar. Mit was düngen die denn die Felder, hä? Mit Kuhmist!" Sie lehnte sich zurück. "Janina kriegt jedenfalls Zuhause keine Milch mehr. Und keinen Joghurt. Und schon gar keine Karotten."

Bei Dortmund gegen Turin muß gerade Halbzeit gewesen sein, als Corinna Weitblick bewies. "Ich möchte, daß auf unserer Weihnachtsfeier in diesem Jahr die Weihnachtsfrau kommt", sagte sie. Ihr Johann solle in dem Bewußtsein aufwachsen, daß die Zeit der patriarchalischen Herrscher nun echt vorbei sei. "Außerdem hatte ich als Kind immer Angst vorm Weihnachtsmann", fügte sie hinzu. "Aber die Gören sind doch total verwirrt, wenn da auf einmal eine Frau auftaucht", gab ich zu bedenken. Corinna dachte kurz nach. "Naja, vielleicht kann man ihr einen Bart ankleben", schlug sie vor, "oder sie so verkleiden, daß man nicht sieht, daß es eine Frau ist." Achim schlug vor, dafür aus Gründen der Gleichberechtigung das Märchen von Herrn Holle zu erzählen. "Typisch Macho", ereiferte sich Corinna, "wenn eine Frau mal nachdenkt, findest du das albern. Ich weiß ja nicht, wie deine Frau das aushält. Schon allein dein Schnurrbart: Voll das männliche Herrschaftssymbol!" Achim giftete zurück: "Im Gegensatz zu dir kriegt meine Frau wenigstens einen Kerl ab!"

Seitdem war Achim auf keinem Elternabend mehr. Der Vorwurf der Diskussionsunfähigkeit ist ihm doch ziemlich auf den Magen geschlagen. Auch zur Weihnachtsfeier ist er nicht gekommen. Schade, so hat die bärtige Weihnachtsfrau gar nicht kennengelernt.
Muß ich eigentlich noch erwähnen, daß mein Videorecorder damals nicht angesprungen ist?

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© Stephan Bartels, 2005-08

 

 

   
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