FERIEN
BEI ELFEN
Manchmal kommen Journalisten zu Ross McManus. Sie fragen ihn nach seinem Sohn, den er Declan genannt hat, und dann lächelt der Herr mit der Altersweisheit eines guten dreiviertel Jahrhunderts. „Mein kleiner Junge ist von Elfen gestohlen worden“, sagt er milde, „und sie brachten an seiner Stelle Elvis Costello zurück“.
Sein kleiner Junge ist 48 Jahre alt und sitzt auf einem plüschigen Sessel im Hamburger Hotel „Vier Jahreszeiten“. Elvis Costello, der vor seiner „Entführung“ vor 25 Jahren noch Declan McManus hieß, schätzt die altmodische Jugendstil-Atmosphäre dort. Alles ist gediegen und freundlich und das Gegenteil von Hip. Bloß Costello passt nicht so richtig hierher. Gelbe Brille. Eine seltsame Fellmütze. Lederjacke. Drei- bis Acht-Tage-Bart. Gelbe Socken in schwarzen Turnschuhen. Könnte cool sein. Oder extrem albern, wer weiß das schon. Dieser Mann also, darin sind sich die Kritiker weltweit einig, ist einer wichtigsten Menschen der Popmusik.
„Der traurige Ritter des Songs“ sei Costello, sagt „DIE ZEIT“, und „zu intelligent, um jemals wirklich Rockstar zu werden“, was immer das bedeutet. Kann schon sein, dass er ein „ewig unverstandenes Songwriter-Genie“ ist, wie der „Stern“ mutmaßt. Wie auch immer: Costello wird bewundert und geliebt, vor allem für seine bittersüßen Liebeslieder. Millionen von Jungs haben „Alison“, „Baby Plays Around“ und „Almost Blue“ auf Mix-Tapes verewigt und an Mädchen verschenkt. Die vor allem lieben den traurigen Romantiker Costello. Den gibt es auch auf dem neuen Album „When I Was Cruel“ (Mercury), „Als ich grausam war“. Aber auch den beißend intelligenten Zyniker.
Vor 25 Jahren also begann die Karriere des Elvis Costello, ein dürrer Punkrocker mit Buddy Holly-Brille. Heute ist er der untersetzte, spärlich behaarte Pate des Pop. Er gehört in jene Liga von Musikern, die machen können, was sie wollen – und immer Beifall ernten. Kein Costello-Werk der letzten zehn Jahre klang wie das andere. Wie auch? Der Mann ist berühmt für seine wechselnden Kooperationspartner, die miteinander soviel zu tun haben wie Anni Friesinger mit Claudia Pechstein. Die krachige Rock’n’Roll-Band „The Attractions“, das Brodsky Quartett, der Schlager-Papst Burt Bacharach, die schwedische Sopranistin Anne Sofie von Otter – warum bloß immer diese halsbrecherischen 180-Grad-Wendungen in seiner Musik? „Ich folge meiner Neugierde“, sagt er, „das befreit mich davon, immer das gleiche machen zu müssen, was andere machen“. Und überhaupt: „Dazuzulernen heißt Freiheit“.
Costello musste im Musikgeschäft landen – bei der Familie. Sein Großvater verdingte sich im Titanic-Zeitalter als Trompeter auf Kreuzfahrten. Seine Mutter verkaufte Eintrittskarten für die Philharmonie in Liverpool, wo die irischstämmige Familie lebte. Und Schallplatten, „sie wusste immer, welche Interpretation eines Stückes die schönste war“. Zuhause gab es immer das Neueste von Sarah Vaughn, Billie Holliday und Frank Sinatra. Die ersten Worte von Declan sollen „Skin, Mummy“ gewesen sein – er wollte gern noch einmal „I’ve Got You Under My Skin“ von Frank Sinatra hören. Sein Vater Ross war der erste, der es als ein Costello (der Mädchenname von Elvis‘ Urgroßmutter) zu ein bisschen Ruhm in den Tanzhallen Liverpools brachte, als Jazztrompeter und Schlagersänger. „Mein Vater hatte nicht die Karriere, die er verdient hätte“, sagt Costello.
Früher hat Elvis in einer Bank gearbeitet. Und als Computer-Programmierer, „damit konnte man Anfang der 70er noch richtig angeben, weil alle dachten, ich sei ein Genie“. Heute, sagt Elvis Costello, arbeitet er wesentlich härter. Seit 16 Jahren hat er keinen Urlaub gemacht. Und in 25 Jahren ganze drei Konzerte abgesagt. Die Disziplin hat er von seinem Vater geerbt. Was noch? Hm. Das Gefühl für Balladen. Das Selbstbewusstsein. Von Ross McManus erzählt man sich, er habe bei Konzerten immer mit den schönsten Frauen im Raum geflirtet. Oder Streit mit den größten Typen gesucht, je nach Stimmungslage. „Ich denke, ich habe davon einiges abbekommen“, sagt sein Sohn.
Er geht recht stramm auf die 50 zu, hat einen Sohn von 25, der in London in einer Band spielt, eine Frau, die früher Bassistin der Pogues war. Alles in Costellos Leben ist Musik, und das wird so bleiben. Wir werden wieder staunen beim nächsten Album, das mit Sicherheit ganz anders wird als das letzte und genauso sicher spannend und schön. Lange wird’s nicht dauern, denn Pausen gönnt er sich nur selten. Wenn er daheim ist in Liverpool, bei seinen Eltern in der Küche sitzt und Tee trinkt, dann ist er wieder Declan McManus. Und der schickt Elvis Costello in einen wohlverdienten Kurzurlaub. Wahrscheinlich bei einer Horde Elfen.
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© Stephan Bartels, 2005-08