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WAS FÜR EIN SCHLAUCH!

Rennen, rechnen, logisch denken - wer zur Feuerwehr will, muss einiges durchmachen.
Ein Selbstversuch von Stephan Bartels

Es wird gelacht in Zimmer 107. Kein Wunder, die da drinnen haben das Ganze ja auch hinter sich, schon lange. Die sind schon bei der Feuerwehr und tragen weiße Hemden. Draußen auf dem Gang warten 13 junge Menschen, die erst noch Feuerwehrmann werden wollen. Oder Feuerwehrfrau - drei Kandidaten sind weiblich. Es ist Donnerstagmorgen, Viertel nach sieben. Gleich beginnt ein Einstellungstest bei der Feuerwehr Hamburg, und während in der Einstellungsstelle in Zimmer 107 fröhlich Kaffeebecher klirren, kämpfen draußen auf dem Flur Nachwuchshelden mit ihrer Nervosität. Gut, dass es für mich nicht wirklich um etwas geht. Ich will schließlich nur aus journalistischer Neugier wissen, wie man ihn verwirklicht - den ersten Berufswunsch aller Jungs ab drei. Was muss ich alles können, um Feuerwehrmann zu werden? Was wissen?

Zum Beispiel das mit den Hemden. "Der da macht gehobenen Dienst", raunt mir mein Nachbar zu und nickt in Richtung eines Weißhemdträgers, "die mit den blauen Hemden sind im mittleren Dienst." Und der, der jetzt aus Zimmer 107 kommt, der ist definitiv gehoben, das spürt man an seiner natürlichen Autorität. "Guten Morgen", sagt er freundlich, stellt sich als Brandamtsrat Ronald Bendig vor und erklärt den langen Rest des Tages: zuerst eine Stunde Sport, dann ein Test in Deutsch und Mathe, danach eine technische Bildbeschreibung, Logik und ein wenig Physik. Nach jeder Runde wird ausgesiebt: Wer eine Aufgabe nicht schafft, darf nach Hause gehen. Wer bis zum Schluss dabei ist, wird erst auf eine Leiter geschickt und später zum Arzt, "und danach steht Ihrer Karriere nichts mehr im Wege".

Auf die hoffen an diesem Morgen unter anderem: Christian, der Tischler, Matthias, ein gelernter Zimmermann. Marc, Maurer und mit 27 der Älteste hier, abgesehen von mir. Steve, ein 24-jähriger Bundeswehrsoldat. André, ein Kfz-Mechaniker. Und Niels, der so gar nicht hier reinpasst. Jeans und Turnschuhe, Hippie-Kette am Hals, die Haare zotteln ein wenig. Zivildienst hat er gemacht, da ist er hängen geblieben und fährt jetzt immer noch behinderte Kinder in die Schule. Und wenn es nix wird mit der Feuerwehr ("Das ist so 'n Kindheitsding"), dann will er "was Künstlerisches machen, in Richtung Design".

Sport also. Mit 20 Minuten laufen geht es los. "Und das wollen Sie sich echt antun?", fragt mich ein anderer Beamter, Hemdfarbe weiß. Carsten Schnoor heißt er, und er grinst ein wenig hämisch mit Blick auf die Kilo, die nutzlos auf meiner Hüfte liegen. Ein starkes Stück. Schließlich bin ich durchaus in der Lage, eine knappe Stunde lässig zu joggen. Wir gehen in eine kleine Halle unter dem Dach der Feuerwache in Sankt Georg. Es ist heiß und stickig hier oben. Ein angegrauter Herr wartet auf uns, Klaus Lockmann, Oberstudienrat und Leiter der Sportausbildung. Wir sollen in einer Reihe hinter ihm herlaufen, 20 Minuten lang. Die Spielregeln sind ebenso hart wie einfach: Wer von ihm überrundet wird, ist raus. Als er loslegt ("erst mal locker einlaufen"), ahne ich, was Schnoor meinte: Das Tempo ist mörderisch. Nach sechs Minuten kapituliert die erste Frau, fünf Minuten später die zweite. Zeitgleich mit mir. Das hier ist was anderes als 90 Minuten Fußball bei meiner Untere-Herren-Mannschaft.
"Wir wollen sehen, ob sich einer quälen kann, ob er über seine Grenzen geht", raunt mir Bendig zu und beobachtet ungerührt, wie die letzte weibliche Probandin sich einem Kollaps nähert. Er nimmt sie aus dem Rennen. Noch zwei Kandidaten geben auf. Alle anderen retten sich auf den Brustwarzen über die Zeit. Sechs sind nach der ersten Runde schon raus - ich darf auf Bewährung wieder einsteigen. Die Stimmung im Raum ist angespannt. Nervosität, gepaart mit körperlicher Erschöpfung.

Nächste Übung: Wir sollen uns auf einen Kasten legen, eine 40 Kilo schwere Hantel greifen und sie so oft wie möglich über eine Markierung am Kasten ziehen, die nur knapp unter der oberen Kante liegt. Oje! Ich schaue zu, wie vor Testosteron berstende Frühzwanziger loslegen, bis zu 20-mal heben sie die Last. Ich bin beeindruckt, nehme mir selbst 5 vor, schaffe knapp 20 und bin wieder beeindruckt. Diesmal von mir.

Die nächste Aufgabe sieht harmlos aus: Drei Rechtecke stehen an drei Seiten im Raum. Drüberhüpfen und durchklettern, den Rundkurs dreimal und auf Zeit. Zwei verlaufen sich und finden erst nach Zurechtweisung von Bendig auf den rechten Weg zurück. Ich bewältige die intellektuelle Herausforderung, bin aber nach 57 Sekunden Sprint- und Krabbelhölle wie ausgeknockt. Wenigstens bin ich unter einer Minute geblieben, schließlich möchte ich, dass das Laufen meine einzige Blöße bleibt. Auch den Standweitsprung bestehe ich: 2,13 Meter im zweiten Versuch, ein Platz im Mittelfeld. Das war der Sport. Ab zum Duschen. Und dann heißt es wieder warten, vor einem Konferenzraum diesmal.

Ein Name wird aufgerufen, einer der Desorientierten vom Kastenlauf. "Das war's dann wohl", murmelt jemand, "wenn du da allein reinmusst, bist du weg vom Fenster." Noch einer wird nach Hause geschickt, der Rest macht weiter mit Deutsch und Mathe. "Die Pisa-Studie hätten wir nicht gebraucht", sagt Schnoor später zu mir. Das Bildungsniveau sei so finster, dass man die Fragen immer leichter machen müsse. "Das Abitur von heute ist wie ein Volksschulabschluss früher", seufzt er durch seinen Bart, "seien Sie froh, dass Sie Ihr Abi vor 15 Jahren gemacht haben." Auf zwei Zetteln sollen wir 44 Sätze durch Wörter komplettieren, die Bendig uns vorliest. Die sind nicht wirklich schwierig - nur bei "Appetit" bin ich unsicher, ein oder zwei p? Dann Mathe. Gott, Bruchrechnung habe ich seit mindestens 15 Jahren nicht gemacht. Und wie berechnet man die Fläche von einem Trapez?
Frühstückspause. Selbst Geschmiertes und Tee im Pausenraum. Steve, der Bundeswehrsoldat, erzählt, warum er unbedingt zur Feuerwehr möchte - der Mann will schlicht nach Hause. Er war in Bosnien und Mazedonien und weiß der Teufel, wo, heute Nacht ist er extra für den Test von einem Manöver aus Schweden gekommen. Seine Frau sieht er kaum noch. "Letztes Jahr war ich 14 Tage zu Hause", sagt er, "da geht jede Beziehung kaputt." Deswegen will er den Job hier so dringend haben und wirkt so motiviert, dass einem angst und bange wird. Und dann ist es für ihn vorbei - Einzelgespräch. "30 Fehler im Diktat, leck mich am Arsch", murmelt er, als er rauskommt. Steve ist geschockt und versucht es, harter Junge halt, zu verbergen. Wir anderen schauen betreten zu Boden. Schnoor sagt später, dass er nicht wegen mangelhafter Orthografie scheiterte. "Der wollte in der Gruppe den Leader spielen", sagt Schnoor, "wir brauchen Team-Player."

Zu viert sind wir noch. André, der Kfz-Mechaniker. Marc, der Maurer. Niels, der "Dauer-Zivi". Und ich. Eine technische Bildbeschreibung steht auf dem Programm: Die Funktionsweise eines Öldruckhebers soll erläutert werden. Bendig erzählt was von Lastkolben, Ölsammelbehälter und Schließventil. "Noch Fragen?", grinst er mich an. Ich habe kein Wort verstanden. Drei Minuten brauche ich, um zu kapieren, was passiert, wenn man den Hebel hinunterdrückt. Aber dann überrasche ich mich doch wieder selbst und erarbeite mir das Prinzip dieses Geräts, wozu es auch immer gut sein mag. So schnell kriegt ihr mich nicht. Und schon gar nicht mit dem Logiktest - Zahlenreihen vervollständigen, das mache ich seit der IQ-Show im Schlaf.

Aber Physik. Über 40 Fragen im Multiple-Choice-Verfahren. Was ist ein Exhauster? In welcher Richtung muss ein Sägeblatt eingespannt werden? Was ist die genormte Wechselstromfrequenz in der Bundesrepublik Deutschland - 3000, 60 oder 50 Hertz? Ich kreuze blind an, da müsste ein Drittel meiner Antworten richtig sein, statistisch gesehen.

Nach der Mittagspause wird auch Marc zum Einzelgespräch gebeten. Wir anderen dürfen auf die Leiter. Genau 19,4 Meter ist die hoch. Helm auf und los, ein richtiger Feuerwehrmann geht zur Sicherung hinterher. Es ist leicht, wenn man nicht nach unten schaut. Warum tue ich es dann doch? Aber dann bin ich oben, und alles ist gut. Ich habe es überstanden.

André und Niels noch nicht. Für sie kommt der härteste Teil: das Einstellungsgespräch mit Ronald Bendig. "Sieht aber nicht schlecht aus, das sind gute Jungs, die passen zu uns", sagt Schnoor. Höchstens der Amtsarzt könnte noch sein Veto einlegen. Dass nur 2 übrig geblieben sind von 13, ist für ihn normal. "Wir hatten schon Veranstaltungen, die waren nach Deutsch und Mathe zu Ende."

Und wie war ich denn so? "In Deutsch null Fehler, das haben wir selten", sagt Schnoor. In Mathe ein nicht berechnetes Trapez, trotzdem "ganz ordentlich". Logisch denken kann ich laut Testergebnis tadellos. "Beim Öldruckheber dachten wir: Jetzt ham wir ihn", sagt Schnoor und grinst, "aber das haben Sie dann doch schlüssig erklärt. Na ja, so 'n Wagenheber kennt man ja auch." In Physik liege ich knapp unter der geforderten Punktzahl, "aber das ist nicht so wild", sagt Schnoor. Also, könnte ich jetzt Feuerwehrmann werden? "Och, wenn Sie an Ihrer Kondition arbeiten", sagt Schnoor, "und fünf Jahre jünger werden - warum nicht?" Ich weiß, warum. Weil ich Arthrose im rechten Knie habe, keine 24-Stunden-Schichten schieben möchte und überhaupt ein ziemlicher Schisser bin.

Erschienen am 18.7.2002 in der ZEIT

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© Stephan Bartels, 2005-08

 

 

   
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