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FIETE

„Muttertag?“ Fiete schnaubt verächtlich. „Humbug! Schwachsinn! Skupellose Geschäftemacherei der Floristeninnung! Und Millionen von Männern dürfen unangerechterweise ihr Gewissen beruhigen, jawohl!“

Darf ich vorstellen: Meine Mutter. Selten Mama, meistens Fiete. In der dritten Klasse etwa, jene Zeit also, in der man sich auf dem Schulhof mit der Preisgabe der Vornamen seiner Eltern die Pause vertreibt, hatte ich zwischen all den Manfreds und Helgas und Gudruns und Rudis meine Fiete zu bieten. „Eigentlich heißt sie ja Elfriede Ida Elise“, sagte ich dann immer, „sie ist aber gar nicht so.“ Und weil in Hamburg sowieso alles, was in etwa nach Friedrich klingt, Fiete heisst, nennt man sie ungefähr seit 40 Jahren wie `nen vierschrötigen Barkassenfahrer. Gut so, findet Fiete: „Die Kühe auf dem Bauernhof meines Opas hiessen auch alle Elfriede.“

Fiete also hält nichts von Muttertagen. „Am 8. März ist Weltfrauentag“, sagt sie mit sozialistischem Trotz, „daran solltet ihr denken!“ Trotzdem war sie früher gebührend gerührt, wenn mein Bruder und ich jeden zweiten Sonntag im Mai so gegen 6.45 Uhr vor ihrem Bett standen, mit einem Tablett. Darauf: Zwei Scheiben verkohlter Toast mit jeweils einem Pfund Marmelade, Kaffee, bei dem selbst Lenin wieder senkrecht in Sarkopharg gestanden hätte (warum können Sechsjährige nicht dosieren?), und ein leicht welker Strauss Butterblumen im Wasserglas, frisch gepflückt auf dem Mittelstreifen der vierspurigen Bundesstrasse vor unserer Haustür. Fiete hat sich dann immer mehrere Tränchen weggewischt. Ein paar vor Rührung. Die meisten vor Lachen.

Bei uns war es nämlich meistens ziemlich lustig. Was zwei Gründe hatte. Zum einen war Fiete gerade mal 17 Jahre alt, als ich auf die Welt kam. Und sie hat mich und meinen Bruder allein aufgezogen. Stress gab's eigentlich nur, wenn Männer ins Spiel kamen und versucht haben, uns den Vater zu ersetzen. Brauchten wir nicht. Wir hatten eine dufte, junge Mutter.

Fragen Sie mal meinen Kumpel Thorsten. Als er einmal bei mir übernachtet hat (wir waren etwa 15), haben wir den ganzen Abend bei meiner Mutter im Wohnzimmer gesessen und gequatscht. Über Mädchen. Schule. Sex! So gegen zwei Uhr nachts bin ich ins Bett gegangen. Als ich am nächsten Morgen um sieben verschlafen aufs Klo wankte, saßen die beiden immer noch da. Noch oft erzählte mir Thorsten fassungslos, er hätte sich noch nie so gut mit einem Erwachsenen unterhalten. „Und mit dir übrigens auch nicht“.

Fragen Sie auch meinen Sohn. Ich bin mir sicher: Selten sind Eltern so uneingeschränkt geliebt worden wie wir – aber wenn Oma Fiete ins Spiel kommt, ist für uns nicht mal der Oscar für die beste Nebenrolle drin. Jawohl, Statisten sind wir, wenn unser Sechsjähriger dreimal in der Woche nach dem Telefon greift, um ihr von seinen neuesten Heldentaten auf dem Fußballplatz zu erzählen. Oder wenn er schlicht seinen Rucksack packt, weil er sich mal wieder übers Wochenende mit ihr verabredet hat. Vor allem die „gemütlichen Fernsehabende“ mit ihr schätzt er, und noch was: „Oma Fiete is voll cool.“

So. Jetzt wissen Sie also, wie es so mit einer voll coolen Mutter ist. Okay, zugeben: Sie hat ihre Macken. Aber die gehören nicht hierhier. Schliesslich ist Muttertag, und da soll man einer Mutter huldigen, ob sie will oder nicht. Da sollte man besser unerwähnt lassen, dass ich mich immer noch frage, warum sie in den 25 Jahren meiner Fussballkarriere ganze zwei Spiele gesehen hat. Dass sie zuweilen ein bisschen vereinnahmend ist und in letzter Zeit zur Wunderlichkeit neigt. Sie ist ständig pleite, halst sich wöchentlich zwei Dutzend Termine auf und jammert, dass sie zuwenig Zeit hat. Und manchmal nervt sie: Seit Monaten bedrängt sie meinen Bruder und mich, doch endlich ihre Wohnung zu streichen. Na gut, Fiete - wird gemacht. Pünktlich zum Muttertag. Zum Weltfrauentag haben wir es einfach nicht geschafft.

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© Stephan Bartels, 2005-08

 

 

   
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