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WM-COUNTDOWN

Liebe und Hass, Trauer und Freude: Fußball ist 90 Minuten geballte Leidenschaft. Noch zehn BRIGITTE-Ausgaben bis zum Anpfiff – wir stellen in jeder einen Fußballstar vor, der Emotionen weckt und lebt

Luis Figo und die Demütigung

Es war ein tolles Spiel, eines von denen, die alle Jubeljahre mal passieren. Portugal hatte gewonnen, das Halbfinale der Europameisterschaft 2004 erreicht. Alle im Stadion feierten. Nur Luis Figo nicht. Als es Ehrenrunden gab, Umarmungen, Freudentänze, war Figo verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Als wäre das eine Party, zu der er nicht eingeladen war. War er aber. Mehr noch: Er war der Gastgeber, als Kapitän des Teams, das da gerade gewonnen hatte.

Was war passiert? Nichts Besonderes eigentlich: Ein Spieler wurde ausgewechselt. Doch dieser Spieler war Luis Figo. Das Match gegen England war in seiner entscheidenden Phase, die Briten führten 1: 0. Da nahm ihn der Trainer vom Platz. Millionen Menschen sahen, wie die Emotionen Figo überrannten. Sein Gesicht, zuerst fassungslos, dann erstarrt zu einer finsteren Maske. Den Zuschauern im Stadion stockt der Atem. Betretene Stille. Figo, der Künstler. Figo, das Genie. Figo, der Volksheld! So einen wechselt man nicht aus. Majestätsbeleidigung ist ein vergleichsweise geringes Verbrechen dagegen, Blasphemie kommt der Sache näher. Luis Figo trug schwer an dieser Demütigung, mit gesenktem Blick ging er in die Kabine. Nach der Europameisterschaft trat Luis Figo aus der Nationalmannschaft zurück. Die Schmach seiner Auswechslung saß tief – zu tief für seinen Stolz.

Luis Felipe Madeira Caeiro Figo ist ein stolzer Mann. Er ist klug, charismatisch, wortkarg, ihn umgibt eine geradezu aristokratische Aura. Sein Gesicht ist das eines attraktiven Mittvierzigers – schon seit Jahren. Luis Figo ist 33. Er legt Wert auf sein Äußeres, ist modisch top gestylt. Und doch ist da etwas an diesem Mann, das glauben lässt, dass er nicht in diese Zeit gehört. Als sei er ein Relikt aus der Stummfilmzeit, Bruder im Geiste mit Rudolfo Valentino. Man sagt den Portugiesen eine gewisse Melancholie nach. Auf Figo passt das Klischee.

Er galt lange als einer der besten Fußballer des Planeten – 2001 wurde er zum Weltfußballer gewählt. Figo ist ein Denkmal, das macht ihn anfällig für Demütigungen, wenn es mal nicht so läuft. Früher lief es immer, in den letzten Jahren oft nicht. Aber wehe, man wagt Kritik – dann spielt er die beleidigte Leberwurst. Aus dem Mannschaftsspieler, der bis zur letzten WM alles dafür tat, seine Mitspieler glänzen zu lassen, ist eine unberechenbare Diva geworden.

Vergangenes Jahr die nächste Demütigung, bei seinem Verein Real Madrid. Der hatte Figo dem FC Barcelona für knapp 60 Millionen Euro abgekauft, bis dato der teuerste Transfer aller Zeiten. Fünf Jahre später wurde Figo nicht mehr aufgestellt. Er passe nicht so recht ins Konzept, hieß es. Figo kochte. Sein Trainer Vanderlei Luxemburgo war fortan weniger als Luft für ihn. „Figo sagt mir weder guten Morgen noch gute Nacht“, jammerte der Übungsleiter. Pah, erwiderte der: „Luxemburgo hat meinen Stolz mit Füßen getreten.“ Ersatzspieler? Nicht Figo. Im Sommer wechselte er zu Inter Mailand. Aber dieser Abschied hat Wunden geschlagen. Nicht der Wechsel an sich hat ihn verletzt, sagt Luis Figo, sondern dass er sich wegschleichen musste, weil er nicht mehr gewollt war. Schwer zu verkraften für einen, der jedes Spiel mit Würde betreibt.

Figo wäre gern Psychologe geworden. Er liest viel, interessiert sich für Kunst, ist ein Familienmensch – von Skandalen à la Beckham ist nichts überliefert. Letztes Jahr ist er in die Nationalmannschaft zurückgekehrt. Vielleicht wollte er so nicht gehen, mit einer Demütigung zum Schluss. Recht hat er. Ein Luis Figo braucht einen Abgang mit Würde – bei der WM 2006.

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© Stephan Bartels, 2005-08

 

 

   
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Kontakt und Impressum

 

Luis Figo
Alter: 33
Größe: 1,80 Meter
Gewicht: 75 Kilo
Verein: Inter Mailand
Familienstand: verheiratet mit der Schwedin Helen Svedin, drei Töchter
Besondere Kennzeichen: Charme eines Stummfilm-Stars, melancholischer Blick
Spezialität: Ballkünstler mit genialer Spielübersicht
Basislager während der WM: Sporthotel Klosterpforte in Marienfeld (Ostwestfalen)
Erster Auftritt bei der WM:
11. Juni um 21 Uhr, Angola gegen Portugal in Köln