WO
IST FUNGHI?
Am ersten Tag ist alles blöd. Kein Fernseher im Flugzeug? Blöd. Das Steuer im Mietwagen rechts? Noch blöder. Außerdem sprechen hier alle nur englisch, das ist ja wohl total blöd. Nein, Toms erster Tag in Irland wird nicht als sein Lieblingstag in die Annalen eingehen. Merkwürdig nur, dass beim Abflug in Hamburg noch alles in Butter ist. Erst da fragt er mich, ob wir heute noch Funghi sehen würden. „Auf keinen Fall“, antworte ich, „ist doch schon dunkel, wenn wir ankommen“. Zwei entsetzte Kinderaugen sehen mich an und verziehen sich zu grimmigen Schlitzen. Hey, sage ich, morgen ist auch noch'n Tag. Nicht für enttäuschte Sechsjährige. „Blöder Papa“, brummt das Kind.
Tom ist mein Sohn. Funghi ist ein Delfin. Und der lebt in Irland, genauer: in der Bucht von Dingle. Bis Shannon fliegen, Richtung Südwesten fahren, kurz vor Killarney rechts ab und immer geradeaus, können Sie gar nicht verfehlen. Dann sind Sie in Dingle, einer Stadt, die der Halbinsel ihren Namen gibt, sich die westlichste Europas nennt und woanders nicht mal als Stadt durchginge: Eine Hauptstraße, ein paar Quergassen, ein zugegeben beachtlicher Fischereihafen und jede Menge Pubs. Gerade mal 1600 Menschen leben hier. Und zwar von der Landwirtschaft (ein bisschen), Fischfang (viel) und dem Tourismus (ganz viel). Denn neben dem Meer, der guten Luft und der spektakulär schönen Landschaft hat Dingle noch etwas ganz Besonderes zu bieten – Funghi.
Nicht, dass man einen wie Funghi nicht schon früher hier gesehen hätte – im Gegenteil, draußen im Atlantik ziehen mit dem warmen Golfstrom oft Delfinschwärme vorbei. Doch Funghi, der sich vor gut 15 Jahren in die enge Bucht mit dem knapp 100 Meter breiten Ausgang verirrt hat, ist geblieben. Das macht ihn zu einem der wenigen Delfine auf der Welt, die freiwillig mit Menschen leben. Das wollten Tom und ich sehen, ist doch klar.
Am zweiten Tag sucht Tom den Delfin. Und das geht so: Man geht am Hafen von Dingle in das Dolphin Office und sagt der Frau mit der roten Lockenmähne, dass man gerne mit dem nächsten Boot in die Bucht fahren würde. Okay, sagt die Frau, trägt Ihren Namen auf einer Liste ein und bittet Sie, zum angegebenen Zeitpunkt am Boot zu sein. Fahrgeld? Später, sagt die Frau. Und weil Sie mit Sicherheit noch ein wenig Zeit haben werden (in Irland hat man immer Zeit), können Sie sich noch ein wenig mit dem Rotschopf unterhalten (in Irland unterhält man sich sehr gern).
Maura Ruddy lebt in Dingle, seit sie denken kann. Und war genauso fasziniert wie alle anderen, als der Delfin plötzlich da war. „Und irgendwann“, sagt sie, „ist jemand auf die Idee gekommen, mit ihm ein Geschäft zu machen“. Und das läuft: Es gibt Funghi-T-Shirts, Handtücher, Bleistifte, Lineale, Plüschtiere… Jeder zweite Pub hat Funghi im Wappen. Und dann sind da die Bootstouren. „Im Sommer sind täglich hunderte von Leuten draußen, um ihn zu sehen“, sagt Maura. Sie selbst auch? „Ich besuche ihn nur noch im Winter, wenn die Boote Pause machen“, sagt sie, „dann paddle ich mit meinem Surfbrett hinaus und unterhalte mich ein bisschen mit ihm – wie mit einem guten, alten Bekannten“.
Tom hat das Boot entdeckt. „Komm, Papa, lass uns losfahren“, sagt er und zerrt mich zur Kaimauer. Mit uns wartet ein gutes Dutzend Touristen darauf, in Kontakt mit einem Delfin zu treten. „Kann ich ihn auch streicheln?“, fragt Tom. „Oder füttern? Guck‘ ma, ich hab noch’n Müsli-Riegel“. „Der frisst doch nur Fische, du Quatschkopf“, sage ich, „du kannst deinen Müsli-Riegel ja dem Kapitän schenken“.
Sean Flannery lebt seit neun Jahren von Funghi, wenigstens im Sommer. Das Fahrgeld? „Später“, sagt der 32jährige und zeigt durch Gischt und den einsetzenden Regen auf das Schild hinter ihm. Und das besagt: Beförderungsgebühr, umgerechnet etwa 15 Mark für Erwachsene und die Hälfte für Kinder, bezahlt man nur, wenn man Funghi auch zu sehen bekommt. „Und wie oft bist du schon umsonst rausgefahren?“ frage ich ihn. Flannery grinst breit. „Noch nie. Funghi lässt mich nicht im Stich“.
Unser Boot ist nicht das einzige auf der Bucht. Meist drei, manchmal fünf der Ausflugskutter treiben im Abstand von etwa 30 Metern nebeneinander her, an Bord je ein Dutzend Schaulustige. Sean startet seinen Lockruf: Er lässt seinen Motor aufheulen. Die anderen Skipper tun es ihm nach. Das locke ihn an, erklärt Sean uns, der Lärm mache ihn neugierig. Doch lange passiert nichts. „Wo ist Funghi?“, fragt Tom leicht genervt. Der legendäre irische Regen betröpfelt uns beharrlich und läuft die Nase herunter. Nebel hängt trübe über der Bucht. Von Funghi keine Spur, auch nach einer halben Stunde nicht. „Kein Wunder“, sagt Tom, „bei dem Wetter würde ich auch nicht hochkommen“.
Als selbst Sean schon an die erste einnahmefreie Fahrt seines Lebens glaubt, kommt ein Aufschrei von Backbord: Funghi! Er umkreist das Boot, taucht für zwei bis drei Sekunden auf und verschwindet dann wieder. Die Stimmung an Bord schlägt um – wo eben noch regengetränkte Enttäuschung herrschte, sind die Menschen plötzlich hellwach. Und angespannt: Funghi kommt jetzt immer wieder hoch – aber niemand weiß wo. Immer wieder Aufschreie und ausgefahrene Zeigefinger, ein paarmal ist auch Toms dabei. So ist er am Ende der Fahrt wenigstens halb versöhnt. „Toller Delfin“, sagt er, „aber ich dachte, er kommt ein bisschen näher. So richtig habe ich ihn ja nicht gesehen“.
Da weiß Sean, unser Skipper, Abhilfe. „Ihr müsst unbedingt eine Schwimm-Tour mitmachen“, sagt er und zeigt auf ein anderes Schiff, „am besten, ihr fahrt übermorgen um acht Uhr früh mit Thomas raus“. Thomas – und weiter? „Flannery“, sagt Sean und beißt in Toms Müsliriegel, „mein Onkel“.
Am dritten Tag hat Tom den schönsten Strand der Welt gesehen. „In echt, Papa, so ‘nen guten gibt’s nicht woanders“, sagt er angesichts des Ufers bei Slea Head, zehn Kilometer westlich von Dingle Town. Kein Widerspruch: Oft ist die Halbinsel Dingle eingenebelt, aber an hellen Tagen ist Slea Head ein Traum in feinem Sand, schützendem Fels und prickelnder Gischt. Julia Roberts hat hier schon gedreht. Seitdem kommt sie gerüchteweise immer wieder her, wenn sie mal eine Portion Ruhe braucht. Denn davon gibt’s hier genug. Selbst Tom blickt sinnierend über den Atlantik nach Westen. „Papa“, fragt er schließlich, „was kommt hinter dem Meer?“ – „New York, glaube ich.“ – „Echt? Geil. Das muss ich Mama erzählen. Gibt’s Du mir mal das Handy?“
Er hätte ihr noch mehr erzählen können von diesem Tag. Vom Gallus Oratory zum Beispiel – einem mehr als 1000 Jahre altem Gebetshaus, das wie ein umgestürztes Boot aussieht. Doch wo andere vor Ehrfurcht ins Flüstern verfallen, fragt mich Tom nur lauthals, ob „wir hier Fussi spielen können, und der Eingang ist das Tor“.
Überhaupt: So einfach nur zum Sightseeing durch die Gegend fahren, kann ziemlich anstrengend sein. Unbedingt, hatte mir eine Freundin gesagt, müsse ich im Auto die irischen Folk-Helden Dubliners oder die Chieftains hören, dann komme die Landschaft so richtig gut. Weniger gut kommt sie mit „Benjamin Blümchen als Feuerwehrmann“. Wer Kinder hat, macht Kompromisse. „Wann sind wir endlich da?“, brüllt es von hinten, „ich habe Durst! Ich will ein Eis! Mir ist langweilig! Ich will schwimmen gehen! Ich habe Hunger!“
Also ab ins Restaurant, und zwar das komplett unirische „Global Village“ in Dingle Town. Tom bestellt nur Kartoffelbrei mit Butter und freut sich über den Alt-Hippie am Tisch bei der Tür, der inbrünstig Songs von Bob Dylan und Neil Young intoniert. „Und jetzt bin ich müde, Papa“, sagt das Kind und kuschelt sich an mich, während der Mann neben der Tür an die Himmelspforte klopft.
Am vierten Tag hat Tom den tollsten Regenbogen der Welt gesehen. „Wirklich, Papa – der ging von da (zeigt auf Horizont links) bis da (zeigt auf Horizont rechts). Und der war total kräftig, und der ging gar nicht mehr weg“.
Wieder an Bord. Diesmal bei Thomas Flannery bei seiner „Swimmsuit Tour“. Zehn Menschen haben sich in Neopren-Anzüge gezwängt, um im Wasser unmittelbaren Kontakt mit Funghi aufzunehmen. Das traut sich Tom dann doch nicht („Kann ich da noch stehen?“), aber anschauen wollen wir uns das Spektakel schon, um acht Uhr früh an diesem frischen, freundlichen Morgen. Das Teilnehmerfeld friert international – ein Pärchen aus Hongkong bibbert neben einer Australierin; eine Italienerin wird von ihrem französischen Freund angefeuert, der wie wir lieber draußen bleibt. Wieder lockt der Skipper Funghi mit seinem Motor, wieder lässt der Tümmler auf sich warten. „Dolphins‘ Breakfast-Time“, lacht Flannery Zwo. Und so sind die Schwimmer schon komplett durchgefroren, als Funghi kommt. Mit seiner Seitenflosse das Wasser teilt, über die Chinesen springt und einmal sogar ganz nah bei uns auftaucht. „Fast hätte ich ihn angefasst“, sagt Tom, „aber der war so schnell. Und ganz schön zerkratzt.“ Das kommt davon, dass er immer spielen will, sagt Käpt’n Thomas, „da bleibt er schon mal an ´nem Paddel hängen.“ Macht aber nix, bei der dicken Haut.
Einige hier in Dingle glauben, dass er direkt von Gott kommt, sagt Thomas Flannery: „Er hat unserer Stadt Frieden und Zusammenhalt gebracht – und eine ganze Menge Geld.“ Von einer Lehrerin erzählt man sich, die Job und Familie hat sausen lassen, um das ganze Jahr bei Funghi zu sein. Er hätte ihr das Tor zu einer anderen Welt gezeigt, sagt man. Unsere Schwimmer wären in dieser Welt für einen ordentlichen Grog dankbar.
Am fünften Tag telefoniert Tom mit seiner Mutter.
Tom: „Hallo Mama, hier ist Tom.“
Mutter (überschwenglich): „Hallo mein Schatz! Wie geht’s
Dir?“
Tom: „Gut. Weißt du was? Ich kann jetzt ohne Schwimmflügel
schwimmen.“
Mutter: „Ach du Scheiße. Ist denn dein Papa immer bei dir? Passt
er auf dich auf? Und wo schwimmst du denn überhaupt?“
Tom: „Im Hotel, da ist `n voll cooler Pool, in einer Halle. Getaucht
bin ich auch.“
Mutter: „Oh Gott. Ich dachte, ihr guckt Euch die Gegend an?“
Tom: „Nö, heute regnet das ganz doll. Gestern waren wir in… in… Papa,
wo waren wir gestern?“
Vater: „Killarney“
Tom: „Genau, Kielani. Da war ein Schloß, und da sind wir durch
einen Park auf einem Pferd hingegangen, das hieß Billy und war schon
ganz schön alt aber das ging noch ganz gut trotzdem.“
Mutter: „Aha…“
Tom: „Ja, und heute ist ein Hai an mir vorbeigeschwommen, ganz dicht!“
Mutter (fassungslos): „Im Schwimmbad???“
Tom (lacht): „Oh nö, Quatsch! Im Aquarium natürlich, da
waren ganz viele Fische und das hat auch ekelig nach Fisch gestunken, und
da waren auch Haie. Und Manta-Rochen. In einem Becken!“
Mutter: „Klingt ja spannend. Und wie ist das Essen?“
Tom: „Geht so. Ich esse jeden Tag Matschpotäjtos.“
Mutter: „Bitte was?“
Tom: „Papa, wie heißt das?“
Vater: „Mushed Potatoes.“
Tom: „Hab‘ ich doch gesagt. Kartoffelbrei eben. Und ganz viel
Chips.“
Vater: „Alte Petze!“
Mutter: „Na, ich bin ja nicht dabei…“
Tom: „Genau. Und jetzt muss ich fernsehen. Es gibt hier nämlich
auch Sesamstrasse, nur in englisch. Tschühüs!“
Am sechsten Tag hat Tom ein bisschen Angst. Kein Wunder: Das Boot, das uns von Dunquin nach Great Blasket bringt, schaukelt heftig. Die ganze Woche schon wollten wir auf die größte der Blasket Islands fahren, die Europas Westend vorgelagert sind. Doch täglich hieß es: Keine Überfahrt. Zu stürmisch.
Und heute? Blauer Himmel. Pralle Sonne. Rauhe See. Zwanzig Minuten Minuten dauert die Überfahrt zu einem der bizarrsten Flecken Irlands – genug Zeit für Wind und Meer, um unsere Haut mit einer Salzkruste zu überziehen. Auf den Blaskets haben bis in die 50er-Jahre Menschen gelebt – unter kargen, einfachsten Verhältnissen. Und weil ein paar Schriftsteller dabei waren, die der gälischen Literatur das ein oder andere Meisterwerk hinterließen, gilt die Insel in Irland als eine der mystischten Künstlerkolonien aller Zeiten. Den Geist wollen natürlich auch andere atmen, und so streifen mit uns eine Handvoll Menschen durch die längst verfallenen Steinhütten, streicheln die zutraulichen Pensionsschafe vom Festland, lassen sich am wunderschönen Strand nieder und kehren bei Lesley ein. Das ist eine wettergegerbte Frau mit grauem Pferdeschwanz und vielen Lachfalten, die sich vor einem Jahr daran gemacht hat, die beiden am Besten erhaltenen Blasket-Häuser wieder herzurichten. In dem einem betreibt sie jetzt eine Art Öko-Café mit großartigem Apfelkuchen, in dem anderen gibt es von Mai bis September Platz für zehn Schlafgäste. Für zehn irische Pfund (etwa 30 Mark) ist man dabei. Strom liefert heute ein kleiner Generator, aber sonst lebt Lesley nicht anders als die Menschen vor 100 Jahren hier am Ende der Welt. Schön ist es ja. Aber einsam. „Wollen wir heute hier schlafen, Papa?“, fragt mich mein Kind. „Bloß nicht“, sage ich, „wer weiß, ob morgen die Fähre kommt.“
Am letzten Tag ist alles perfekt. Die Sonne scheint gnädig von einem
knallblauen Himmel, die sanften Hügel Dingles leuchten in 100 verschiedenen
Grüntönen. Tom will sich von Funghi verabschieden. Stunden haben
wir am Strand verbracht, mit den Augen das Wasser abgetastet und manchmal
eine Flosse gesehen. Jetzt wollen wir noch einmal auf die Bucht, und am
Kai wartet schon ein Boot auf uns. „Hi, I’m Wesley“, begrüßt
uns der junge Skipper. „Mit Nachnamen zufällig Flannery?“,
frage ich. Er schaut verblüfft: „Woher weißt du das?“
Wir verlassen die Bucht – heute soll er sich draussen auf dem Meer
tummeln, sagt Wesley. „Vielleicht ist er einsam und sucht andere Delfine“,
sagt Tom, „ich langweile mich sonntags auch manchmal, und dann ruf‘ ich
Basti oder Jannik an“. Wer weiß, sagt der 22jährige Skipper. „Vor
ein paar Jahren war mal ein Delfinweibchen da, ein paar Monate ist sie bei
Funghi geblieben. Plötzlich war sie dann verschwunden“. Und die
Leute von Dingle, mutmaße ich, waren sicher traurig, oder? Wesley
lacht: „Nee, echt nicht! Wir waren nur froh, dass sie uns Funghi dagelassen
hat…“
Showtime. „Da!“, schreit Tom und streckt seinen Zeigefinger Richtung Meer – und tatsächlich: Immer wieder springt Funghi aus dem Wasser, immer näher kommt er unserem Boot. Wesley gibt Gas – mit Voll-Speed geht es zurück in die Bucht. Auf einmal taucht Funghi auf, direkt neben Tom. Und wieder unter. Und wieder auf. Die Gischt spritzt Tom ins Gesicht, der Fahrtwind fährt ihm in die Augen, aber Tom lacht – lange und immer wieder, wenn der Delfin sich zwei Armlängen entfernt aus dem Wasser erhebt. Ein paar Minuten geht das so, und Tom freut sich wie ein kleiner König. „Und?“, frage ich ihn, als wir später im Flugzeug sitzen, „blöder Urlaub?“ Da muss Tom schon wieder lachen. „Nein“, sagt er schließlich, „das war toll. Können wir bald wieder kommen und Funghi besuchen? Schliesslich ist er jetzt mein Freund.“
Kann ein Vater da nein sagen? Kann er nicht.
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© Stephan Bartels, 2005-08