VIER
DRAMEN AM GRILL
Die Sonne brennt. Von rechts weht Bratwurstduft herüber, von links beschallt uns Volksmusik aus einem Bierzelt. Meine Finger stinken nach Knoblauch, Till hackt Dill. Dutzende von Menschen schauen ihm dabei zu, und ein Fernsehteam von SAT.1 auch. Der Schweiß rinnt uns in Bächen von der Stirn. „Wo bleibt der Speck?“, schreit Sandro entnervt, „und wer deckt endlich diesen verdammten Tisch?“ Kester stöhnt, pustet die Backen auf, schaut in den tiefblauen Himmel und fragt: „Was machen wir hier eigentlich?“
Tja. Gute Frage. Was machen wir hier bloß, auf diesem sommerlichen Fußballplatz im Schwäbischen? Auf den ersten Blick: Grillen. Auf den zweiten Blick trachten wir nach Ruhm und Ehre, schließlich ist das hier kein Spaß, sondern harter Wettkampf – die Deutschen Meisterschaften im Grillen. Da wollen wir, die Männer der BRIGITTE, unbedingt dabei sein, wir wollen diese Herausforderung annehmen, um zu zeigen, dass wir echte Kerle sind. Schließlich ist das Grillen so männlich ist wie Rasenmähen und Stehpinkeln.
In Pfrondorf, einem Tübinger Stadtteil, ermittelt die GBA – das ist, ausgeschrieben, die German Barbecue Association – die besten Würstchenbräter der ganzen Republik. Ein Klacks für uns. Denken wir. Und zucken zusammen, als wir die Teilnahmebedingungen bekommen: Vier komplette Gänge muss unser Menü beinhalten, sogar einen Nachtisch sollen wir grillen. Vorher müssen wir „Würstchen im Naturdarm“, Fisch und Geflügel bereiten, für jeden Gang haben wir eine Stunde Zeit. Und was da nicht alles bewertet wird: Bissfestigkeit, Geschmack, Garstufe, Präsentation…
Verdammt, das riecht nach Arbeit. Und die muss gut verteilt werden: Sandro Magris, unser Bildredakteur, wird Chefgriller und der kreative Kopf des Unternehmens. Textchef Till Raether ist für die Beilagen zuständig, Kultur-Ressortleiter Kester Schlenz wird zum Frischfleischbeschaffer. Ich kümmere mich um die Dekoration. Zwei Trainingseinheiten halten wir ab, und die haben mit einem gemütlichen Grillabend so viel zu tun wie Dieter Bohlen mit guter Musik. Ein echter Knochenjob ist das, was wir vorhaben. Sandro macht seine Sache ganz gut, besonders seine Würstchen sind lecker: mit Backpflaumen, süßem Senf und Sauerkraut gefüllt, mit Speck ummantelt. „Sandro ist der Oliver Kahn des Naturdarms – die selbe Entschlossenheit, die selbe Einstellung: Es muß immer weitergehen“, sagt Till. Aber vieles geht auch schief. Wir überlegen ernsthaft, unsere Meldung zurückzuziehen. Bis, eine Woche vor Turnierbeginn, Till Raether in mein Büro stürmt und jeden Zweifel mit einem donnernden „Ja, ich grill!“ ausräumt. Ab nach Tübingen.
Blöd nur, dass noch große Teile der Tischdekoration fehlen. Die kaufen wir bei einem IKEA bei Hannover. Und noch etwas fehlt: Der Mannschaftsname. Den erörtern wir abends im Hotel bei Spätzle und Bier.
„Wie wär’s mit… ‚Die zarten Saitlinge‘?“, schlägt Kester vor. Protest von allen Seiten. „Wir sind doch keine Softie-Laschos“, meint Italo-Redakteur Sandro und trägt einen eigenen Vorschlag vor: Feuer frei. Pah, sagt Till, das sei doch Studentenkabarett. „Ich bin für ‚Modern Grilling featuring Dieter Kohlen`“. So nicht, Herr Raether. „Da gehen wir jetzt mal mit ein bisschen mehr Niveau ran“, befiehlt Kultur-Chef Kester – und bekommt von mir „Das kulinarische Quartett“ zum Vorschlag. Findet aber auch keine Gnade, ebensowenig wie „I Hired A Contract Griller“, „Vier Würste für ein Halleluja“ und „Die Brandbeschleuniger“. Till schließlich hat nach einem ordentlichen Schluck Export die Lösung: „Die Glutsbrüder“. Jawoll, so wollen wir heißen. Prost darauf. Schnell noch persönliche Kampfnamen festlegen – Kester wird „Häuptling zarter Saitling“, Till zur „Knackwurst“, Sandro heißt fortan „Die Glut“ und ich „Naturdarm“. Ab ins Bett – und am Samstag auf zur nächten Hürde: Wir gehen Einkaufen.
„Okay, Sandro, raus mit der Liste“, sagt Kester auf dem Tübinger Markt. Oh, sagt der leicht betreten, die, tja, liege auf seinem Schreibtisch… Und weil unser Küchen-Italiener die Bratwürste vorher unbedingt in Augenschein nehmen wollte, hatte er – im Gegensatz zu den anderen Fleisch- und Fischzutaten – keine vorbestellt. Ich bin genervt. „Alter, hier finden morgen die Grillmeisterschaften statt – in einer Stadt von 80 000 Einwohnern“, fauche ich, „da findest Du nicht eine frische Bratwurst mehr“. Stimmt zum Glück nicht ganz – aber mit den gewünschten XXL-Modellen wird es nichts. Wir müssen uns mit unbefriedigend kleinen Würstchen zufrieden geben.
Der Rest ist Lampenfieber. Wir verzichten auf ein geplantes Abschlusstraining und versuchen zu entspannen. „Kopf hoch, Jungs“, versucht uns Kester aufzumuntern, „Glut Ding will Weile haben“. Till stammelt irgendetwas vom „Triumph des Grillens“ und nennt sich fortan nur noch Grill Raether, und Sandro sieht in uns „die brutalst möglichen Aufgriller“. Wird Zeit, dass es endlich losgeht.
Und das tut es. Um 9 Uhr am nächsten Morgen, mit der Einweisung für die Teamchefs der 13 Mannschaften. Da sitzen wir nun zwischen lauter Metzgermeistern, Restaurantbesitzern und Partyservice-Teams. Sieben Mannschaften starten in der Klasse der Profis, sechs bei den Amateuren. „Eigentlich sollte noch ein siebtes Amateurteam kommen“, sagt der Veranstalter achselzuckend, „aber ‚Die lustigen Grillwürschen‘ haben wegen zu kurzer Vorbereitungszeit abgesagt“.
Wir machen uns an den Aufbau in unserem Partyzelt, das auf dem Pfrondorfer Fußballplatz steht. Um uns herum ist schon fast alles fertig für den ersten Gang um zwölf Uhr. Das Damenteam aus dem Schwäbischen neben uns ist schon „seit dem Morgengrauen“ am Schnippeln, sagt eine der Frauen. Ihr mitgebrachter Tisch ist schon fertig gedeckt, auf frisch gebügeltem Leinen, versteht sich. Ihr Grill, auf den sie stolz deuten, ist schlappe 2700 Mark wert. Unserer ist verrostet und kostete neu 59,90 DM.
Die Herren von der Jury laufen in weißen Kitteln durch die Gegend und verbreiten dabei den Charme von Fillialleitern einer Supermarktkette. Till nicht: „Ich sehe aus wie Konstantin Wecker.“ Stimmt schon: Wir haben uns für den lässigen Studienrats-Chick entschieden. Weisse Hemden, Anzughosen, schwarze Schuhe. In denen halte ich es bei 30 Grad im Schatten kaum aus.
Aus den Lautsprechern dudelt alpine Blasmusik. In den anderen Zelten werden Elektro-Grills, Espresso-Maschinen und Mixer aufgestellt. Fast alle Teams haben Tische und Stühle selbst mitgebracht. Andere dekorieren extrem aufwendig – und nicht immer stilsicher. Das „Gourmet-Grill-Team“ aus Pforzheim etwa, letztjähriger Deutscher Amateurmeister, stellt sich zwei Terrakotta-Löwen an mitgebrachten Buchsbäumchen vor das Zelt. Wie seltsam. Till erkennt in unserer fast schon spartanischen Aufmachung ohnehin ein Prinzip. „Wir machen Dogma-Grillen“, sagt er, „kein Strom, keine unnötigen Schnitte, kein Geschmack“.
Der Chef der „Fuchsbaugriller“ aus Erfurt, immerhin amtierender Meister der Profis, scheißt seine Mannschaft ordentlich zusammen. Nervosität liegt in der Luft. Ein wenig auch bei uns, als uns die Damen von nebenan ihre Hilfe anbieten, weil wir um 10.30 Uhr noch nicht fertig sind. Außerdem gibt Sandro extrem unklare Anweisungen. Meuterstimmung macht sich im Team breit. Till schnippelt meine Bratwurst-Deko weg (Koriander im Topf), und zweifelhafter Trost kommt lediglich via Handy aus 750 Kilometern Entfernung. „Mach dir keine Sorgen, Papa“, sagt Kesters Sohn Henri, „vielleicht sind die anderen noch töffeliger als ihr“.
Glaube ich kaum. Irgendwie scheint es mir plötzlich doch keine gute Idee zu sein, unseren Tisch mit einem Bettbezug zu decken. Und dann muss ich auch noch fachsimpeln. „Sie da, eine Frage bitte“, ruft mich ein älterer Herr zu sich, „meinen Sie nicht, dass bei Ihrem Grill das Fett in die Kohlen tropft? Das ist doch gerade wieder in der Diskussion“. Nun, nicht bei mir. Ich passe und sehe schwarz. Und zwar an unseren Würstchen, die so langsam ankokeln. Außerdem schlendern die ersten beiden Juroren auf uns zu. High Noon, Zeit für den ersten Gang: Sandros gefüllte Grillwürste „Glutsherrenart“ mit einer Baked Potato und Knoblauch-Gurken-Quark.
Machen wir’s kurz: Die erste Runde ist furchtbar. Die Kartoffel ist noch hart, diese Wurstkreation zwar rechtschaffen originell, aber auch nicht durch genug. Schlechte Karten für die Bewertungsmaßgabe Garstufe, „da merkt man, dass da Amateure am Werk sind“, sagt einer der Juroren. Wenigstens der Quark ist lecker. „Wo is’n des Bier?“, brummelt der andere. Kommt sofort – ist aber zu warm. Schweigend mümmeln die Richter ihre Wurst und ziehen nachdenklichen Blickes von dannen. „Selbstmord“, sagt Till, „wäre jetzt eine prima Alternative“.
Er bleibt am Leben und darf sodann dem Präsidenten die Hand schütteln: Rolf Zubler, der Vorsitzende der „World Barbecue Association“ stattet uns einen Besuch ab, im Schlepptau eine Brünette mit viel Schminke und bauchfreiem Top. Die sei, sagt der alerte Schweizer, das „World Smile“ der „Make People Happy“-Initiative der WBA, und überhaupt hört sich Herr Zublers Vortrag über das Grillen an wie eine Bewerbung um den Friedensnobelpreis: Zusammenkommen über kulturelle Grenzen hinweg, Völkerverständigung und der Traum vom Weltfrieden, Schwerter zu Grillzangen gewissermaßen. Höflich hören wir zu, lassen uns zur Europameisterschaft in die Schweiz einladen und sind froh, endlich die zweite Aufgabe angehen zu können: Fisch.
Und da hat sich unser Italiener etwas Besonderes einfallen lassen: Thunfisch-, Lachs- und Zanderfilets, dazu Scampis – alles aufgespießt auf einen Zitronengrashalm. Dazu gibt es Gremolada, Knoblauch-Crostini und Salat mit Fenchel. Diesmal stimmt fast alles – bis auf die Tatsache, dass unsere Tischdecke unverkennbar Vorhangschlaufen hat, an den Weingläsern noch Preisschilder kleben und wir das Ciabatta nicht finden können. Ich jage zum Bäcker nach Tübingen und besorge neues. Egal: Der Teller sieht großartig aus. Auch die Juroren sind schwer angetan. Einem linse ich auf den Notenzettel – er bleibt in allen Kategorien nur knapp unter der Höchstwertung. „Das reißt uns wieder raus“, sagt Kester und treibt das Team an. Die Euphorie ist fast greifbar. Hier geht noch Einiges. Wir lagen zurück. Wir haben zurückgeschlagen. Das zeichnet eine Klassemannschaft aus.
Vor dem Dritten Gang noch ein Besuch. Der Pressesprecher der Deutschen Geflügelwirtschaft überreicht uns eine Broschüre seines Verbandes. „Geburt, Aufzucht, Schlachtung“ steht drauf. „Mensch“, sagt Till und schiebt ihn höflich aus dem Zelt, „die Geschichte meines Lebens!“ Genug geredet. Die „Flugentenbrust Rosa Baron“, steht auf unserer Menükarte, dazu reichen wir Salbei-Polenta auf Parmesan und eine pikante Orangen-Soße. Allein die Ankündigung der Ente sorgt für Raunen unter dem fachkundigen Publikum – als hätten wir uns die erste Nacktbesteigung des Everest vorgenommen. „Des isch a b’sondre Kunscht für sich“, befindet einer der Juroren von der Tübinger Fleischerinnung und beißt zaghaft ins Fleisch. Von wegen: Der Vogel ist perfekt. Sollen die anderen doch einpacken mit ihren blöden Hühnerbrüsten, die kann jeder. Doch dann wird der andere Schiedsrichter zickig. Der Wein sei zu warm, sagt er, offensichtlich schon leicht angeschickert. „Pure Absicht, so ist er viel bekömmlicher“, antwortet Till. Doch der Mann, selbst Journalist, nörgelt weiter: Die Polenta, sagt er, „ist geschmacklich ja wohl eine absolute Nullnummer“. Betretenes Schweigen. Sandro ist geknickt und verweist auf die Bedeutung dieser Beilage in seiner norditalinischen Heimat sowie die Raffinesse des Salbeis. Doch es ist offensichtlich: Der Typ mag uns nicht. Hier geschieht ein Unrecht, vor aller Augen. Kostet uns die Willkür eines besoffenen Kampfrichters den Platz auf dem Treppchen?
Doch noch ist es nicht zu spät. Ich werfe einen Blick auf die Gerichte der anderen Teams. Die „Klippengriller“ aus Rostock scheinen unsere Hauptkonkurrenten im Abstiegskampf zu sein, das „International Drinking Team“ aus München disqualifiziert sich mit lieblosen Spießen und einer beknackten Bayern-München-Dekoration fast von selbst. So schlecht sehen wir gar nicht aus. Und die „Fangfrische Ananas ‚Grilling Me Softly‘“ kann alles wieder rausreißen. Zu gegrillten Ananasscheiben gibt es Erdbeeren und eine Joghurt-Mascarpone-Creme. Mittlerweile stimmen die Bewegungen – wir arbeiten zahnradartig und routiniert zusammen Und fast pannenfrei, mal abgesehen davon, dass eine Flasche Balsamico-Essig vom Wind umgepustet wird. Und ein Teil ihres Inhalts in die Creme tropft. Doch der Chefgriller verzieht nicht einmal eine Miene und rührt das Zeug einfach unter. „Wir müssen’s ja nicht essen“, sagt Sandro. Ein Fernsehteam von RTL kommt in unser Zelt. Ob Grillen sexy macht, will die Reporterin von Kester wissen. „Die Frage beantwortet sich von selbst“, sagt er, „schauen Sie mich an“. Und woran das liege? „An der aufsteigenden Hitze“.
Und dann ist es vorbei. Alles ist gegrillt, gegessen und bewertet. Unsere vier Ausstellungs-Teller stehen auf einem Präsentationstisch vor dem Zelt, damit die insgesamt 13 000 Zuschauer an diesem Tag auch etwas davon haben, zumindest optisch. Wie wir den Gurkenquark gemacht hätten, was in der Ananas-Creme denn so drin sei („Balsamico-Essig. Kleiner Scherz, haha“), und was bitte ist dieses komische Zeug da auf dem Fischspieß? Der Dialog mit den Zuschauern, so der Turnierleiter zu Beginn des Grilltags, „ist Bestandteil des Wettbewerbs und wird gewünscht“. Till und Sandro macht er offensichtlich am meisten Spaß – die beiden scherzen und fachsimpeln mit dem Publikum auf Teufel komm raus, während Kester und ich unter eiskaltem Wasser zum vierten Mal an diesem Tag das Geschirr abspülen. Keine Ahnung, ob wir echte Titelchancen haben – aber der Grillmeister der Herzen sind wir an diesem Tag allemal.
Zur Siegerehrung ist das Pfrondorfer Bierzelt proppevoll. Verdammt, einen der 15 Pokale werden wir doch wohl holen! Schließlich wird jede Einzelkategorie von Platz eins bis drei prämiert. Beim Würstchen gehen wir leer aus. Dann der Fisch. „Platz 3 mit 199 Punkten… das Klippengriller-Team aus Rostock!“, ruft der Laudator von Bundesverband Naturdarm in sein Mikro. Es läuft gut. Besser als die waren wir allemal. Kester und Till stehen schon mal auf, um Sandro zur Pokalübergabe durchzulassen. „Abwarten“, flüstert der nervös. „Mit 209 Punkten auf Platz 2… Vier Damen am Grill“. Till hält den Atem an. Sollten wir gleich im ersten Anlauf Meister werden? „Erster mit 222 Punkten… das Gourmet Grill-Team!“ Wir erstarren. „Das muss ein Irrtum sein“, murmelt Kester, und ich rede etwas von „Protest einlegen“. Es hilft nichts. Alle Pokale gehen an uns vorbei. „Macht doch nüscht“, flüstert uns eine Grillerin aus Erfurt zu und tätschelt mitfühlend Sandros Hand, „beim ersten Mal zahlt jeder Lehrgeld“.
Sechster und letzter Platz in der Gesamtwertung, in jeder Einzelkategorie auf Platz Fünf. Okay, wir sind die lustigsten. Wir sehen am besten aus. Und doch trifft uns diese Schlappe schwer. Eine Reporterin des „Schwäbischen Tagblatts“ kommt vorbei. Ob wir jetzt für das nächste Jahr noch härter trainieren würden? Nein, sage ich: Der Wähler hat seine Entscheidung getroffen, und wir werden unsere Konsequenzen daraus ziehen: „Hiermit erklärt das BRIGITTE-Grillteam seinen sofortigen Rücktritt vom aktiven Grillsport“. Und überhaupt, fügt Sandro hinzu, „ist doch eh‘ alles Wurst“.
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© Stephan Bartels, 2005-08