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GEMISCHTES DOPPEL AUF DER ALM

Nach Kärnten fahren, sanftmütige Berge besteigen und in urigen Hütten nächtigen - herrlich, dachte sich Alpenfan Christine Hohwieler. Doch dann beging sie einen großen Fehler: Sie nahm ihren Kollegen Stephan Bartels mit.

_Stephan
Meine Damen und Herren! Die BRIGITTE-Redakteuin Christine Hohwieler wird Ihnen auf den folgenden Seiten von den Vorzügen Kärntens erzählen. Sie wird die sanft geschwungenen Hügel dieses österreichischen Bundeslandes preisen und die Reinheit der Luft dort loben. Vor allen Dingen aber wird sie Ihnen von der Freude berichten, die es bedeutet, im Gebirge von Hütte zu Hütte zu wandern und sein Leben unbeschwert im Einklang mit der Natur zu leben.

Glauben Sie dieser Frau kein Wort.

Die Wahrheit ist anders. Die angeblich so sanften, grünen Hügel entpuppen sich als echte Killer, wenn der gemeine Büromensch zum Gipfel strebt. Die üppige Natur besteht weitgehend aus stacheligen Pflanzen, die bei Berührung (und in Kombination mit Schweiß) übelsten Ausschlag hervorrufen. Und auf den kargen Berggipfeln umkreisen den geplagten Wanderer Milliarden unappetitlicher Schmeißfliegen und Bremsen. Und gute Luft? Pah! Glauben Sie mir: Der Berg stinkt. Ob es die zahlreichen Kuhfladen sind (was zum Henker machen die Rindviecher auf 2000 Metern Höhe?) oder angegorenes Gras: Oberhalb der Baumgrenze liegt ein saurer Geruch der Fäulnis in der Luft, gegen den ein Spaziergang am Kamener Kreuz bei Stau aromatisch wirkt.

Fast eine Woche lang bin ich mit Christine gewandert. „Stephan“, sagte sie vorher zu mir, „glaub mir: Du wirst es lieben.“ Okay, zugegeben: Etwas Bewegung an der frischen Luft würde mir gut tun, schließlich klang das Ganze nach ein paar Tagen bezahltem Urlaub. Und außerdem: Wenn mich jemand bittet, ihm zu glauben, dann tue ich es.

Ich bin so blöd. Hatte ich wirklich vergessen, dass Wandern nun wahrlich nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte? Und hätte ich nicht schon bei all den Orts-Namen misstrauisch werden müssen? Immerhin galt es, die Saualpe zu überqueren, nachdem wir in Klagenfurt gelandet waren (im Anflug haben wir übrigens einen Ort namens Maria Elend unter uns gelassen). So gesehen hätte mich die Existenz eines Jammertals oder einer Seufzerhütte kaum gewundert. Und dennoch: Ich bin guter Dinge und frohen Mutes, als wir in unserem Mietwagen an der Zechhütte ankommen – dem Ausgangspunkt für unsere Tour.

_Christine
Am besten, ich sage es gleich vorweg: Wenn ich die Wahl hätte zwischen drei Wochen Strandurlaub auf den Seychellen, einem Monate New York oder fünf Tage Hüttenwanderung in Kärnten, würde ich mich ohne Zögern für Kärnten entscheiden. Daraus wird ersichtlich, daß ich kein wirklich entspanntes Verhältnis zu den Bergen haben, sondern geradezu besessen bin von allem, was 1000 Meter über dem Meeresspiegel liegt und grün ist. Es gibt dafür eine einfache Erklärung: Vor viereinhalb Jahren bin ich von München nach Hamburg gezogen und musste die Alpen gegen die Nordsee als Freizeitrevier eintauschen. Ich habe nichts gegen die Nordsee, wirklich nicht, aber im direkten Vergleich zu der Schönheit und Erhabenheit der Berge kann dieses grau-braune Getöse vor St. Peter-Ording einfach nicht mithalten.

Einem eingefleischten Hamburger wie Stephan Bartels, der dem Zauber der Bergwelt mit blinder Ignoranz entgegentritt, kann man eine solche Erkenntnis natürlich nur schwer vermitteln. Aber schließlich gibt es ja in den Bergen nicht nur wunderbare Landschaft und herrliche Luft sondern noch dazu eine pralle Lebensfreude, die den Fischkopf Bartels logischerweise vom Hocker hauen muß. Dachte ich.

Als wir uns am Sonntagnachmittag bei strahlendem Sonnenschein zur Brotzeit an einem der langen Holztische vor der Zechhütte niederlassen, herrscht um uns herum südlicher Frohsinn. Buntgemischte Wandergruppen sprechen nach hartem Marsch dem Apfelmost zu, Kinder toben auf der Wiese vor der Hütte, und wo in Schleswig-Holsteins ländlicher Gastronomie vom wortkargen Fachpersonal draußen nur Kännchen serviert werden, tischt hier der Hüttenwirt persönlich humpenweise Kaffee zu frischgebackenem Strudel auf. Wir entscheiden uns für eine Brettl-Jause, und Herr Bartels, der eine ordentliche Mahlzeit durchaus zu schätzen weiß, macht große Augen, als vor seiner Nase eine gigantische Holzplatte mit Schinken, Salami, Obatztem, Glundner-Käse und Selchfleisch platziert wird. „Also gut, über das Essen kann man nicht meckern“, murmelt er und putzt seine Brettljause sauber weg. Noch besser als das Essen ist das musikalische Rahmenprogramm, dass wenig später in der Hütte geboten wird: Einer der Gäste packt seine Ziehharmonika aus, hebt zum Singen an, und sofort ist die gesamte Hüttengesellschaft dabei, schmettert mit, schwenkt die Most-Krüge, klatscht, schunkelt und erweist sich als absolut textsicher. Ich bin begeistert. In Hamburg wird schon leises Mitsummen an öffentlichen Orten als exaltierter Gefühlsausbruch gewertet, hier hingegen gibt es kein Halten. „Mein einziger Zeuge, mein Wildbach bist du“, singt unser Hütten-Barde mit zwanzigstimmiger Begleitung, zwischendurch wird gejodelt, und jeder Most, der dem Musiker spendiert wird, wird mit einem Trinkspruch gewürdigt: „Wonach soll man am Ende trachten? Die schöne Alm zu kennen und nicht zu verachten!“, spricht der Sänger und erntet frenetischen Applaus. Nur nicht von Stephan, der aus der Wäsche schaut, als hätten ihn feindselige Außerirdische auf einen fremden Planeten entführt. „Ich glaube, ich bin einfach kein sehr geselliger Mensch“, sagt er entschuldigend. In der Tat erweist sich Stephans Gesellschaft als zunehmend problematisch: Als wir zwei Stunden später in den Betten unseres Hüttenlagers liegen, schnarcht er derart penetrant, dass ich die von mir sehr geschätzte nächtliche Stille der Bergwelt beim besten Willen nicht hören kann.

_Stephan
Sieben Stunden! Soviel Laufzeit hat Christine für unsere erste Tour veranschlagt. Die hat ja wohl 'n Rad ab! Schließlich baumeln auf unseren Rücken je 15 Kilo Gepäck, inklusive Proviant. Und damit sollen wir auf zwei Kilometer Höhe klettern? Überhaupt – wenn ich so den Berg hinaufschaue, wird mir klar, warum die Alpen nicht mag. Ich habe sie schon immer als protzig empfunden, als pure Angeberei einer allzu verschwenderischen Natur. Die auch noch entstanden sind, als zwei Kontinentalplatten mit einem gigantischen Rummms! aufeinander geprallt sind. Verstanden, Ihr Alpinisten, Wanderfreunde und Hohwielers dieser Welt? Die Steinhaufen, auf denen Ihr mit Vorliebe herumturnt, sind nichts weiter als die Folgen eines mächtigen Frontal-Zusammenstosses!

Zugegeben, hier in Kärnten ist mittlerweile Gras über die Sache gewachsen, selbst die 2000er sind im Sommer komplett begrünt und frei von kargen, abstoßenden Felswänden. Doch nach einer Stunde Wandern ist mir auch das egal. Meine Lunge brennt, meine Beine machen schlapp – beim ersten Anstieg! Erst auf dem fast ebenen Gipfel-Grat wird die Lage für mich entspannter.

Was immer noch nicht bedeutet, dass ich mich an das ortsübliche Tempo gewöhnt hätte. Großfamilien ziehen mit Greisen und fünfjährigen Kindern freundlich grüßend vorbei. Ein Jogger (!) lässt mich lässig links liegen. Und während ich kopfschüttelnd und schwitzend durch die sengende Sonne stapfe, beten an einem Gipfelkreuz zwei barbusige Kärntnerinnen unseren Fixstern an. Knapp 1500 Meter unter uns leuchtet das sommerlich beschienene Lavanttal – da wird einem schon schwindlig, wenn man gerade mal die Besteigung des Elbdeichs bei Finkenwerder gewohnt ist. Wenn man dann noch bedenkt, dass ich mich in den letzten Jahren nur in allernötigsten Momenten bewegt habe, kann man sich leicht ausrechnen, dass die Dinge für mich schon besser gelaufen sind.

_Christine
Daß es mit Stephans Kondition nicht zum besten stehen würde, hatte ich geahnt. Zwar war er nach eigenen Aussagen früher mal ein durchaus begabter Fußballer, aber das ist lange her, und einen schweren Rucksack tragen musste er im Mittelfeld auch nicht. Und so bekomme ich meinen Begleiter an unserem ersten Wandertag nicht gerade häufig zu sehen. Wenn er in meiner Nähe ist, bemerke ich das anhand des schweren Schnaufens hinter meinem Rücken, hört das Schnaufen auf, ist er mal wieder zurückgefallen oder hat ein Päuschen eingelegt. Sprechen kann er gar nicht, weil er seine Mundöffnung zum Atmen braucht. Mir ist es nur recht. Ich hasse es, beim Wandern Konversation zu machen. Das lenkt nämlich von der Landschaft ab, und die ist hier so atemberaubend schön, dass ich pausenlos in die Hände klatschen könnte. Weil wir selten über 2000 Metern laufen, ist unsere Umgebung sattgrün und mit bunten Farbtupfen übersät. Bauernorchideen, Glockenblumen und Primeln blühen an den Wegen, reife Blaubeeren leuchten in dicken, flachen Büschen am Boden, und so eine feiste Natur finde ich viel bestechender als den spektakulären Blick auf einen kargen Hochgebirgszug in 4000 Metern Höhe. Das einzige, was aus diesem vollendet harmonischen Bild herausfällt, ist Herr Bartels, der mit seiner Schirmmütze und dem Supermann-T-Shirt aussieht wie ein Raver, der sich auf dem Weg zur Love-Parade in die Berge verirrt hat. Seine Sehnsucht nach der Zivilisation nimmt während unserer sechsstündigen Wanderung derart massive Formen an, dass er sich am Ende weigert, bis zu der pittoresken Grünhütte weiterzulaufen, die ich als Ziel anvisiert hatte. Statt dessen besteht er darauf, im Naturfreundehaus zu übernachten, ein völlig unromantischer Gasthof mit Dusche und Heizung und gutem Empfang für sein Handy.

_Stephan
Christine Hohwieler, soviel steht fest, ist die wiedergeborene Heidi. Unseren Marsch zur Feldalmhütte absolviert sie mit großen Shirley-Temple-Augen, bei dem Dauer-Grinsen in ihrem Gesicht würde ich, wenn ich es nicht besser wüsste, auf zuviel LSD tippen. Alle 200 Meter klatscht sie beseelt in Hände und ruft: „Herrlich, herrlich, nun sag‘ doch mal, isses nicht herrlich hier?“ Jaja, schon gut, ist wirklich ganz hübsch hier. Finde ich zumindest, bis wir nach fünf Stunden zur Feldalmhütte kommen. Dort wird mir klar, dass das Jugendherbergsambiente im Naturfreundehaus wirklich Luxus war.

Denn in dem kargen Holzhaus auf 1835 Metern gibt es ein Plumpsklo, kein fließendes Wasser, Strom übrigens auch nicht. Wozu auch? Aufgestanden wird hier, wenn es hell wird, schlafen geht man, wenn der letzte Sonnenstrahl am Gipfel gegenüber versickert ist. Erklärt uns jedenfalls das Hütten-Wirtspaar, und das heißt, natürlich, Hans und Maria. Wenigstens hat man beim Pinkeln eine grandiose Aussicht ins Tal.

Hier vertiefen sich auch schlagartig meine Beziehungen zu den Eingeborenen. Wir sitzen am großen Tisch in der kleinen Hütte, zusammen mit den Wirtsleuten. Einem wandernden Ehepaar aus Graz. Dem sturzbesoffenen Jungbauern vom Nachbarhof. Der Windisch-Wirt sitzt auch da – angeblich der größte Schilcherbauer der Steiermark, der mal kurz mit seiner Freundin vorbeischaut. Später kommt noch der weit über 50-jährige Dorfschullehrer hinzu – ein Naturbursche, der wie Mitte 30 aussieht und die mehr als 1000 Höhen-Meter aus dem Tal locker auf einem Mountain-Bike hinter sich gebracht hat. Getrunken wird Zirbenschnaps – ein hochprozentiges, selbstgebrautes Feuerwasser auf der Basis von Tannenspitzen.

Und das lockert die Zungen. Alle. Bis auf meine. Was mir wiederum Gelegenheit gibt, die Konversationsstrukturen der Runde zu analysieren. Die beschränken sich vor allem auf das absondern von Allgemeinplätzen, die sich a) mit sozialer Ungerechtigkeit und b) mit sexuellen Anzüglichkeiten befassen. Moment mal, das kann ich auch. „Die da oben kriegen es ständig hinein gestopft“, lasse ich unvermittelt an beliebiger Stelle einfließen, „und uns kleinen Leuten nehmen sie die Wurst von Brot.“
Beifälliges Gemurmel. Ich versuche es noch einmal.
„Mal ehrlich: Man kann noch so buckeln – unsereins kommt doch nie auf einen grünen Zweig!“
Jawohl! brüllt die Meute. Hört, hört! ruft einer. Ich komme langsam in Fahrt.
„Aber eines ist mal klar: Auch Millionäre haben nur ein Arschloch zum Scheißen!“ rufe ich und schlage dabei mit der Faust auf den Tisch. Mein Publikum applaudiert frenetisch. Der Wirt haut mir seine Pranke auf die Schulter. „Du bist scho richtig“, sagt er fast gerührt und spendiert eine Runde Zirbenschnaps. Ich bin aufgenommen. Und sogar Christine ist ein bisschen stolz auf mich.

_Christine
Gibt es etwas schöneres, als an einem Sommertag gegen sechs von Kuhglocken geweckt zu werden? Gibt es nicht, und deshalb springe ich sofort aus dem Bett, als sich morgens um sechs ein gutes Dutzend hungriger Rindviecher unter unsere Schlaf-Scheune postieren und lautstark nach Futter verlangen. Nach einer Express-Reinigung in eisigem Gebirgswasser und einem Marmeladenbrotfrühstück muß ich zwar noch ein gutes Stündchen auf Stephan warten, der mit großer Sorgfalt seine Blasen verarztet, aber meiner grandiosen Stimmung kann das nichts anhaben. Genau genommen bin ich selten so glücklich wie beim Wandern. Denn im Gegensatz zu andern Urlaubsformen steht man nie vor der Frage: Was machen wir heute? Warum sehen alle gotischen Kirchen gleich aus? Wieso habe ich keine anständige Strandlektüre mitgenommen? Statt dessen steht man auf, steigt in seine Wanderschuhe und läuft einfach los. Obwohl wir erst den dritten Tag unterwegs sind, hat sich mein Körper schon komplett auf Bewegung eingestellt. Nicht, daß ich gnadenlos sportlich wäre, aber ich spüre doch eine erfreuliche Kraft in meinen Muskeln. Ich schreite aus, hüpfe behende über Wurzeln und Baumstämme, nehme jede Steigung ohne Atemnot und bin ziemlich zufrieden mit mir. Der Marsch auf den knapp 2400 Meter hohen Zirbitzkogel wird kein Problem, soviel ist sicher. Doch als wir nach drei Stunden den Wildsee passiert haben und der Berg in erhabener Höhe vor uns liegt, stellt sich heraus, daß ich die Rechnung ohne meinen Kollegen gemacht habe. „Es geht nicht“, jappst es 50 Meter hinter mir, „Christine, ich schaff das nicht“. Stephan stammelt und jammert und fleht, und ich kann es einfach nicht fassen. Wofür, in Gottes Namen, sind wir hier? Um hinaufzusteigen, verdammt nochmal. Der Berg will genommen werden. Fest, hart und entschlossen. Und wenn man sich im Schweiße seines Angesichts hoch geschafft hat, fällt man sich weinend in die Arme, trinkt einen Almdudler und freut sich. Nach einer langen Wanderung am Fuße des Berges schlappzumachen, herumzuwinseln und den Schwanz einzuziehen, das ist, als würde man Stunden in der Küche stehen und ein 3-Sterne Menü zu kochen, um es dann kurz vorm Servieren in den Müll zu kippen. Das ist einfach kläglich, jawohl Herr Bartels, kläglich!

_Stephan
Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Der Abstieg ins Tal mit kaputtem Fuß oder meine Schuldgefühle gegenüber Christine, weil ich diesen unattraktiven, kargen Klops nicht besteigen wollte. Sie hätte ihn ja alleine nehmen können. Außerdem: Wenn sie noch einmal „Herrlich“ ruft, versenke ich sie eigenhändig in der nächsten Gletscherspalte.

Zum Glück bessert sich ihre Laune schlagartig angesichts der Köstlichkeiten, die Mutter Natur am Wegesrand für uns bereithält: Himbeeren, Brombeeren, Pfifferlinge – Frau Hohwieler ist entzückt. Und wer einmal mit ihr in der Kantine gespeist hat, der weiß, dass nachfolgende Wanderer später weitgehend leergefressene Büsche vorfinden. Diese Frau ist ein Fass ohne Boden.

Und trotzdem eine Attraktion. Finden wenigstens sieben Herren, die sich zu früher Mittagsstunde beim Kirchenwirt in steirischen Dorf Obdach einen kleinen Frühschoppen genehmigen. Sofort werden wir in die Zechrunde integriert. Naja, Christine wird integriert. „Komm, Puppe, setz di her!“, schallt es von der Eckbank, Sekunden später wird Frau Hohwieler von begierig grapschenden Männerhänden auf das rustikale Bauernmöbel bugsiert. Die erste Runde Zirbenschnaps wird gereicht. Wo wir herkommen? Was wir hier machen? Aha, wandern. „Guate Schenkel hast ja, Maderl“, befindet einer der Herren und prüft den Gesprächsgegenstand mit seinen Fingern. Zweite Runde Zirbenschnaps. Am Tisch befindet sich der reichste Bauernsohn Obdachs, und der ist, wie praktisch, gerade solo. Sofort bietet er Christine an, ihr mal seine Besitzungen zu zeigen, „gern auch die Hüttn auf'm Berg, da können wir auch schlofen“. Dritte Runde. Jetzt stehen österreichische Sinnsprüche auf dem Programm. „Wer nicht sauft, drauf hupft oder jodelt, bleibt sein Leben lang ein Dodel!“, ruft der Jungbauer und hebt sein Glas. Sein Nachbar setzt noch einen drauf: „Ist's Hoserl unten und Kittel oben, wer will da nicht den Herrgott loben“, gibt er zum Besten und ordert die vierte Runde. Jetzt wird geschunkelt, Arme werden um Christine gelegt, grobe Hände nähern sich bedenklich ihren sekundären Geschlechtsmerkmalen. Tja, sagt sie, wir müssen dann mal wieder. Wir schnallen die Rucksäcke auf und entschwinden ins Neandertal – äh, Lavanttal natürlich.

_Christine
Im nachhinein bin ich Stephan ja eigentlich dankbar. Denn wenn er seinen Knöchel nicht verstaucht und schlappgemacht hätte, wäre ich nie über den Mostwanderweg spaziert und hätte die beste Brotzeit meines Lebens verpasst. Das Lavanttal ist nämlich nicht nur von netten Bergen umgeben, es beherbergt auch zigtausend glücklicher Apfelbäume, deren Früchte größtenteils zu Most verarbeitet werden. Begibt man sich auf den gleichnamigen Wanderweg, kann man mangels Steigung nicht nur seine Gelenke schonen, sondern in regelmäßigen Abständen in Buschenschenken einkehren und vespern. Genau das richtige für Stephan, dachte ich, als ich diese Tour vorschlug. Aber was will man erwarten, von einem Mann, der in den Kärnten ein Buch über den Untergang der Titanic liest, die laue Bergluft als zu wenig jodhaltig verschmäht und darauf verweist, dass er sowohl Kühe als auch Äpfel eben so gut im Hamburger Umland bewundern könnte. Wir haben uns dann aufs Vespern beschränkt. Brettljause, frischgebackenes Brot, drei Sorten Most, Zirbenschnaps und halbvergorenen Johannisbeerwein. Man muss nicht unbedingt auf den Gipfel, um zufrieden zu sein. Klingt wie ein Trinkspruch, oder?

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© Stephan Bartels, 2005-08

 

   
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