WM-COUNTDOWN
Liebe und Hass, Trauer und Freude: Fußball ist 90 Minuten geballte Leidenschaft. Noch neun BRIGITTE-Ausgaben bis zum Anpfiff – wir stellen in jeder einen Fußballstar vor, der Emotionen weckt und lebt
Henrik Larsson und die Liebe
Fußballspieler im Allgemeinen sind viel unterwegs, gute erst recht: Ligaspiele am Wochenende, Champions League und Nationalmannschaft unter der Woche – das hat seinen Preis. Henrik Larsson, ein Stürmer auf extrem hohem Niveau, brach es jedes Mal das Herz, wenn er sich von seinem kleinen Sohn Jordan verabschieden musste und der Junge bitterlich weinte. Aus Liebe zum Kind machte Larsson nach der WM 2002 Schluss mit dem schwedischen Nationalteam, da war er erst 30. Und wenn Larsson sich mal für etwas entschieden hat, steht das so fest wie ein Fels in der Brandung.
Es sei denn, die Liebe eines ganzen Volkes schwemmt den Felsen fort. „Bitte, Henke, spiel wieder mit!“, bettelte die schwedische Zeitung „Aftonbladet“ und forderte ihre Leser auf, Henrik „Henke“ Larsson mit einer nie dagewesenen Unterschriftensammlung davon zu überzeugen, dass Fußball in Schweden ohne ihn keinen Sinn macht. Um die 115 000 Nordländer unterzeichneten, darunter einige Reichsminister. Den Kick zum Comeback aber gab sein Sohn. Warum er gar nicht mehr in der Nationalmannschaft spiele, fragte ihn der damals Siebenjährige vor der Europameisterschaft 2004. „Deinetwegen“, antwortete Larsson. Jordan erwiderte: „Aber wenn die anderen zur EM fahren, dann kannst du das auch. Und ich will dich da spielen sehen.“
Henrik Larsson ist einer der interessantesten Spieler der Welt. Die dunkle Haut verdankt er seinem Vater, einem Seemann von den Kapverden. Der war einst in Helsingborg gestrandet und hatte eine Schwedin geheiratet. Vor seiner Profizeit jobbte Henrik als Sozialarbeiter. Er sei intelligent, auch humorvoll, sagen seine Freunde. Aber er ist keiner zum Anfassen, redet nicht viel, sein Gesichtsausdruck ist meist mürrisch. „Ich habe dieses ernste Gesicht, ich kann nichts daran ändern“, sagt Larsson. Seine Emotionen behält er meist für sich. Im Gegensatz zu seinen Fans. Die lieben ihn heiß. Und alle anderen mögen ihn, weil er so hingebungsvoll Fußball spielt. Larsson liebt es, den Ball zu treiben, zwei, drei Gegenspieler mit kurzen, schnellen Haken ins Leere laufen zu lassen, das herrlich satte Wuuuusch, wenn der Ball das Tornetz spannt. Das sah früher noch spektakulärer aus, als er mit blonden Rastalocken über das Spielfeld fegte. Nebenbei leistet Larsson sich den Luxus, nur für Teams zu spielen, die er richtig liebt, das spürt man noch in der letzten Reihe der Haupttribüne.
In Schweden ist er zum besten Fußballer der letzten 50 Jahre gekürt worden, aber die höchste Form der Verehrung erfuhr Larsson in Schottland. Sieben Jahre lang spielte er für den Kultclub Celtic Glasgow, und die Liebe für den wuseligen Schweden changierte dort zwischen Royalismus und Vergötterung: Der „König der Könige“ ist Larsson für die Celtic-Fans, die Wahl des besten Celtic-Kickers aller Zeiten fiel auf ihn. Das meistgetragene Fan-Trikot in der Stadt ist das mit Larssons Nummer 7 – und dem Schriftzug „Ghod“, das ortsübliche Wort für die höchste himmlische Instanz.
Larsson spielt jetzt beim FC Barcelona, neben Weltstars wie Ronaldinho, Deco und Lionel Messi. Aber Henke lieben die Fans. Bis zur WM will er bei den Katalanen bleiben. Und dann endgültig zurückkehren ins südliche Schweden, seiner Familie zuliebe. Die Vereinsführung von Barca hat ihn ange- fleht, seinen Vertrag zu verlängern. Bislang vergeblich. Vielleicht sollten die Herren es mal mit einer Unterschriftenliste versuchen. Und mit Liebe.
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© Stephan Bartels, 2005-08