Eine
Frau
London . . .
Helena Bonham Carter, 40, Schauspielerin und Londonerin, touchiert im Film
die Welt von Michael Ballack
Herbert Henry Asquith, von 1908 bis 1916 britischer Premierminister, pflegte sich von den Wirren der Weltpolitik im Mill House zu erholen, gelegen nahe der Themse in Oxfordshire. Dort wandelte der Earl of Asquith oft gedankenverloren über die Wiesen oder empfing Gäste wie Winston Churchill und den Aga Khan. In den 30ern verkaufte seine Witwe das Anwesen, jetzt ist es zurück im Familienbesitz: Vor ein paar Monaten erwarb Helena Bonham Carter das Mill House für fast viereinhalb Millionen Euro. Das war eine Herzensangelegenheit für die Schauspielerin, schließlich war der Politiker ihr Urgroßvater, und Familiensinn geht der Engländerin über alles. Genau wie ihre Heimatverbundenheit. Sie ist in London geboren, hinein in die wohlhabende, traditionsreiche Oberschicht der Hauptstadt, und im Grunde will sie auch nie von hier wegziehen, höchstens auf ihren frisch erworbenen Landsitz. Die paar Jobs in Hollywood kann sie auch zwischendurch erledigen, genau wie ihr Mann, der amerikanische Regisseur Tim Burton, den sie bei den Dreharbeiten zu „Planet der Affen“ kennen lernte. Ein Kind haben die beiden, Billy Ray, fast drei Jahre alt. Die Mutterrolle ist also noch recht frisch für die Britin. Früher war sie auf eine andere festgelegt: Die klassische „englische Rose“ war sie, seit sie in „Zimmer mit Aussicht“ 1986 ihren Durchbruch hatte. Das Stigma des jungfräulichen Landmädchens klebte fast zehn Jahre an ihr. Das ist vorbei. Jetzt kommt sie mit „Sixty Six“ in die englischen Kinos (deutscher Kinostart 2. November), einer aberwitzigen Komödie um die Bar Mizwa eines Zwölfjährigen in London. Das ist eigentlich der größte Tag im Leben eines Juden, der Tag der Mannwerdung – unglücklicherweise soll die Feier 1966 am Tag des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft steigen, das nur ein paar Kilometer weiter im WembleyStadion stattfindet . . . Helena Bonham Carter als Mutter des Jungen muss zwischen Fußball und Familie vermitteln. Wie es ausgeht? Das hat wohl keiner vergessen: 4:2, nach Lattenschuss.
Ein
Mann
. . . calling
Michael Ballack, noch 29, Fußballspieler und Neu-Londoner, spielt
jetzt in der Heimat von Helena Bonham Carter
Gute Gründe, um nach London zu ziehen, gibt’s einen ganzen Haufen. Das größte Kino Europas zum Beispiel, den Flohmarkt in Notting Hill, die reiche Musikszene, ach, überhaupt: das Flair einer der faszinierendsten Städte des Planeten. Michael Ballack hat noch einen weiteren Grund gefunden: José Mourinho. Der Portugiese ist Fußballtrainer, nicht irgendeiner – die meisten Experten halten ihn für den besten der Welt. Und diese Koryphäe von einem Übungsleiter wollte ausgerechnet unseren Michi für sein ohnehin schon von Superstars überfülltes Mittelfeld beim FC Chelsea London haben. Geschätzte 45 Millionen Euro Gehalt für vier Jahre waren das nächste gute Argument für den Umzug in die Hauptstadt Britanniens. Dort kann Ballack dann auch verdrängen, dass er in diesem Sommer zum zweiten Mal in Folge ein WM Finale verpasst hat, obwohl er so gut war wie noch nie. Und eine dritte Chance ist nicht so richtig wahrscheinlich. Aber in London hat der Sachse so viel um die Ohren, dass zur Trauerarbeit kaum Zeit bleibt. Da ist zum Beispiel die gnadenlose englische Presse, gegen die die Anpinkeleien von „Bild“ & Co wie ein warmer Sommerregen wirken. Und der hammerharte Konkurrenzkampf beim englischen Meister, die Gewöhnung an ein neues Land für sich, seine Freundin Simone und die drei Kinder – tja, Michael Ballack hätte sich das Ganze leichter machen können. Einfach für ähnlich viel Geld beim FC Bayern bleiben zum Beispiel, weiter friedlich am Starnberger See wohnen, für vier, fünf Jahre noch der bewunderte Superstar des einheimischen Fußballsports sein . . . Er wird 30 am 26. September, das ist ein Alter, in dem Kicker oft ihre letzte große Herausforderung suchen. Michael Ballack hat seine gefunden. Es spricht für ihn, dass er sich in den rauen Wind in die Straßen von London traut. Oft wurde ihm unterstellt, dass er bei jeder Brise von vorn den Kopf einzieht. Diese Nörgler endlich zu überzeugen – das war vielleicht der beste Grund für Michael Ballack, nach London zu ziehen.
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© Stephan Bartels, 2005-08