„Im
Grunde bin ich nie modern geworden“
Ein kleines Lied über einen One-Night-Stand („Ich will doch nur spielen“) bescherte Annett Louisan im letzten Jahr einen sagenhaften Erfolg. Dabei war sie mitten im Kunst-Studium und überlegte, Malerin zu werden. Deshalb gingen wir jetzt mit ihr ins Museum
Vor Neo Rauch wird sie ganz still. Saugt „Reich“ in sich auf, ein Bild des Leipziger Malers von 2002. Menschen in einer Waldlandschaft, ein Bach an der Seite, ein Funkturm dahinter, ein Horizont in leuchtendem Orange. „Spacig“, sagt Annett Louisan schließlich andachtsvoll, „da sind so viele scheinbar nicht zusammengehörende Dinge in einem Bild.“ Sie verharrt einen Moment und lächelt ein wenig. „Das hat fast etwas Comic-Haftes“, sagt sie dann, „das ist sehr gutes Handwerk, vermischt mit Fantasie.“
Handwerk, das ist fundamental für sie. Auch für ihre Musik. Ohne gutes Handwerk wäre Annett Louisan nicht der Shootingstar des deutschen Pop des Jahres 2005 geworden. Sie hat fast ein halbe Million Exemplare vom ersten Album „Bohème“ verkauft, eine gigantische Zahl in diesen Zeiten. Und ein Jahr nach dem Debüt gleich die zweite Platte nachgeschoben – „Unausgesprochen“, mehr als 100 000 Stück sind auch davon bisher über den Ladentisch gegangen. Es gab Echos, andere Schallplattenpreise, Talkshows und das Image einer Pop-Lolita, alles innerhalb von 15 Monaten. Aber das hier, die Kunst, das gehört auch und ganz wesentlich zu ihrem Leben. Nur ist dieser Teil des Lebens für sie im Moment etwas weiter weg. Bis vor zwei Jahren hat sie an der Hamburger Armgartstraße Kunst studiert, fünf Semester lang. Jetzt steht die erfolgreichste und vielleicht polarisierendste Sängerin Deutschlands im Museum der bildenden Künste in Leipzig vor einem Bild des zur Zeit angesagtesten deutschen Malers. Und freut sich über den Blick in ihre eigene Vergangenheit.
„Ich bin schon etwas raus aus der Kunst – aber wenn ich durch ein Museum laufe, dann bekomme ich wieder richtig Lust auf die Malerei“, sagt sie. „Wenn man einmal anfängt, dann kann man sich so schön darin verlieren.“ Louisan hatte in ihrem Studium die klassischen Kurse belegt, um das Handwerk zu lernen: Staffelei, Perspektive, Öl, Aktmalerei. Das hat ihr Spaß gemacht, sagt sie, in die gerade angesagten Bereiche Design und neue Medien ist sie gar nicht recht vorgestoßen – sie hielt sich an die komplett totgesagte Malerei, das eint sie mit Neo Rauch. Der ist jetzt gefeiert wie kein anderer, seine Bilder erzielen international Spitzenpreise. „Im Grunde bin ich nie modern geworden“, sagt sie.
Aber jeden Tag malen, das machte ihr keinen Spaß. „Irgendwas muss dich treiben, sonst wird die Malerei ein Gefängnis, wird beklemmend. Ich hatte Phasen, in denen ich zwei Wochen lang keine Lust hatte, einen Pinsel anzufassen“, sagt Annett Louisan. „Aber es gab noch keinen Tag, an dem ich keine Lust auf Musik hatte.“
Das Museum der bildenden Künste in Leipzig ist ein spektakulärer Neubau und einer der visionärsten Museumsbauten der letzten Jahre, mit viel Glas, viel Beton, viel Tiefe und mit klaren Strukturen. Die Kunst spannt den Bogen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Und zur legendären neuen Leipziger Schule. Für die interessiert sich Louisan: „Was ich an diesen Künstlern mag: Sie legen wieder viel Wert auf Grundlagen. Das findet man in der modernen Kunst eher selten. Ich halte nichts davon, wenn Leute keine Perspektiven beherrschen, nicht zeichnen können, die Anatomie des Körpers nicht gelernt haben.“ Überhaupt, Perspektive: „Davon bin ich Fan, und die gibt es bei Matthias Weischer, Rauch, Daniel Richter und all den anderen.“
Dass ihre Art der Musik mal eine Perspektive haben würde, war so wenig vorhersehbar wie das Revival der Malerei. Gesungen hat sie immer schon, für sich, für andere – der Wendepunkt war eine Party in Hamburg. Da steckte sie dem Komponisten und Texter Frank Ramond eine Karte zu, er solle sich mal melden, wenn er eine Sängerin brauche. Jetzt schreibt er die Songs samt der Texte für Annett Louisan – ein Kunstname, zusammengesetzt aus ihrem Vornamen und dem ihrer Großmutter Louise. Es sind weiche, handgemachte Lieder zwischen Pop, Chanson und Barjazz, ein Stil, dem Annett allein neues Leben eingehaucht hat. Mit Texten, die ironisch und intelligent davon erzählen, was Frauen und Männer trennt und verbindet. Mit dem Aussehen einer blonden Kindfrau und 152 Zentimetern Körperhöhe. Mit einer Stimme, die einer Zwölfjährigen gehören könnte. Lauter Attribute, die dazu führten, dass ihre erste Single „Das Spiel“ Ende 2004 extrem umstritten war. Es ist ein liederliches kleines Lied über einen One-Night-Stand, für den ein Mann sein Leben wegwerfen will. Und Annett singt voller Unschuld: „Ich will doch nur spielen.“ Geliebt wurde sie für diesen Song, gefeiert für die Frechheit, als Frau nicht Liebe, sondern Spaß haben zu wollen. Und genau dafür auch angefeindet. „Die Leute werden so moralisch“, sagt Louisan. „Als ob ich in meinen Liedern Betriebsanleitungen für den Umgang mit Männern gebe. Und wer sagt, dass ich von mir singe? Ich erzähle doch nur Geschichten.“
Annett Louisan sagt, sie sei sich ihrer Wirkung nicht bewusst gewesen, habe nicht geahnt, wie man sie wahrnehmen würde. Schließlich seien ihre Texte doch ironisch gemeint, „und genauso muss man ,Das Spiel‘ verstehen“. Aber sie spielt auch gern mit. Liebt die Inszenierung, wirft sich in Pose, Foto-Shootings mag sie. „In der Fotografie kann man den Moment spielen und festhalten. Man kann ein Bild sein, ein Kunstwerk“, sagt Louisan, „außerdem erfährt man so viel über sich. Ein Bild zeigt einem ganz neue Facetten von sich.“ Sie nutzt, was sie hat.Hat sich den Pony ganz frisch schneiden lassen, gerade heraus. „Das soll angeblich die Augen betonen“, sagt sie. Große Kulleraugen in Blaugrau, ein Schuss Grün ist dabei. Sie ergeben mit den runden Bäckchen, der Stupsnase, dem – doch, ja – sinnlichen Mund dieses Puppengesicht, wie gemalt für Klischees. Es lockt einen in die Falle, dieses Gesicht, in die Kleinmädchenfalle. Annett Louisan wird im April 27.
Dabei muss man doch bloß ein bisschen genauer hinhören. Ihre Musik ist nämlich deutlich reifer als ihr Image, sie wird mit jedem Hören besser – und ist von fast schon altmodischer Bodenständigkeit. „Altmodisch würde ich ablehnen, aber nur, weil es so doof klingt“, sagt Louisan. Sie würde „zeitlos“ vorziehen, das sei ein schönes Wort, auch inhaltlich: „Keine Modeerscheinung zu sein, sondern etwas, das gestern bestanden hätte und heute und morgen.“ 1992 ist Annett mit ihrer Mutter aus Havelberg in der Altmark nach Hamburg übergesiedelt. Ihre Mutter war Krankenschwester, heute betreut sie Suchtkranke. „Ich bewundere meine Mutter aufrichtig für das, was sie tut“, sagt sie, „schon in ihrer Zeit als Krankenschwester. Sie hat einen so natürlichen, warmen, herzlichen Umgang mit Kranken und Sterbenden – ich würde jedem wünschen, von jemandem wie meiner Mutter gepflegt zu werden, wenn er krank wird.“ Sie schweigt einen Moment. Sagt: „Ich könnte das nicht.“ Schweigt wieder. „Obwohl: Woher weiß ich das? Vielleicht kann ich viel mehr aushalten, als ich glaube.“
Ihre Mutter hat sie allein erzogen. Ein Vater, sagt Annett, hat ihr als Kind nicht gefehlt, „ich weiß nur noch, dass ich dachte: Ich hätte gern einen Vater gewollt, der Klavier spielt“. Aber es ging ganz gut ohne, Hauptsache, man wird geliebt. Wird und wurde sie. Von ihren Großeltern in Sachsen-Anhalt zum Beispiel. Bei denen war sie oft und hat gesehen, wie Menschen sich nach Jahrzehnten ihre Liebe füreinander bewahren können. Ihr Großvater ist gestorben, als sie elf war, aber er hat ihr etwas hinterlassen: die Liebe zur Kunst.
Ihr Opa war nach dem Zweiten Weltkrieg sieben Jahre lang in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. In dieser Zeit hat er das Stanniolpapier in Zigarettenschachteln bemalt – kleine Miniaturen, Momente und Eindrücke, Annett hat einige von ihnen aufbewahrt. Später dann hat er immer wieder das Gemälde „Lebensstufen“ von Caspar David Friedrich abgemalt, eine Meeresszene. Annett hat ihm dabei zugesehen. Genau genommen war es dieses Bild, das sie dazu gebracht hat, malen zu wollen.
Und das hängt hier in Leipzig, im Original, „ist ja unglaublich, wow“, sagt sie, als sie es entdeckt. Das ist ein bewegender Moment für sie, ein Stück lebendige Kindheit. Sie tritt zu nah an das Bild, der Alarm schrillt los. Sie merkt es kaum. „Mein Opa hat das Bild viel bunter gemalt, viel pastelliger“, sagt Louisan lächelnd, „besonders das Meer, das war blauer. Und eigentlich noch schöner.“
Sie schlendert weiter durch die Räume des Museums. Vorbei am „Kreuzigungstriptychon“ von Jean Bellegambe dem Älteren, gemalt zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Vorbei an den Niederländern des späten Mittelalters, vorbei an einem tütenbepackten Fahrrad – eines der wichtigsten Werke der Kunst des 20. Jahrhundert, heißt es.
Annett Louisan lächelt. Und geht weiter, zurück in den Raum, wo „Reich“ von Neo Rauch hängt und weitere Bilder von ihm. „Dieses Pastell . . . “, sagt sie mit Blick auf „Sommer“ aus dem Jahr 2001. „Da mischt er knallige Farben mit Weiß – wie er das hinbekommt, ist großartig. Das wirkt so künstlich. Da stehe ich voll drauf.“ Sie geht weiter. Und erzählt dabei, dass sie unbedingt Kinder haben will, irgendwann, „das muss ein Riesengeschenk sein“. Den Mann dazu hat sie schon: Seit gut einem Jahr ist sie verheiratet. Gazi heißt er, ein BWL-Student, mit dem sie im unglamourösen Hamburg- Eilbek auf 23 Quadratmetern wohnt, mit viel Liebe und wenig Zeit. War das nicht ziemlich früh für eine feste Bindung? Eine seltsame Frage, findet Annett: „Alles, was man ausleben kann, kann man doch auch mit einem Menschen ausleben. Ich bin ein großer Fan davon, lange zusammenzubleiben. Wenn man sich trennt, reißt man damit eine Hemmschwelle ein – danach geht man immer leichter und schneller von anderen fort, das habe ich schon oft beobachtet.“ Von wegen: Die will doch nur spielen. Annett Louisan nimmt ernst, was sie tut. Und will bei aller Selbstironie, bei aller Inszenierung ernst genommen werden, da kann sie noch so klein und süß und blond sein. „Ist schon schwierig, wenn man mit Adjektiven überhäuft wird, wenn man als Prinzesschen gesehen wird, das auf dem Zuckerguss reitet. Ich muss mich immer wieder neu beweisen“, sagt sie. Das muss jeder, fügt sie hinzu – aber sie womöglich mehr als andere, weil da ein ganzer Berg von Klischees an ihr haftet. „Schubladen sind sehr beengend“, sagt sie. Schweigt einen Moment und nippt am Kaffee im Museumscafé. „Ich habe im letzten Jahr sehr viel gelernt über mich und meine Außenwirkung. Aber richtig einschätzen kann ich das immer noch nicht“, sagt sie.
Vor einem Jahr und drei Monaten war sie ein nettes Mädchen mit einigen Talenten. Heute ist sie eine Erfolgsgeschichte. „Aber ich denke gar nicht so viel über den Erfolg nach und darüber, ob er bleibt. Ich kann das ausblenden, keine Ahnung, warum.“ Die Kellnerin bringt noch einen frischen Kaffee und hätte gern ein Autogramm, „für Caro, bitte“. Kein Problem, sagt Annett, sie unterschreibt strahlend. „Die Leute um mich herum erwarten, dass ich mich verändere, das ist schon skurril. Anders zu werden, weil man Erfolg hat, das wäre ja schrecklich.“
Dabei lernt sie alle Regeln, um ihn bei sich zu behalten. Pünktlichkeit. Disziplin. Auf die richtigen Leute hören, die ihrem unkommerziellen Künstlerleben eine Struktur geben. Sie ist umgeben von älteren, gelassenen Menschen, die ihre Persönlichkeit ausgleichen. Die beiden Chefs ihrer sehr kleinen Plattenfirma sind in Ehren ergraut und schon ewig im Geschäft, ihre Musiker routiniert, ihre Promoterin ist nur ihretwegen noch nicht im Ruhestand. Annett profitiert von der geballten Erfahrung und Unaufgeregtheit. „Ich bin angewiesen darauf, dass man tolerant mit mir umgeht“, sagt sie. „Ich bin kein maßvoller Mensch, eher einer für die extremen Gefühle.“ Sie steckt sich eine Zigarette an. „Aber ich finde immer öfter den Mittelweg.“ Ist der gut? „Der tut einem gut.“
Und so sieht sie auch aus, an diesem Wintermuseumstag in Leipzig. Annett Louisan, ein erstaunliches, zufriedenes Gesamtkunstwerk. „Ich habe immer daran geglaubt, dass die Musik meine Bestimmung ist“, sagt sie, „das ist vielleicht wenig demütig, aber es hilft einem, um nicht nach fünf Niederschlägen alles hinzuwerfen.“ Noch ein Schluck Kaffee. „Nur eins irritiert mich“, sagt sie: „Dass ich jetzt so oft gesiezt werde.“
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© Stephan Bartels, 2005-08