WO
WAREN SIE AM 2. MAI ZWISCHEN 10 UHR UND 17 UHR, FRAU HOGER?
In Manchester war sie: Dort traf die TV-Kommissarin Hannelore Hoger die Schriftstellerin Val McDermid. Deren Krimi „Ein Ort für die Ewigkeit“ hat sie für unsere neuen „Starken Stimmen“ gelesen. Ein Gipfeltreffen der Krimi-Königinnen
Der Himmel über Manchester hat sein unfreundlichstes Grau aufgelegt, von der fernen Irischen See pfeift der Wind in die Stadt. Und die ist nicht mal bei Sonnenschein eine Perle zeitgenössischen Städtebaus – Manchester ist nicht schön. Vielleicht passt es gerade deshalb so gut, dass sich hier zwei Ladys treffen, deren Geschäft zu den hässlichen Seiten des Lebens gehört – das Verbrechen. Die eine, Val McDermid, 51 Jahre alt, mordet beruflich und aus Leidenschaft – in ihren Kriminalromanen, mit denen sie eine der besten und erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Welt geworden ist. Die andere, Hannelore Hoger, 65 im August, versucht seit 13 Jahren, den Hintergründen des Verbrechens auf die Spur zu kommen – als Kommissarin Bella Block, die sie preisgekrönt für das Fernsehen spielt, mit Ingrimm, weiblicher Intuition und einem verkorksten Privatleben.
Ein Buch hat die beiden hier zusammengebracht. „Ein Ort für die Ewigkeit“, Val McDermid hat es 1999 geschrieben. Und Hannelore Hoger hat jetzt daraus ein Hörbuch gemacht, eine weitere „Starke Stimme“ für die BRIGITTE-Edition. In Manchester begegnen sie sich zum ersten Mal, um durch die Stadt zu schlendern und sich darüber zu unterhalten, wie es sich so lebt, wenn man in seiner Welt als Königin des Krimis gilt. Dabei weiß die eine noch nicht mal, ob sie die andere überhaupt versteht.
„Hoffentlich spricht die nicht so’n richtiges Schottisch“, murmelt Hoger, ihr altes Schulenglisch sei „ja auch nicht so doll“. In der Lobby ihres Hotels in der Princess Street wartet sie auf Val McDermid. Zart sieht Hannelore Hoger aus, viel schmaler als gedacht, und überhaupt: viel jünger, als das Datum in ihrem Ausweis behauptet. Sie redet nicht besonders laut, man muss sich weit zu ihr beugen, um sie zu verstehen. Jedenfalls, solange sie sich nicht über etwas echauffiert (zum Beispiel das muffige Raucherzimmer, in das man sie einquartieren wollte). Dann erkennt man die Bella Block in ihr: bollerig, scharfzüngig, grundempört.
Auftritt Val McDermid. Und die ist, na ja, nicht besonders zierlich. Nur wenig größer als die Schauspielerin aus Hamburg, der Rest ist XXL. Das Haar kurz und schlohweiß gebleicht, sie trägt nackte Füße in roten Sandalen an einem Tag, für den Wollsocken ursprünglich mal erfunden wurden. McDermid ist bekannt dafür, sehr laut und sehr deutlich ihre Meinung zu sagen, mit einer ordentlichen Prise britischen Humors. Immerhin: Schottisch redet Val McDermid „nur bei Bedarf“. Ihre Stimme ist tief, warm und ruhig, Oxford-geschliffen dazu. Dort hat sie Englisch studiert, mit 17, als eine der jüngsten Studentinnen überhaupt. Später war sie Journalistin in Manchester. Mit dem Schreiben von Krimis begann sie erst 1987.
Da hatte Hoger mit diesem Genre noch nicht viel am Hut. Hannelore Hoger, das war immer Hochkultur, Darstellende Kunst hat sie von der Pike auf gelernt. Schauspielschule in Hamburg, Engagements an den staatlichen Bühnen in Ulm, Bremen, Stuttgart, Bochum. Sie hat mit Peter Zadek gearbeitet und mit Volker Schlöndorff und Alexander Kluge gedreht. Führt selbst Regie an Theatern – aber so richtig populär ist Hoger erst 1993 mit Bella Block geworden.
Die Damen spazieren durch die Stadt und beschnuppern sich behutsam. Um das Wetter geht es und darum, wie der Flug war. Val McDermid zeigt Hoger den Catalan Square, ein bisschen Südeuropa im kühlen Manchester. Hier gibt es Kultur in aufgemotzten Industriebauten, Cafés und Restaurants, am Rochdale Canal liegt eine Tapas-Bar, „die gehört Mick Hucknall, dem Sänger von Simply Red“, erzählt Val McDermid. Und 200 Meter weiter, sagt sie und zeigt mit dem Zeigefinger nach rechts, „steht der älteste Bahnhof der Welt“, 1836 eröffnet, in jener Zeit, als Manchester und Kapitalismus zwei untrennbare Begriffe waren, heute ist ein Museum darin. Auf zwei mächtigen Stahlbrücken fuhren hier früher die Züge Richtung Preston und Liverpool, eine wird heute noch für den Stadtverkehr benutzt. Auf der anderen wachsen Gras und kleine Bäume. Unter der Brücke treiben Schwäne auf braunem Wasser. Das hier sei einer ihrer Lieblingsplätze in Manchester, sagt McDermid, „Wasser macht einfach so unerhört kreativ“. Hoger erzählt von Hamburg, den Fleeten und Kanälen und den „zwei Meeren, die die Stadt umarmen“. McDermid von Northumberland, wo sie ein Haus am Meer hat und ungefähr zwei-, dreimal am Tag für ein paar Minuten ans Wasser geht, „weil es die Dinge in meinem Kopf einfach klar macht“. Dann wird sie philosophisch: „Wasser bringt dich in deinen Urzustand. Es macht dich schwerelos. Es ist entspannend. Wenn ich von allem abhauen will, gehe ich schnorcheln. Der ganze Stress scheint dann meilenweit entfernt, da sind nur noch die Ruhe, das Wasser, die Fische und ich.“ Es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten als die Liebe zum Wasser. Beide Frauen sind preisgekrönt: Hoger hat den Grimme-Preis für „Bella Block“ bekommen, McDermid den „Gold Dagger Award“, nennen wir es mal den Krimi-Oscar. Sie haben beide ein Kind, Nina Hoger ist Mitte 40 und Schauspielerin wie die Mutter. Cameron dagegen, der Sohn von Val McDermid, ist erst fünf, und sie ist auch gar nicht so richtig seine Mutter – geboren wurde er von ihrer ehemaligen Lebensgefährtin, einer Juristin in Manchester.
Er ist auch der Grund, warum sie überhaupt noch eine Wohnung in Manchester hat: Montags und dienstags kümmert sie sich um den Jungen, geht mit ihm in den Safaripark und bestaunt seine Leidenschaft für Piraten. Den Rest der Woche verbringt sie drei Autostunden entfernt („Ich fahre einen BMW Z4, verdammt schneller Wagen“) in Northumberland, dem pittoresken Nordostzipfel Englands, nahe ihrer schottischen Heimat. Manchmal lebt Kelly dort mit ihr, ihre amerikanische Freundin, die nach einem Friseurbesuch mehr Dorfklatsch mit nach Hause bringt als Val in einem Jahr. Luft und Wind machen hungrig. Im „Dukes 92“ am Rochester Canal gibt es Pizza und Pasta mit Selbstbedienung, Hannelore trinkt Earl Grey, Val einen Pint Lager Shandy – Bier mit Limo. Gespeist wird auf alten Sesseln unter dem Porträt des Duke of Bridgewater, der sich im 18. Jahrhundert nach einer tragisch verlaufenen Romanze von den Frauen ab – und komplett dem Handel zuwandte, Manchester-Kapitalisten danken es ihm heute noch.
McDermid: Wenn du ein Buch einsprichst
– welche Technik benutzt du?
Hoger: Man muss sensibel mit den Figuren
umgehen. Und ihnen einen Körper geben.
Die Figuren sollen durch die Stimme sichtbar
werden, der Hörer muss sie mit seiner
Fantasie vor sich sehen. Ich mag es, ein Hörbuch
zu spielen wie ein Theaterstück.
McDermid: Das ist eine intime Geschichte,
alles muss aus dir kommen. Beim
Buch ist es etwas anders, das ist zwar auch
intim, aber ausgerichtet auf eine Einszu-
eins-Situation.
Hoger: Deshalb mag ich Lesungen so. Da
kann man den Charakteren Leben geben,
die Zuhörer lieben das.
McDermid: Bei euch zumindest! Nirgendwo
auf der Welt wird so gern vorgelesen
wie in Deutschland! Hier in England hört
nach 20 Minuten kein Mensch mehr
zu, aber bei euch kann man vier Stunden
lesen, und keiner geht nach Haus.
Deutschland ist ein tolles Land für das
gesprochene, das gefühlte Wort.
Hoger: Finde ich auch. Ich selbst habe in der
Schule schon damit angefangen und bin
deklamierend von Klasse zu Klasse gelaufen.
McDermid: In Hamburg habe ich mal eine
Lesung auf einer Barkasse durch die Speicherstadt
gemacht, bei Nacht, was für ein
dramatischer Rahmen. Das war super, die
Leute konnten nicht abhauen und mussten
sich das ganze Zeug anhören.
Wenn man den Kanal entlangläuft, kommt man irgendwann in London an, erzählt McDermid. Hoger reicht es, die Innenstadt von Manchester zu erreichen. Dort, im Herzen der Stadt, liegt die Schwulen- und Lesbenszene, die McDermid gut kennt. Und die hier so vital ist wie nirgends sonst in England. Vor allem in der Canal Street, Chinatown liegt nebenan. Die Damen kehren im „Eden“ ein, komisch, murmelt McDermid, „das hieß doch neulich noch ,Bar Metz‘“. Hier ist Schluss mit Tee, auch Hannelore Hoger wandert ab ins Lager der Bier-mit-Limo-Trinkerinnen. Und wird plötzlich ernst, als es um „Ein Ort für die Ewigkeit“ geht, den Roman, der die beiden zusammengeführt hat. Kindesmissbrauch ist ein Thema des Buches, in dem die 13-jährige Alison Anfang der 60er Jahre aus einem kleinen Dorf in Derbyshire verschwindet. Die Indizien deuten auf Mord hin, eine Leiche wird nie gefunden. Trotzdem setzt der integre Polizist George Bennett alles daran, den mutmaßlichen Mörder zu überführen – mit fatalen Folgen. Erst wenn man selbst Kinder hat, sagt Val McDermid, erkenne man die ganze Tragik, die in diesem Thema steckt: „Wenn du ein Kind hast, merkst du, wie furchtbar zerbrechlich du bist. Es ist immer ein drohender Verlust da.“ Kindesmissbrauch, sagt Hoger, ist für sie eines der schwersten Verbrechen überhaupt, „da werden Seelen getötet“. Deshalb hat ihr auch der Ermittler so gut gefallen, der das genauso sieht und mit großem Eifer den Täter jagt.
McDermid: George Bennett ist auch
meine Lieblingsfigur. Aber mehr, weil es
so schwierig war, über ihn zu schreiben.
Er ist grundgut, ein ehrlicher und integrer
Mann. Er versucht verzweifelt, die
richtigen Dinge zu tun, und das endet
tragisch. Es hat lange gedauert, bis ich
ihn beschreiben konnte, ohne dass er
strunzlangweilig wird.
Hoger: Und wie hast du das geschafft?
McDermid: Bei uns läuft an Weihnachten
oft „Ist das Leben nicht schön?“, dieser
Frank-Capra-Film mit James Stewart.
Irgendwann wurde mir klar: George Bennett
muss genauso sein wie Jimmy. Von
Grund auf gut, aber voller Selbstzweifel.
Und blind dafür, dass er gut ist. Ich
habe ihn übrigens auch nach der Figur
benannt, die James Stewart spielt.
Hoger:Meine Kommissarin Bella Block ist
da ganz anders. Schroffer, gebrochener.
Eine tolle Figur, auch von einer Frau geschrieben.
Was glaubst du: Warum gibt es
so viele gute Krimi-Autorinnen?
McDermid: Auf dem Spielplatz war es
doch so: Wenn ein Junge uns ein Spielzeug
weggenommen hat, haben wir ihm
nicht auf den Kopf gehauen und es uns
wiedergeholt. Wir haben ihm gesagt:
Das von der da ist viel schöner, nimm
dir doch lieber das. So denken Frauen,
deshalb gibt es auch so viele gute Krimifrauen
– wir sind einfach viel komplexer
im Kopf. Ich zum Beispiel habe ein verdammt
verdrehtes Hirn.
McDermid muss los, sie will sich noch ein bisschen um Cameron kümmern, morgen wird sie wieder nach Northumberland fahren für den Rest der Woche. Es gibt Umarmungen, Küsschen links und rechts. „Thank you for doing this job for me“, sagt Val McDermid mit sehr tiefer Stimme zu Hannelore Hoger – danke, dass du das Buch für mich eingelesen hast. Und schön, wirklich schön sei es gewesen, schiebt sie hinterher. Hoger lächelt zurück. Schaut dem breiten Rücken und den schlohweißen Haaren nach, die langsam in der Rush-Hour von Manchester verschwinden. „Dolle Frau“, murmelt Hannelore Hoger.
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© Stephan Bartels, 2005-08