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WM-COUNTDOWN

Liebe und Hass, Trauer und Freude: Fußball ist 90 Minuten geballte Leidenschaft. Noch acht BRIGITTE-Ausgaben bis zum Anpfiff – wir stellen in jeder einen Fußballstar vor, der Emotionen weckt und lebt

Ruud van Nistelrooy und der Neid

Ruud van Nistelrooy gilt als extrem freundlicher Mann. Er ist bescheiden, ehrlich, skandalfrei und von ausgeprägt gesundem Menschenverstand. Nur wenn es um die Deutschen geht, tut sich eine dunkle Seite seiner an sich so sonnigen Persönlichkeit auf. Dann klingt er nicht mehr so nett und erzählt Unsinn. Ein Fußballspiel gegen Deutschland, sagte van Nistelrooy vor der Europameisterschaft 2004, hat nicht nur mit Fußball zu tun: „Da geht es auch um geschichtliche Hintergründe, vor allem um das, was vor 60 Jahren passiert ist.“

Nein, Herr van Nistelrooy, darum geht es nicht. Die Besetzung der Niederlande durch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg spielt keine Rolle, wenn beide Länder gegeneinander kicken. Schließlich hegen Holländer und Deutsche seit Jahrzehnten eine zumeist friedliche Nachbarschaft. Und van Nistelrooy hat oft genug gegen die Deutschen gespielt, um zu wissen, dass Kahn oder Ballack keine Verantwortung tragen für die Verbrechen der Nazis. Es ist ein anderes Gefühl, das nicht nur van Nistelrooy, sondern sämtliche Fußballfans zwischen Groningen und Rotterdam umtreibt: Neid. Seit Jahrzehnten spielen die Holländer den schönsten Fußball Europas. Aber die Titel gewinnt meist der große Nachbar im Osten. Nur einmal – 1988 – holte Holland eine Europameisterschaft. Deutschland wurde gleich dreimal Europameister, dazu dreimal Weltmeister. Und einer dieser Titel ist seit 32 Jahren ein nationales Trauma im kleinen Königreich an der Nordsee. Am 7. Juli 1974 verloren die Oranjes das WMEndspiel in München mit 1:2. Obwohl sie hoher Favorit waren und mit Johan Cruyff den besten Spieler der Welt hatten. In den Niederlanden spricht man heute noch vom „gestohlenen Sieg“. „Für die Holländer“, schreibt der Journalist und Fußballexperte Christoph Biermann, „hatte die Niederlage die gleiche Bedeutung wie das Attentat auf John F. Kennedy für die Amerikaner.“

Es war das erste Fußballspiel überhaupt, das Ruud van Nistelrooy zu sehen bekam – dabei wurde er erst zwei Jahre nach der WM geboren. „Mein Vater hat mir die Aufzeichnung ein paar Mal gezeigt, als ich fünf war“, sagt der Ausnahmestürmer. Was er nicht sagt: van Nistelrooy senior hat in ihm damit den Neid geschürt, eine lebenslange Abneigung und einen offenbar unüberwindlichen Minderwertigkeitskomplex ausgelöst.

Ruud van Nistelrooy spielt immer mit großem Einsatz. Aber nie so aggressiv wie gegen die Deutschen. Eine Niederlage gegen die? Unverzeihlich! Nie hat sich van Nistelrooy so gefreut wie nach seinem späten Tor zum 1:1 gegen Rudi Völlers Mannschaft bei der letzten EM. Dabei hat der Mann schon so unglaublich viele Tore geschossen, nicht nur für Holland. Jetzt spielt er in England für Manchester United. Er gilt als einer der Größten, die je das ruhmreiche rote ManU-Trikot anziehen durften, David Beckham hin, George Best her. „Van the Man“ nennen sie ihn auf der Insel. Immer, wenn er am Ball ist, hallt ein langgezogenes

„Ruuuuuuud“ aus 68 000 Kehlen durch das Stadion, das macht ordentlich Gänsehaut. Er dankt es mit Toren wie am Fließband. Ruuuuuuud ist einer, der mit jedem klarkommt. Nur eben nicht mit den Deutschen. Am 1. Juli wird Ruud van Nistelrooy 30 Jahre alt. An diesem Tag findet bei der WM das Viertelfinale statt. Holland und Deutschland sind mögliche Gegner. Das wäre eine Story! Van the Man rächt sein Land, und das an seinem Geburtstag. Schluss mit Trauma, vorbei der ewige Neid. Noch ist es bloß ein Traum. Der Traum des Ruud van Nistelrooy.

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© Stephan Bartels, 2005-08

 

 

   
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Kontakt und Impressum

 

Ruud van Nistelrooy
Alter: 29 Jahre
Größe: 1,88 Meter
Gewicht: 80 Kilo
Verein: Manchester United
Familienstand: verheiratet mit Leontien Slaats, keine Kinder
Besonderes Kennzeichen:
Sunnyboy mit Popstar-Optik
Spezialität: Tore, Tore, Tore
Basislager während der WM: Parkhotel Adler in Hinterzarten (bei Freiburg)
Erster Auftritt bei der WM:
11. Juni um 15 Uhr in Leipzig beim Spiel Serbien/Montenegro gegen Niederlande