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Ihr Kapital: sie blufft am besten

Ihr Blick kann eiskalt sein. Sie setzt schnell und viel, auch wenn sie gar nichts auf der Hand hat. „Es gewinnt, wer am besten lügt“, sagt Katja Thater. Sie lügt sehr gut. Sie ist Deutschlands beste Pokerspielerin

Der Star hat fünf Minuten Verspätung. Ein Spiel lang bleibt ihr Stuhl leer an Tisch 36, dann schlendert Katja Thater gelassen an ihren Arbeitsplatz. Die sieben Männer aus fünf Nationen am Tisch blicken unwillkürlich von ihren Karten auf. Mustern, wer da auf sie zukommt: eine blonde Deutsche von weit über 1,70 Metern, in sehr engen Jeans, auf sehr hohen Absätzen, die weiße Bluse sehr weit aufgeknöpft. „Sorry, guys“, sagt Deutschlands bekannteste Pokerspielerin achselzuckend und zeigt kurz die Zigarilloschachtel, Marke „Petit“. Katja Thater hat den Turnierbeginn schlicht verraucht.

Es ist kurz nach zwölf am Mittag bei den „Baden Open 2006“ im Casino von Baden bei Wien. Ein 2000EuroBuyin ist das hier, soll heißen: Wer mitspielen will, muss erst mal 2000 Euro einzahlen. 174 Männer haben es heute getan. Und acht Frauen. Sie kommen aus China, aus ganz Europa, Amerika. Spielchips im Wert von 10 000 Punkten liegen vor ihnen. Am

Abend des nächsten Tages werden sich alle Chips vor einem von ihnen stapeln. Der darf sie dann eintauschen gegen einen Scheck von fast 100 000 Euro. Die Hälfte gibt es für den zweiten, noch 3400 Euro für Platz 20. Die anderen 162 Spieler gehen leer aus.

Katja Thater, 40 Jahre alt, Hamburgerin, sieht aus, als sei sie noch gar nicht rich tig da. Müde schaut sie sich im Festsaal des Jahrhundertwende Casinos um, gebaut in den guten alten k. u. k. Tagen. Spät war es gestern geworden, das Pokern, dann hatte sie noch bis morgens um vier mit befreundeten Spielern zusammengesessen. Sie lauscht dem Gemurmel, das wie Frühnebel über den 38 Spieltischen liegt, darüber hell das typische Pokergeräusch: das Klickern der Chips. Fast alle beschäftigen ihre Hände, indem sie mit den kleinen Plastikscheiben herumspielen, diesen Chips, die ihr Kapital, ihre Leidenschaft sind. Als ob hunderte Hände über Stunden in einer großen Kiste mit Legosteinen herumrührten, so hört es sich an.

Jetzt steigt Katja Thater ins Geschehen ein. Setzt sehr schnell viele Chips. Blickt selbstsicher einen Mann nach dem anderen an ihrem Tisch an, taxiert einen zögerlichen Schweden besonders lang, durchbohrt ihn fast mit ihren blauen Augen. „Lady Horror“ wird sie genannt, seit sie einmal in Las Vegas mit ihrer aggressiven Spielweise lauter erfahrene Pokerhasen vom Tisch geguckt hat. Wenn du erst mal einen Spitznamen hast, dann hast du es geschafft in der Pokerszene. Der Schwede schmeißt seine Karten entnervt fort, genau wie alle anderen – die Einsätze gehen an sie. Dabei hatte sie bloß eine Zwei und eine Fünf. Mit anderen Worten: nichts. Ein wenig Vermögen, angehäuft durch einen Bluff. „Es gewinnt“, sagt sie, „wer am besten lügt.“

Katja Thater kennt die psychologischen Tricks, es sind einige sehr weibliche dabei, ihr Dekolleté gehört dazu. Sie trägt meist Weiß, um aufzufallen, sie will Präsenz zeigen. zeigen. Und Dominanz ausüben, deshalb stapelt sie stets zwei Stühle aufeinander und sitzt höher am Tisch als alle anderen. Sie hält auch nicht viel von der Abschottung, die andere betreiben, mit Sonnenbrille, Mütze, Kopfhörern auf den Ohren. Ihr soll man in die Augen schauen, und sie will bei den anderen das nervöse Flackern sehen, will spüren, wie unter dem Tisch unablässig mit den Füßen gewippt wird.

Es gibt Gegner, bei denen sie einen Bluff daran erkennt, ob er seine Chips mit der linken oder der rechten Hand bearbeitet. Katja Thater muss aufmerksam bleiben dafür, Pokern ist in gewisser Hinsicht ein körperbetonter Leistungssport.

Die „Baden Open 2006“ sind gerade im ersten Level. Zwölf dieser Levels werden heute gespielt, sie dauern jeweils 45 Minuten, am nächsten Tag wiederholt sich das Ganze. Pokern ist ein echter Schlauch: Über zehn Stunden hinweg muss man die Konzentration halten, Chancen erkennen und abwägen, den Gegner taxieren und ihn lesen können. Da braucht man einen klaren Kopf. An den Casinotischen herrscht strenges Rauchverbot, und wer sich hier beim Spielen alkoholischen Genussmitteln zuwendet, wird es bitter bereuen.

Kaum ein Trend schwappt derzeit so mächtig zu uns herüber wie das Pokern. Zocken ist hip. In den USA sind die „World Series of Poker“ (natürlich in Las Vegas) jedes Jahr ein Riesenereignis mit mehr als 8000 Spielern, das Fernsehen überträgt umfangreich. In Deutschland berichten DSF und Eurosport zur besten Sendezeit von dem ehemaligen HinterzimmerSpiel. Gut 400 000 Deutsche pokern mittlerweile in Casinos und privaten Runden, mindestens zehnmal so viele auf einer der zahlreichen Internet Plattformen.

Die zur Zeit populärste Pokervariante ist „Texas Hold’em“. Und die geht so: Jeder Spieler bekommt verdeckt zwei Karten. Dann kann gesetzt werden: Ein Pärchen zu haben ist gut, auch hohe Einzelkarten wie Ass und König bieten eine gute Grundlage, ebenso zwei Karten einer Farbe. Wer Pik Drei und Kreuz Fünf findet, wird seine Karten wahrscheinlich wegwerfen, es sei denn, er möchte bluffen. Nach dieser Runde dreht der Geber die ersten drei von fünf Gemeinschaftskarten um, die für alle gelten, das ist der so genannte Flop. Da wird dann geschaut: Passen diese Karten zu meinen? Ist mein Blatt ausbaufähig? Wieder wird gesetzt oder gepasst, bevor die vierte Gemeinschaftskarte umgedreht wird. Die fünfte Karte ist dann für alle – aus diesen fünfen und den beiden auf der Hand kann man sich jetzt die beste Kombination von fünf Karten zusammenstellen. Das kann eine Straße sein, ein „Flush“, also fünf Karten von einer Farbe, oder, absolut nicht zu schlagen, der „Royal Flush“: Zehn, Bube, Dame, König und Ass von einer Farbe. Oft aber reicht auch schon ein ganz profanes Pärchen aus, um den Haufen an Chips in der Mitte des Tisches zu gewinnen.

So was könnte Katja Thater jetzt auch gebrauchen. Sie schaut hinüber zu Tisch 28. Dort, 15 Meter Luftlinie entfernt, zockt ihr Mann Jan von Halle, 40. Auch er blickt ab und zu herüber, was seine Frau macht, manchmal treffen sich ihre Blicke. Sie braucht das, es tut ihr beim Spielen gut, zu wissen, dass er da ist. Seit acht Jahren sind die beiden ein Paar, eine Liebe auf den zweiten Blick, die dann schnell kompromisslos wurde, zwei gut funktionierende Ehen mussten dafür daran glauben. Das passt zu ihr, sie ist ein ÜberNachtTyp. Nach dem Abitur ging sie ohne große Planung und ohne Spanisch zu können nach Barcelona, blieb ein paar Jahre, brachte sich das Marketing bei. Heiratete dann einen Journalisten, zog mit ihm nach München und züchtete Pferde. Mit ihrem jetzigen Mann Jan hat sie eine Unternehmensberatung, die läuft jedoch auf Sparflamme, weil sie kaum noch zu Hause sind – auch für ihre Pferdezucht in der Nähe von Hannover bleibt nicht viel Zeit.

Ihr Job ist jetzt das Pokern. Sie reist mit ihrem Mann um den Globus, im Herbst spielte sie in Barcelona, London, Wien, Dublin, im Frühjahr in Monte Carlo, im Sommer in Las Vegas. Ein finanzielles Risiko geht Katja Thater dabei nicht ein: Sie hat einen Sponsor, als einzige deutsche Spielerin. Eine InternetPokerfirma, die einige Topstars der Branche unter Vertrag genommen hat, vor allem Amerikaner. Thater gehört dazu, weil sie eine Frau ist und gut aussieht und einigermaßen spektakulär auftritt; dass sie gut pokert, ist dabei nicht das wichtigste Argument. Sie bekommt sämtliche Reisekosten und Startgelder bezahlt und darf ihre Gewinne trotzdem komplett behalten. Außerdem kann sie sich auf Sponsorenkosten neue Klamotten kaufen, wann immer sie mag. „Ich bin total privilegiert“, sagt sie, „von so einem Vertrag träumt jeder, der pokert.“

Nichts wusste sie über das Pokern, bevor sie Jan traf. Der spielte schon seit zwölf Jahren Turniere, Katja fuhr gern mit ihm und war fasziniert von dieser seltsamen Parallelwelt. 1999 spielte sie dann ihre erste Hand. Stellvertretend für ihren Mann, der auf einmal sagte: „Schatz, mach mal kurz weiter“ und zur Toilette ging.

Da saß sie dann, mit bubberndem Herzen und zwei vielversprechenden Karten. Sie traute sich und war spätestens in dem Moment infiziert, als der ChipStapel aus der Mitte ihr zugeschoben wurde. Vier Monate später spielte sie ihr erstes eigenes Turnier. 2003 gewann sie ihr erstes, in Las Vegas –140 Gegner schlug sie damals. Sie ist gut. Sie wartet, wenn es geboten ist, spielt aggressiv, wenn man es nicht erwartet, verunsichert ihre Gegner durch starre, eiskalte Blicke. Aber das ist keine Garantie für irgendwas. Es muss auch laufen, man braucht Glück und die richtigen Gegner. Die sieben Herren von Tisch 36 sind die richtigen für sie. „Da sind ein paar wilde Schweden dabei“, sagt sie – jung, aggressiv, leicht zu durchschauen. Immer mehr Spieler verzocken ihre Chips und müssen die Tische verlassen, 15 allein in der ersten Stunde. Die Tische werden zusammengelegt, Katja Thater wird an die 25 gesetzt. Das ist gefährlich: Zwei Italiener mit einer großen Menge an Chips spielen dort, dazu Paul Testud, ein französischer Spitzenspieler mit ähnlich viel Kapital.

Chips sind Macht im Poker, mit Chips kann man Druck ausüben, weil man in jedem Spiel bieten kann; man hat weniger zu verlieren als die Mittellosen. Zum Glück beharken sich die drei gegenseitig. „Wenn ich solche Leute sehe, dann weiß ich schon: Hier geht es darum, wer die dicksten Eier hat“, sagt Katja Thater, „die lässt man mal schön machen und wartet auf den richtigen Moment.“ Muss sie sowieso, plötzlich läuft es nicht mehr so doll mit den Karten. Sie windet sich auf ihren zwei Stühlen, das Spiel plätschert an ihr vorbei, sie zahlt brav den Mindesteinsatz und passt immer wieder. Schlüpft aus ihren Highheels, beschwert sich über ihre Karten und bietet ihrem Nachbarn an zu tauschen. Auch das ist Poker: nichts tun, nörgeln und auf den richtigen Moment warten.

Und der scheint zu kommen. Ein Pärchen hat sie jetzt, zwei Neunen, die meisten ihrer Kontrahenten werfen ihre Hand weg. Thater aber geht „allin“ – alles in die Mitte, sie setzt ihren gesamten geschrumpften ChipStapel. Sie weiß, dass sich einer der Machos rechts von ihr das nicht ohne Widerspruch gefallen lassen wird, „die spielen jede Hand gegen eine Blondine, aus Prinzip“. Das will sie ja auch, will sich „abdoppeln“, ihre Chips verzweifachen, auf Kosten eines dieser Kerle. Schon seltsam: Thater ist eines der Aushängeschilder für den Pokersport in ganz Europa, moderiert im DSF Sendungen, auf Turnieren wird sie geschätzt und gemocht, sie ist Everybody’s Darling – aber immer noch gibt es Männer, die sie unterschätzen. Wie Paul Testud, der Franzose. Er geht nach langem Zögern mit und schiebt einen großen Stapel Chips in die Mitte. Deckt seine Karten auf. Und legt sie mit gerunzelter Stirn neben das NeunerPärchen von Katja Thater. Eine Sechs und eine Sieben hat er. Katja ist vorn.

Die ersten drei Gemeinschaftskarten werden aufgedeckt. Ein König, eine Acht, eine Zehn. Zwei Karten müssen noch umgedreht werden. Katja Thater rechnet: Testud kann höchstens noch auf eine Straße hoffen. Nur eine der beiden Neunen in diesem Stapel von über 30 Karten hilft dem Franzosen jetzt noch. Sie schätzt ihre Siegchancen auf etwa 70 Prozent ein. Später lässt sie die Situation vom Computer nachrechnen, aus Neugier, ob sie richtig gelegen hat: Es waren sogar 75 Prozent.

Die nächste Karte wird umgedreht. Die Neun. Thater hat einen Drilling – aber der Franzose hat das Loch in seiner Straße gestopft, fünf Karten von Sechs bis Zehn in Folge, das ist besser. Katja ist bedient. Mit versteinertem Gesicht schaut sie auf die Mitte des Tisches, ihre Kiefer mahlen. Sie ist stocksauer, aber das muss ja nicht jeder sehen. „Wow“, sagt sie süffisant über den Tisch hinweg, „you’re a lucky man.“ Selbst dem Sieger ist sein Glück ein wenig peinlich. Im Grunde hat Thater alles richtig gemacht: Die Karten gelesen, die Gesichter ihrer Mitspieler im Blick behalten und analysiert, geduldig ihre Chance abgewartet und bei ihrem besten Paar Karten, das sie an diesem Tag bekommen hat, alles riskiert. Poker ist Statistik, ist Bauchgefühl. Und am Ende doch bloß ein Glücksspiel.

Drei Stunden und 15 Minuten dauert der Arbeitstag von Katja Thater heute, an dessen Ende steht sie mit nichts da. 136 Spieler sind noch dabei, als sie Mitte des vierten Levels in ihre Schuhe schlüpft, ihre Tasche packt und „sich abregen“ geht, um den Block laufen, eine rauchen. Wenig später setzt sie sich hinter ihren Mann, der ist noch im Turnier, Lady Horror fiebert mit, mehr als bei ihrem eigenen Auftritt. Wenigstens Jan kommt am nächsten Tag unter die besten 20 und damit ins Geld. 3400 Euro gibt es für Platz 17. Schon okay.

Später sitzen sie zusammen, mit einem halben Dutzend befreundeter Spieler, die meisten aus Hamburg. Es wird ausschließlich über das Pokern geredet. Über diese Schweinehand, die Katja aus dem Turnier gekickt hat. Über diese Glücksritter, die talentfrei bis ins Geld kommen. Und über das nächste Turnier in Dublin, das nächste Spiel, das nächste Glück. Vielleicht.

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© Stephan Bartels, 2005-08

 

 

   
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Pokern – so geht’s:
Ein Pokerspiel besteht aus 52 Karten, ein Blatt aus fünf Karten. Den höchsten Wert hat das Ass, den niedrigsten die Karte Zwei. Das Beste, was einem passieren kann, ist ein „Royal Flush“: Ass, König, Dame, Bube und Zehn mit derselben Farbe, also alle fünf Karten von Kreuz, Pik, Herz oder Karo. Der Royal Flush schlägt alles. Leider bekommt man dieses Blatt extrem selten. Danach kommt in der Wertigkeit der „Straight Flush“, fünf Karten in einer Reihe mit derselben Farbe. Der Straight Flush schlägt den Vierling, das sind vier Karten des gleichen Werts.

Wie grundsätzlich beim Poker schlägt die höhere die niedrigere Karte, also vier Buben schlagen vier Neunen. Der Vierling wiederum sticht das „Full House“, eine Kombination aus einem Drilling und einem Pärchen.

Dann folgen in der Reihe ihrer Wertigkeit „Flush“ (fünf Karten mit gleicher Farbe), Straße (fünf Karten in der Reihe), Drilling, Doppelpaar und das Pärchen. Klingt kompliziert? Lässt sich aber lernen, z. B. unter www.de.pokertips.org. Auch das ist Gesetz beim Pokern: Da man sich nie sicher sein darf, ein besseres Blatt zu haben als die Gegner, muss auch der Royal Flush geschlagen werden können. Das kann nur der kleinste Vierling: vier Zweier.