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"EIGENTLICH MÖCHTE ICH RUHIG UND FRIEDLICH LEBEN"

Dann ist das eben eine leibhaftige Ministerin in seinem Geschäft. Na und? Der vietnamesische Gemüsehändler zuckt nur mit den Schultern. Hinten anstellen muss Renate Künast sich trotzdem, hinter der Studentin mit dem Rotwein, hinter der Rentnerin mit den „zwee Pfund Kartoffeln, aber nich‘ so kleene, wenn’s jeht“. Jeht schon. Am Prenzlauer Berg in Ost-Berlin zählen andere Größen und nicht so’n bisschen Politprominenz im Laden, da juckt es niemanden, wenn an einem Donnerstagnachmittag die Frau Bundes-Verbraucherschutz-Ministerin mit Kürbis, Karotten und Zucchini hinter einem steht.

Morgens war mehr Auflauf. Welttierschutztag auf dem Wittenbergplatz, gegenüber vom KaDeWe steht Renate Künast im grauen Hosenanzug und einem sehr bunten Schal. Gegen Käfighaltung von Hühnern geht’s, und da ist der politische Shootingstar des Jahres 2001 vorn dabei, von Berufs wegen und als Grüne sowieso. Bekommt einen Korb mit Eiern von frei laufenden Hühnern in die Hand gedrückt und würde die gern unters Volk bringen. Aber das Volk schlendert mäßig interessiert dran vorbei, weil es nicht so recht sieht, wer da von Kamerateams und einem knappen Dutzend Tierschützern in Hühnerkostümen fast erdrückt wird. Also ab auf den benachbarten Bio-Markt, wär‘ doch gelacht, wenn sie die Dinger nicht loswürde. Der ganze Medientross hinterher, mit ihm zwei Herren vom Bundeskriminalamt in schwarzem Zivil. Personenschutz, und der beobachtet betont unauffällig die Menschenmenge. „Immer übernimmt sie die Regie...“, stöhnt ihre Pressereferentin. Weiter kommt sie nicht, denn die Chefin legt los. „Bitte schön“, brüllt Renate Künast einer verwirrten Rentnerin ins Ohr, „`n Frühstücksei von glücklichen Hühnern“. Die versteht nur Bahnhof und geht mit leeren Händen weiter. „Dit is doch diese Jrüne”, zischelt jemand, „nee, von der nehm‘ ich nüscht“.

Andere dagegen freuen sich. „Da is‘ ja die Künast, det alte Perlhuhn“, ruft einer liebevoll von hinten, und ein frisch Beschenkter ist beeindruckt: „Mensch, frische Eier von `ner Ministerin“. Nee, sagt die mit forschem Humor: „Die sind immer noch vom Huhn“. Der nächste findet Käfighaltung ja auch nicht gut, hofft aber, „dass wir Menschen bald wieder artgerecht gehalten werden“. Genau, ruft Renate Künast, „und Minister auch!“

Kleiner Scherz? Von wegen. Das kam von ganz tief innen. Nachmittags stehen wir in der Küche und schnippeln Gemüse, und Frau Minister seufzt ein bisschen. Wieder mächtig was los die Woche. „Mir brennt der Schreibtisch unter’m Hintern weg“, murmelt sie und erzählt müde von Legehennenverordnung und Öko-Siegel. Viel Freizeit ist da nicht, am Samstagnachmittag legt sie mal die Füße hoch und liest Zeitung. Eine Prise Gemeinsamkeit mit einem Lebenspartner, über den sie nichts erzählt, sie hätte da mal schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht. Sie kocht, so richtig leidenschaftlich gern, vorzugsweise für Freunde. Am liebsten Pasta, das ist so schön einfach. Rezepte? Nicht nötig. Sie hat Spaß daran, in der Küche zu experimentieren. Aber das kommt nur noch selten vor, seit sie Bundesministerin für Verbraucherschutz und Landwirtschaft geworden ist. Trotzdem kocht sie heute für die BRIGITTE – keine Nudeln, sie hat sich mal was anderes ausgedacht. Und zwar ein Menü, das zu ihr passt: schnell, unkompliziert, gesund – und dennoch spannend.

Kürbissuppe gibt’s vorweg. Den Hokkaido, eine japanische Variante des Kürbis, soll ich schneiden, so lautet die Dienstanweisung von oben. „Können ruhig große Stücke sein, die zerfallen beim Kochen“, sagt Künast und zerkleinert Karotten und Kartoffeln. Alles Bio, versteht sich – wenn Künast schon bestimmen darf, was auf den Tisch kommt und sich nicht von Schnittchen auf Empfängen ernährt, achtet die grüne Ministerin auf Qualität. Sie trägt immer noch ihre Amtsuniform, den selben grauen Anzug wie heute morgen. Das Jackett bleibt auch beim Kochen an, ganz so, als sei sie auf dem Sprung.

Vor knapp einem Jahr ist sie auf den Ministersessel gehüpft. Am Abend des 11. Januar 2001 ist ganz Deutschland in BSE-Panik – und der zuständige Minister Karl-Heinz Funke, selbst ein barocker, kumpeliger Bauer mit SPD-Parteibuch, rücktrittsreif überfordert. Renate Künast bekommt an diesem Abend zweierlei: Rasende Kopfschmerzen und zweidreiviertel Stunden Bedenkzeit von Gerhard Schröder, der sie zu Funkes Nachfolgerin küren will. Dass die Vorzeige-Grüne das krisengeschüttelte Ressort Landwirtschaft leiten kann, daran zweifelt sie nicht. Aber will sie das auch? Gegen Mauern anrennen? Eine traditionsbesessene Berufsgruppe dazu bewegen, vieles besser und alles anders zu machen? Und das, soviel ist klar, ohne jede Schonfrist, die frischen Ministern sonst zusteht? Fritz Kuhn, mit Künast gemeinsam Chef der Grünen, muss mit Aspirin aushelfen. Sie sagt schließlich ja. Und legt einen der bemerkenswertesten Amtsantritte hin, seit es in diesem Land Ämter gibt.

Den Landwirten bleibt die Spucke weg. Nichts an Künast erinnert an die bräsige Gemütlichkeit ihrer Vorgänger, die eher Lobbyisten der Bauernschaft waren. Viel Wirbel macht sie auf in den ersten stressigen Monaten von Rinderwahn und Maul- und Klauen-Seuche. Ordnet die Schlachtung ganzer Rinderherden an, propagiert eine neue, ökologische Landwirtschaft (10 Prozent aller Produkte solle Öko werden) und redet sich den Mund fusselig in Sachen Agrarwende. Hinterfragt ohne Rücksicht auf Amt und Würden alles und jeden, wundert sich mit gesundem Menschenverstand über die 27 Milliarden Subventions-Mark, die allein in Deutschland jährlich in die marode Landwirtschaft gepumpt werden. Würde sie am liebsten sofort streichen, diesen Unsinn. Geht natürlich nicht, weiß sie doch selber – „aber 2020 gibt’s das alles nicht mehr“.

Freunde macht sie sich so nicht unter den Bauern. Agrarwende? Brauchen wir nicht, sagt Verbandspräsident Gerd Sonnleitner. Und ob wir die brauchen, sagt Künast. Im Juli 2001 ist Deutscher Bauerntag in Münster, und Künast tritt mit weichen Knien vor 7000 wütende Landwirte. Eine Welle aus Buuuhs schwappt ihr entgegen. Draußen 35 Grad, im Saal ist es noch heißer, und Künast heizt zusätzlich ein. Sie sollten endlich aufhören, sich zu wehren, ruft Künast ihnen zu, „die Agrarwende kommt, ob Sie wollen oder nicht“. Und auch den Vorwurf, dass sie als typische Großstadtpflanze keinen Stallgeruch hätte und auch keine Ahnung, bügelt sie energisch ab: „Wohin haben sie uns denn gebracht, eure Landwirtschaftsexperten?“ Da wissen auch die lautesten Krakeeler nicht mehr weiter.

„Soll ich vor denen etwa Angst haben?“, fragt sie, „ich tue den Bauern doch einen Gefallen, wenn ich ihnen zeige, was falsch läuft. Dafür muss ich doch keine Kuh melken können“. Mit einer Marinade aus Öl und Gewürzen bepinselt sie ein gevierteiltes Bio-Huhn, Stückpreis 26 Mark. Viel Geld, aber das lohnt sich, sagt sie: „Je mehr man darüber weiß, wie Essen entsteht, desto dankbarer ist man für Bio-Fleisch“. Überhaupt muss man ja auch nicht jeden Tag Fleisch essen, „dafür kann man sich dann ein bisschen Qualität gönnen“. Ich habe inzwischen Gemüse geschnippelt, und jetzt wird geschichtet – vier Hühnerteile liegen in einer Auflaufform auf einem Bett aus Auberginen, Zucchini, Karotten, Kartoffeln und Lauch. Künast übergießt das Ganze mit Brühe, und dann geht’s ab in den Ofen damit, „`ne gute Dreiviertelstunde“. Zeit für Erklärungen – zum Beispiel für ihre Respektlosigkeit gegenüber Lobbyisten und Institutionen.

„Von Anfang an war ich in Opposition“, sagt sie. Typisch für Frauen ihres Alters. „Ich bin ‘55 in Recklinghausen geboren, da sagte mein Vater gleich: Schule braucht die nicht, die heiratet ja doch. Von der Grundschule an habe ich gekämpft.“ Um die Realschule zunächst. Aber abends Lockenwickler aufdrehen für `nen Bankjob, dazu hatte sie auch keine Lust. Zur Kripo, das vielleicht, „Typ Ulrike Folkerts oder so“. Aber dann will sie doch lieber aufs Gymnasium, „meine Mutter war der Herzattacke nahe“ – ist ja kein Geld da, sollen wir das Mädchen noch länger durchfüttern? Auf das ein Jahr kürzere Fachabitur mit Bafög hat man sich bei Künasts dann geeinigt.

Später studiert sie Sozialarbeit, „Rächer der Witwen und Waisen halt“. Geht nach Berlin, betreut süchtige Knackis im Knast und stellt fest: Das ist es auch nicht. Hängt ein Jurastudium dran, mit Staatsexamen eins und zwei, versteht sich. Protestiert in Gorleben gegen Atomkraft. Geht zu den Grünen. Und erlebt eine Berliner Wohngemeinschaft als Meilenstein ihrer Persönlichkeitsentwicklung, „mit selbstgemachten, auf Wäscheständern getrockneten Spaghetti und Doppelkopf bis morgens um sieben“.

Sie lernt zu streiten, hartnäckig sein, sich verbeißen, wenn’s die Sache wert ist. „Ich war immer klein. Und schüchtern dazu, was ich heute noch von mir behaupte“, sagt Künast, „und eigentlich würde ich gern ruhig und friedlich leben. Aber ich gerate immer irgendwo hin, wo’s Aufgaben gibt“.

Die nächste heißt Kürbissuppe. Künast püriert das weichgekochte Gemüse und gibt orgentlich Sahne dazu. „Fettarm funktioniert bei mir nicht“, sagt sie. Und das, wo es doch mit dem geliebten Inline-Skaten auch weniger geworden ist. Im Sommer, da hat sie sich mal eine Auszeit gegönnt und sich wieder auf die Rolle begeben, im Wendland, wo sie früher gegen Gorleben und Atomkraft protestiert hat.

Jetzt rebelliert vor allem der Magen der Ministerin. „Kohldampf“, ruft sie und fügt hinzu: „Wir sind zwar das Ministerium für Ernährung, aber man darbt auch viel“. Die Suppe wartet und ein Korb mit Ciabatta. „Mögen Sie keinen Kürbis?“, fragt sie mich, weil ich meinen Löffel zögerlich zum Mund führe. Die erste Kürbissuppe meines Lebens. Es schmeckt, nur die Köchin persönlich findet ein Haar in der sämigen Suppe: „Fast zu dick, würde ich sagen. Weniger Kartoffeln wären besser gewesen.“

Und weniger, das wäre auch beim Hühnertopf à la Renate mehr gewesen. „Das können wir heute nacht essen“, brummelt Künast, Stirn in Falten, nach Inspektion der Auflaufform – von fertig ist der Hauptgang meilenweit entfernt. „Ich glaube, der Topf ist einfach zu voll, deshalb dauert es so lange“, meint die Ministerin zerknirscht. Ist wie in der Politik. Auch da scheint sie oft zu viel zu wollen, und dann wirkt die Lösung am Ende halbgar. „Meine Stärke und Schwäche ist meine Ungeduld“, sagt sie. Das Reform-Tempo der rasanten Anfangszeit hat Turbo-Künast schon gedrosselt – so weit, dass Umweltschützer und Verbraucherverbände allmählich zu maulen beginnen, weil ihnen alles zu langsam geht. Das müssen die sagen, schmunzelt Künast, aber noch mehr Veränderung geht doch gar nicht: „Mit Konfrontation legst du alles in Schutt und Asche“. Viel Engagement und ein bisschen Diplomatie, damit hat sie ein neues Bio-Siegel auf den Weg gebracht – eine einheitliche Qualitätskennzeichnung für. „Hat vorher keiner hingekriegt“, sagt sie und referiert weiter über die kleinen Etappensiege für eine ökologische Landwirtschaft: Tiertransportzeiten! Aufzuchts-Dokumentationsprotokolle!

Legehennenverordnung! Die hat sie am 19. Oktober durchbekommen – ab 2007 dürfen Hühner nicht mehr in den viel zu kleinen Legebatterien gehalten werden, eine kleine Sensation und ein Riesenerfolg für Künast. „Und McDonald‘s kauft Bio-Rinder vom Darß – das ist der absolute Hammer! Da könnte ich ins Schwelgen geraten“, sagt sie, „sogar die im Ausland recken die Hälse und gucken, wie wir das machen“. Sie ist so gut, weil sie einfache, naheliegende Fragen stellt: Warum ist das so? Muss das so sein?

Und Käse zum vorgezogenen Nachtisch, das muss sein. Drei Sorten gibt’s, flankiert von leckeren Bio-Weintrauben: Peccorino, Brodowiner Bauernkäse aus Brandenburg und ein extrem guter Fließkäse, der „Amour Rouge“ heißt. Inzwischen ist das Jackett gefallen. Diese grauen Hosenanzüge sind „sehr praktisch fürs Amt“. Und überhaupt: „Ich bin kein Kleidertyp, das sieht bei mir albern aus“. Und ihre Haare, kurz und sacht gegelt? „Das war früher mal eine Protestfrisur. Je öfter mein Vater sagte: Das geht so nicht, umso klarer wurde mir, dass es nur so geht.“

Und dann muss sie los. Abendliche Fraktionssitzung. Ein Stückchen „Amour Rouge“ im Stehen, eine Weintraube drauf. Das Huhn wäre jetzt endlich soweit, aber davon hat Frau Minister nichts mehr. Sie füllt das schöne Essen in Aluschalen um und drückt es mir in die Hand, für später. „Machen Sie ruhig ein bisschen Sahne dran, Thymian wär‘ auch nicht schlecht“, rät sie. Und plaudert noch beim Rausgehen ein wenig über früher, über ihre kurzen Amtszeiten als Fraktionschefin zu Berliner Wendezeiten und als Vorstandssprecherin der Grünen. „Eigentlich komisch – ich habe immer gedacht, dass ich das, was ich gerade gemacht habe, länger tun würde“, sagt Renate Künast, „aber irgendwie ist es immer anders gekommen“.

Wenn sie das mal ändern möchte – jetzt wäre ein guter Zeitpunkt.

P.S. Liebe Frau Künast, noch einmal vielen Dank für das Huhn, auch von meiner Familie. Es war hervorragend.

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© Stephan Bartels, 2005-08

 

 

   
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„Eigentlich möchte ich ruhig und friedlich leben…“ …aber wo RENATE KÜNAST auch hinkommt: Es geht immer heiß her. Sogar, als sie mit BRIGITTE-Mitarbeiter Stephan Bartels ein komplettes Menü kochte. Zum Essen kam nur einer von beiden