DER
ROLLENDE HOLLÄNDER
Ich bin gefangen im falschen Körper. Über 30 Jahre hat es gedauert, bis ich es gemerkt habe. Drei Jahrzehnte, in denen mein wahres Ich tief in mir unentdeckt geschlummert hat. Denn in Wirklichkeit, das weiß ich heute, bin ich ein Holländer, ein rollender Holländer.
Gleich hinter der Grenze beginnt die Metamorphose. Meine Laune bessert sich sofort, die norddeutsche Griesgrämigkeit ist wie von einer zarten Nordseebrise weggepustet. Auf einmal habe ich einen Akzent, der vorher nicht da war. Und der, so meine Mitreisende Meike Dinklage, unverkennbar nach Rudi Carrell klingt — „ächt? Is ja doll”, nuschele ich ihr ins Ohr, setze meine Sonnenbrille mit den orangefarbenen Gläsern auf und freue mich königlich über die netten Städtchen entlang der Autobahn. Guck mal, Meike, Hengelo, sage ich. Schau mal, Angela, Apeldoorn. Und da vorn kommt Utrecht. Und schließlich: Breda. Da wollen wir hin. Da wollen wir Inline-Skaten.
Denn das, so dachten meine geschätzten Kolleginnen Angela Wittmann, Meike Dinklage und auch ich, müsste hier eigentlich besonders gut gehen. Breda hatte man uns empfohlen, ein Ort in Brabant, ganz im Süden der Niederlande. Hübsch soll es dort sein, ein nettes Studentenstädtchen mit viel Grün drumrum und prima asphaltierten Radwegen. Nach unserem ersten Abend in Breda bin ich mit meinem haltlosen Entzücken über Holland nicht mehr allein. „So viele fröhliche Menschen”, murmelt Meike vor sich hin. Tatsächlich: An einem stinknormalen Donnerstag scheint die ganze Stadt unterwegs zu sein in den Kneipen und Cafés rund um den Marktplatz. Eine besondere Stimmung liegt in der Luft — gelassen und ausgelassen zugleich. „Und so viele hübsche Menschen”, sinniert Angela und schaut dem Kellner hinterher, der gerade unseren Milchkaffee serviert hat. Wir sehen Erstaunliches an diesem Abend. Zum Beispiel, was man mit Genmanipulation so alles machen kann: Gurken, gewaltig wie die Unterarme von Arnold Schwarzenegger, Tomaten wie Handbälle und Maiskolben, die für drei Mittagessen reichen. Und wir sehen, dass man mehr als bloß Ketchup und Mayo auf seine Pommes tun kann — in den Frittenbuden der südlichen Niederlande gibt es eine erfreuliche Soßen-Kultur. Mein Favorit: Pommes mit indonesischer Erdnuss-Soße.
Am nächsten Tag geht’s richtig los. Von Breda nach Baarle wollen
wir rollen, gut 30 Kilometer nach Süden. Vorbei am Schloß Bouvigne,
rauf auf einen Radweg, der hier, wie niedlich, Fietspad heißt. Und
der durch Weiden und Felder an einem Flüsschen entlang führt.
Wir werden schnell sicher, weil es uns leicht gemacht wird — der Asphalt
ist glatt und eben, die Sonne scheint gnädig auf uns herab, ein laues
Lüftchen schiebt uns noch an. Menschen auf Fahrrädern kommen uns
entgegen und grüßen lächelnd, und ich donnere ihnen stets
ein euphorisches „Challo” ins Gesicht. Das wird Meike irgendwann
doch ein wenig peinlich. Ob das der Grund ist, dass sie nach einer halben
Stunde einige hundert Meter hinter Angela und mir zurückfällt?
An der Autobahn Breda/Eindhoven wartet eine Unterführung auf uns — und
vor allem eine gut 100 Meter lange Abfahrt mit furchteinflößendem
Gefälle. Direkt dahinter eine Kurve. „Okay”, sage ich mit
seltsam krächziger Stimme, „ich fahre vor”.
Über gewisse Dinge sollte man sich in Sachen Inline-Skates besser vorher im Klaren sein. 1. Die Dinger können verdammt schnell werden. 2. Bremsen ist nicht wirklich einfach. 3. Bei abfallendem Gelände potenzieren sich 1. und 2. um ein Vielfaches. Mit anderen Worten: Als ich mit knapp 40 Sachen unter der Autobahn lang rase, schließe ich mit meinem Leben ab. Der lächerliche Fersenstopper ist mit der Wucht meiner Fahrt haltlos überfordert, und ich bereue zutiefst, keinen Helm aufzuhaben. Keine Ahnung, wie ich sturzfrei die Kurve meistere. Die Mädels jedenfalls meinen, es hätte von hinten ziemlich beeindruckend ausgesehen.
Mittagspause in Strijbeek, einem Ort an der belgischen Grenze. Im einzigen Café des Ortes gibt es Waffeln mit Obst und Sahne, neben Pommes die zweite flämische Spezialität von Weltruf. Die Hälfte der Strecke haben wir geschafft. Unsere Füße schmerzen ein wenig, aber ansonsten finden wir Skaten überraschend unanstrengend. Nicht mehr weit zu unserem Etappenziel: Baarle, das seltsamste Dorf Europas.
Das besteht aus zwei Nationen in mehreren dutzend Teilen. Baarle-Nassau ist der niederländische Teil, Baarle-Hertog gehört zu Belgien. Bloß, dass diese Grenze nicht eine durchgehende Linie ist — ein ganzer Haufen kleiner belgischer Inseln liegt auf holländischem Boden. Schuld daran ist ein Friedensabkommen nach einem der vielen Kriege des 19. Jahrhunderts: Die Grenze zwischen den verfeindeten Nachbarstaaten sollte dort gezogen werden, wo sich die Soldaten der jeweiligen Nation gerade befanden. Und weil Niederländer und Belgier in Baarle wie Kraut und Rüben durcheinander standen, kam es zu diesem merkwürdigen Grenzverlauf, der bis heute gilt. Es gibt Häuser, deren Türen in Belgien liegen, das Wohnzimmer aber in Holland. Eine Belgierin sollte mal nach Holland eingemeindet werden, weil ihre Haustür dort lag — nachdem sie den Eingang auf die Seite des Hauses gelegt hatte, konnte sie wieder ihre Rente in Belgien beziehen.
Am nächsten Morgen sind wir wieder auf die Rolle. Mittlerweile spreche ich nur noch mit Akzent — mehr noch: Ich kann mir unklare Wege auf niederländisch beschreiben lassen und verstehe alles. Ich übersetzte für die Mädels die Speisekarte in den Restaurants und bestelle bei den Kellnern — dabei konnte ich nicht ein Wort vor unserer Tour. Und obwohl meine einzige Holland-Erfahrung zuvor aus einer Inter-Rail-Nacht auf dem Amsterdamer Hauptbahnhof bestand, fühle ich mich, als hätte ich nie woanders gelebt. Und manchmal denke ich, dass ich auch nirgendwo anders leben möchte.
Unterwegs verfluchen wir immer öfter unseren Streckenplan. Der Belag
ist nicht immer gut. Wir merken, dass der Babypopo-Asphalt am Anfang unserer
Tour eher die Ausnahme von der rauen, rissigen Regel war — und vor
allem, dass es nicht überall Fietspaden gibt. Und manchmal wird es
kriminell — zwei Autos rasen absichtlich nur Zentimeter an uns vorbei.
Besonders Meike, die stets an das Gute im Menschen glaubt, ist sichtlich
erschüttert.
Aber zum Glück gibt es Breda. Da sind wir abends. Und wieder entdecken
wir zweierlei. Zum einen, dass Breda die Heimat von Vader Abraham ist, dem
legendären Schlumpf-Barden.
Ein Tag noch. Einer, an dem wir entdecken, dass Holländer panische Angst vor Dunkelheit haben müssen – jede noch so kleine Landstraße ist beleuchtet, sogar Viehweiden werden nachts mit Flutlicht künstlich erhellt. Ein Tag, an dem Angela auf offener Strecke von einem Hund angefallen wird. An dem Meike der einzige Sturz unserer Tour unterläuft, allerdings unverschuldet, der Sand gehört wirklich nicht auf den Fietspad. Einer, an dem ich mein Holländisch vervollkommne. An dem uns an den Hauptstraßen die ungewöhnliche Ballung von Saunaclubs auffällt, die alle weibliche französische Vornamen tragen. Ein Tag, an dem wir manchmal zu kämpfen haben mit schlechten Strecken und schmerzenden Füßen. Aber auch einer, an dem wir die ganze Schönheit spüren, die das Inline-Skaten und Holland zu bieten haben — wenn wir fast lautlos über den Asphalt gleiten und das Gefühl haben zu fliegen, die Sonne im Gesicht und den Wind im Rücken, das satte Grün vor Augen und seinen Duft in der Nase. In diesen Momenten fühlen wir uns einfach königlich. Oder, wie wir Holländer sagen: Ächt lekker.
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© Stephan Bartels, 2005-08