WM-COUNTDOWN
Liebe und Hass, Trauer und Freude: Fußball ist 90 Minuten geballte Leidenschaft. Dieses ist die letzte BRIGITTE-Ausgabe vor dem Anpfiff – wir stellen in jeder einen Fußballstar vor, der Emotionen weckt und lebt
Ronaldinho und die Angst
Ronaldo de Assis Moreira lächelt. Das tut er fast immer, er ist ein fröhlicher, gutmütiger Kerl. Fast nichts kann die gute Laune des Brasilianers trüben. Das Lächeln sieht nicht besonders gut aus, er ist kein hübscher Mann. Dieser komische Zopf. Diese leicht glubschigen Augen. Diese Hasenzähne! Lustig wirkt das, wie eine Comic-Figur. Und dennoch haben ganze Horden seiner Kollegen Angst vor ihm. Warum? Weil Ronaldo de Assis Moreira der beste Fußballspieler der Welt ist. Weil er an guten Tagen jeden anderen Kicker des Planeten aussehen lässt wie den Aushilfsverteidiger einer westfälischen Kreisklassenmannschaft (und der Mann hat verdammt viele gute Tage). Seit er seinen Platz als Hauptdarsteller in den großen Fußballstadien eingenommen hat, versetzt er seine Zuschauer in staunende Verzückung – und seine Gegner in Angst und Schrecken. Ronaldinho, „der kleine Ronaldo“, lebt auf der sonnigen Seite des Lebens. Er kommt nicht aus den Armenvierteln wie so viele brasilianische Kicker – er hat von dem Wohlstand profitiert, den sein älterer Bruder als Profifußballer in Porto Alegre erwirtschaftet hat. Seine Karriere ist frei von Brüchen und Tiefen, der 26-Jährige ist einfach von Jahr zu Jahr besser geworden. Er verdient 15 Millionen Euro per anno beim FC Barcelona, dem zur Zeit besten Club der Welt, neun Millionen gibt es für Werbeverträge extra. Weltfußballer der letzten beiden Jahre war er, 2002 sogar Weltmeister. Da standen noch andere im Rampenlicht: Ronaldo, Rivaldo, Roberto Carlos. Jetzt ist Ronaldinho der Super-, ach was: der Mega- Star. Und dazu verdammt, Brasilien in diesem Jahr wieder zum Titel zu führen.
Denn nichts anderes zählt im größten südamerikanischen Land. Das ist die eine große Angst aller Spieler, die das gelbe Trikot der Seleção, der brasilianischen Nationalmannschaft, tragen: die Angst zu versagen. Und Versagen beginnt ab Platz zwei. Kein Titel, das wäre eine nationale Katastrophe für Brasilien, für die nächsten vier Jahre hätten die Spieler nichts zu lachen. Zu übermächtig ist die Favoritenrolle der Südamerikaner, zu groß die Gewissheit, die größte aller Fußballnationen zu sein. Die Furcht, nicht zu gewinnen, sie befällt zu WMZeiten regelmäßig ein ganzes Volk.
Es gab diese vier Weltmeisterschaften zwischen 1974 und 1990, als Brasilien immer früh scheiterte: zu arrogant, zu ballverliebt, in Schönheit gestorben. Man hat daraus gelernt. Der moderne brasilianische Fußball ist nicht mehr bloße Zauberei wie zu Zeiten Pelés, er ist von beängstigender Zielstrebigkeit. Ronaldinho hat ihn perfektioniert. Vielleicht hilft es, dass seine seelischen Untiefen eher flach sind. Er denkt nicht viel nach, ist trainingsfaul, hängt am liebsten vor der Playstation und überlässt Komplizierteres seinem Bruder, der ihn managt. Er hat seine Familie um sich in Spanien, wie so viele der gut 3000 Brasilianer, die in den letzten vier Jahren nach Europa wechselten. Das macht Sinn, denn daheim in Brasilien leben Fußballprofis in ständiger Angst vor Entführungen ihrer Angehörigen. Die Mutter seines Nationalmannschaftskollegen Robinho wurde 2004 verschleppt und gegen Lösegeld freigelassen. Über solche Dinge dürfte sich Ronaldinho in diesem Sommer wenig Gedanken machen. Dafür freut er sich zu sehr auf die WM. Sie soll der vorläufige Höhepunkt seiner Karriere werden. Es spricht viel dafür, dass er wieder eine Menge Spaß haben wird. Und seine Gegner Angst. Aber im Fußball ist nichts vorhersehbar. Vielleicht gibt es bei der WM eine Mannschaft, die Ronaldinho & Co das Fürchten lehrt. Wir werden es bald wissen.
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© Stephan Bartels, 2005-08