WM-COUNTDOWN
Liebe und Hass, Trauer und Freude: Fußball ist 90 Minuten geballte Leidenschaft. Noch drei BRIGITTE-Ausgaben bis zum Anpfiff – wir stellen in jeder einen Fußballstar vor, der Emotionen weckt und lebt
Andrej Schewtschenko und die Freude
Am 3. September 2005 spielten die Türkei und Dänemark in der WM-Qualifikation unentschieden. Daraufhin versammelten sich in Kiew spontan 50 000 Menschen, um zu feiern. Was war passiert? Nach dem 2:2 in Istanbul war der Tabellenführer Ukraine uneinholbar, das war die Fahrkarte zur WM. Zum ersten Mal! Es wurde ein Fest der Freude in der Hauptstadt Kiew in jener Nacht. Und Andrej Schewtschenko, der stille Superstar und Kapitän der Nationalmannschaft, ließ seiner Freude ganz ungewohnt freien Lauf: „Ein solches Glücksgefühl sollte jeder wenigstens einmal im Leben gespürt haben – das ist ein Traum.“
Es macht den Fußballspieler Andrej Schewtschenko komplett. Er ist einer der besten Stürmer der Welt, mit beispiellosem Drang zum Tor, er hat fast alles gewonnen – über Meisterschaften und Pokalsiege in der Ukraine und Italien konnte er sich schon freuen, über den Gewinn der Champions League. 2004 ist er sogar zu Europas Fußballer des Jahres gewählt worden. Das freut nicht nur ihn, sondern auch seine Landsleute – vor eineinhalb Jahren wurde Schewtschenko als „Held der Ukraine“ ausgezeichnet. Aber für einen Kicker zählt das alles nichts, wenn man nicht ein großes Turnier gespielt hat. Der Höhepunkt seiner Karriere sei die WM in Deutschland, sagt „Sheva“. Ein Mann im vollkommenen Glück.
1999 wechselte der Junge aus einem Dorf namens Dwirkiwschtschyna von Kiew nach Italien. Der Präsident des AC Mailand wollte Schewtschenko unbedingt haben – nicht nur wegen dessen Talent. Nein, Silvio Berlusconi, damals hauptberuflich Ministerpräsident Italiens, hielt es für ein gutes Omen, dass Schewtschenko wie er selbst am 29. September Geburtstag hat. Die Investition machte sich bezahlt, menschlich wie sportlich. Berlusconi und dem Rest der Anhängerschaft des AC macht der Ukrainer seit sieben Jahren nichts als Freude. Schewtschenko ist ein Star ohne Allüren, er ist intelligent und anpassungsfähig – nach zwölf Monaten Mailand war sein Italienisch nahezu perfekt. Er schießt Tore im Akkord und hat stets die besten Fitness-Werte.
Real Madrid hat vor vier Jahren 100 Millionen Euro für ihn geboten. Milan gab ihn nicht her. „Eher würde ich mir Arme und Beine abhacken lassen, als Schewtschenko zu verkaufen“, sagt Silvio Berlusconi. Der Staatsmann hängt sehr an seinem Lieblingsspieler, verübelte ihm nicht mal, dass der seinem Sohn Piersilvio die Freundin wegschnappte. Im Gegenteil: Berlusconi wurde Taufpate von Jordan, dem ersten Kind Schewtschenkos.
Schewtschenko angelt gern. Und liest, einer seiner Lieblingsautoren ist sein Namensvetter Taras Schewtschenko. Der 29-jährige Fußballer wohnt in einer traumhaften Villa am Comer See. Er mag schnelle Autos. Und Klamotten von Giorgio Armani. Mit dem Designer ist er befreundet, modelt für ihn und ist Geschäftsführer der ersten Armani-Boutique Kiews. Er sei perfekt darin, sich zu konzentrieren, zu organisieren und Probleme zu lösen, sagt sein Vereinsarzt Jean-Pierre Meersseman: „Egal, was er macht – er wird immer Erfolg haben. Er ist eine geborene Nummer eins.“
Unwahrscheinlich allerdings, dass er es auch bei der WM wird, zu unausgewogen ist sein Team. Andererseits: Bei der Auslosung der Gegner hatten die Ukrainer Grund zur Freude. Spanien, Tunesien, Saudi-Arabien lösbare Aufgaben, so sagt man im Fußball. Die Ukraine hat Chancen, weit zu kommen. Soll heißen: An Andrej Schewtschenko könnten wir in diesem Sommer noch viel Freude haben.
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© Stephan Bartels, 2005-08