Ein
Mann
Ein Herz . . .
Homer Simpson, 36, Zeichentrickfigur,
macht als glatzköpfiger Versager jetzt auch im Kino Karriere
Vergessen Sie Spiderman, motten Sie Jack Sparrow ein – der Kinoheld dieses Sommers ist von anderem Schrot und Korn. Nämlich verfressen, unterbelichtet und infantil. Ja, Homer Simpson, neuerdings mit „Die Simpsons – der Film“ zum ersten Mal in den Kinos, macht nicht viel her. Auf den ersten Blick ist sein Leben eine amerikanische Vororthölle: Homer, 36 Jahre alt, arbeitet ohne jede Ahnung von seinem Job im Atomkraftwerk von Springfield, Sektor 7G, sein greiser Chef ist ein reaktionärer Kapitalist, sein Lieblingsort der Tresen in „Moe’s Tavern“, wo er mit ähnlich gescheiterten Existenzen Bier trinkt und sich an Zeiten erinnert, als er noch nicht glatzköpfig und fett, sondern vollhaarig und fett war. Er verdient kaum genug, um seine Familie durchzubringen, bestehend aus seiner ihm überlegenen Frau Marge (siehe unten) und drei Kindern, die er entweder würgt (Bart), ignoriert (Maggie) oder denen er intellektuell nicht gewachsen ist (Lisa). Homer ist ein Vollidiot, wie man ihn sich tumber nicht malen könnte. Aber genau das hat der Amerikaner Matt Groening vor bald 18 Jahren getan: 1989 lief in den USA die erste Folge der Zeichentrickserie „The Simpsons“. Mittlerweile sind es über 400, die Sendung zählt zu den Top five der beliebtesten Fernsehsendungen aller Zeiten. Daran ist Homer nicht unschuldig. Er ist mit seinem Scheitern zum Helden geworden, eine Identifikationsfigur für alle, die nichts vom amerikanischen Traum, sondern immer nur die Wachphasen abbekommen. Damit hat sich sein Erfinder nicht nur Freunde ge macht – der republikanische Politiker Joseph R. Pitts macht Homer für „den Niedergang der amerikanischen Vaterrolle“ mitverantwortlich. Das ist Unsinn, weil Groening seiner Figur neben allen Defiziten auch ein paar wunderbare Eigenschaften mitgegeben hat. Zum Beispiel: ein großes Herz voller Liebe. Vor allem für Bier und fettiges Essen. Aber auch für seine Frau und die Kinder. Womit bewiesen wäre, dass man nicht alles verstehen muss, was man mag.
Eine
frau
. . . und eine Seele
Marge Simpson, 34, Zeichentrickfigur,
hat die abgefahrenste Frisur der Filmgeschichte
Der Mädchenname von Marge Simpson ist Bouvier. Das ist kein Zufall, schließlich hieß auch Jackie Kennedy so, bevor sie JFK heiratete und zur First Lady wurde. In ihrer kleinen Welt ist Marge genau das: die First Lady. Auch sie taugt wie ihr Mann als Rollenmodell, weil sie unter ihren Möglichkeiten geheiratet hat, schließlich hat sie vor ihrer Ehe Kunst studiert. Es wäre mehr drin gewesen für die kluge, empathische, besonnene und nicht zuletzt attraktive Zeichentrickhausfrau von nebenan, und das eint sie mit vielen realen weißen Frauen in amerikanischen Kleinstädten. Aber was heißt hier weiß? Marge ist gelb, leuchtend gar, ihr genauer RGB Farbwert ist 255/217/15, das gilt auch für den Rest der Familie. Eine Familie, in der sie die Seele ist, das Regulativ zwischen tumb, anarchisch und hochbegabt – Marge schweißt die Simpson Individuen zu einer Einheit. Aber nicht nur das macht sie außergewöhnlich. Ihr eigentliches Markenzeichen sind die Haare, der blaue Turm, der jetzt zur vielleicht interessantesten Frisur der Filmgeschichte wird. Seltsam, schließlich sind ihr Äußerlichkeiten eigentlich egal – hätte sie sonst nur exakt ein Kleid und exakt eine Perlenkette? Und würde sie dann noch ihren „Homie“ so lieben, wie sie es tut? Es ist dieser bewundernswerte Gleichmut, mit dem Marge ihr Los trägt: den Mann ohne Entwicklungspotenzial, Kinder, die seit 18 Jahren zehn (Bart), acht (Lisa) und ein (Maggie) Jahr alt sind, glühende Verehrer, die sie trotz aller Versuchungen aus Loyalität zum Gatten fortschickt. Immerhin gibt der ihr beizeiten auch Anlass zum Stolz – in „Die Simpsons – der Film“ muss und will Homer die Welt retten, das macht ihn interessant. Nicht verschweigen wollen wir allerdings, dass er die Erde auch persönlich in Gefahr gebracht hat . . . Schwamm drüber. Freuen wir uns lieber, dass die vielleicht lustigste, aber in jedem Fall frechste und subversivste Fernsehserie der Welt jetzt auch auf die große Leinwand gekommen ist. Mit einer Marge Simpson in Bestform.
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© Stephan Bartels, 2005-08