ULRICH
TUKUR
Der Typ ist nicht von dieser Welt. In eine vergangene hätte Ulrich Tukur gepasst, vielleicht. In eine, in der es noch Tanzpaläste gab und Kapellen darin und Damen, die man schnarrend-charmant mit „gnäd’ge Frau“ ansprechen durfte. Sie wären seinen schiefen Kleine-Jungen-Lächeln erlegen, seinen intelligent blitzenden Augen, seiner mächtig großen Präsenz. Die hat den Schauspieler berühmt gemacht, Anfang der 80er: Zuerst als Widerstandskämpfer in „Die weiße Rose“, zwei Jahre später als die größte Theaterentdeckung seit Gründgens, mindestens. In Peter Zadeks „Ghetto“ spielte er den SS-Mann Kittel, atemberaubend, mehrfach preisgekrönt. Spätestens da war klar: Dieser Mann braucht gar nicht in der Gegenwart anzukommen, um eine Zukunft zu haben. Jetzt ist er schon wieder von gestern. In István Szabós Drama „Taking Sides“ (Start: ??.?.) über den Prozess gegen Wilhelm Furtwängler hat er einen Zweieinhalb-Minuten-Auftritt, der bleibenderen Eindruck hinterlässt als mancher Hauptdarsteller. Und sonst? Kultiviert der 44-Jährige seine Sonderlichkeit. Was bitte hat Tukur in Carolin Reibers „Wunschkonzert der Volksmusik“ zu suchen? Dort trat er im Januar auf, zusammen mit seiner Band, den drei extrem schrägen Vögeln von den „Rhythmus Boys“, mit denen er seit Jahren den Swing der Weimarer Republik reanimiert. Das muss so sein, sagt Tukur: „Wir sind eine Art U-Boot, das sich in die Untiefen der deutschen Unterhaltung vorwagt“. Und das, wo er Deutschland vorläufig den Rücken gekehrt hat. Vor zwei Jahren hat er in die Intendanz an den Hamburger Kammerspielen („ein Crash-Kurs in Kapitalismus“) an den Nagel gehängt und ist mit Freundin und Hund, mit Grammofon und Legionen alter Schellackplatten nach Venedig gezogen. Nostalgiker halt. Seine beiden Töchter leben in Boston, bei ihrer amerikanischen Mutter. „Ich habe eigentlich keine Heimat“, sagt Tukur, „außer der deutschen Sprache.“ Ihr wird er treu bleiben. Und der Musik. „Ich sehe mich als alten Knacker in einer Hotelbar sitzen,“ sagt Ulrich Tukur, „nebenher Barmusik machen oder Krimis lesen. Das wär‘ für mich das Richtige als alter Mann“.
© Stephan Bartels, 2005-08