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WM-COUNTDOWN

Liebe und Hass, Trauer und Freude: Fußball ist 90 Minuten geballte Leidenschaft. Noch fünf BRIGITTE-Ausgaben bis zum Anpfiff – wir stellen in jeder einen Fußballstar vor, der Emotionen weckt und lebt

Zinedine Zidane und die Wehmut

Wie wird es sich wohl anfühlen, wenn es vorbei ist? Wenn der letzte Pass gespielt, das letzte Tor geschossen, der letzte Schlusspfiff verhallt ist. Wie mag es aussehen in Zinedine Zidane, wenn die Weltmeisterschaft für Frankreich zu Ende ist? Wenn er ausgepumpt auf dem Rasen steht und ihm bewusst wird: Das war’s. Das war mein allerletztes Spiel für mein Land. Wird er wehmütig sein, vielleicht ein sachtes Ziehen in der Herzgegend spüren? Oder ist da nur noch eine große Leere?

Er wird es herausfinden, noch in diesem Sommer. Vielleicht am 9. Juli, dem Tag des WM-Endspiels. Wahrscheinlich aber früher. Ein letztes Mal wird der Mittelfeldspieler für Frankreich auflaufen. Ein letztes Mal das blaue Trikot überstreifen, ein letztes Mal die Nationalhymne hören und sein Herzklopfen dabei spüren. Ein letztes Mal wird er der sein, an dem die Wünsche und Sehnsüchte der Franzosen hängen wie Säcke voller Blei. Ein letztes Mal wird er diese Säcke abschütteln, wie so oft. Und das tun, was ihn zum besten Fußballspieler der letzten zehn Jahre gemacht hat: Ein letztes Mal wird Zinedine Zidane den Fußballplatz für sein Land zu einem Ort der Magie machen.

Ein Moment der Wehmut wird es allemal. Wenigstens für uns. Denn Zidane ist kein gewöhnlicher Fußballspieler. Zidane ist ein Zauberer, sein Spiel unnachahmlich. Da sind dieser schleichende, schwebende Laufstil, die plötzlichen Richtungswechsel, der Ball, der immer genau das macht, was Zidane will – der Franzose strahlt eine Leichtigkeit aus, die Fußball eigentlich gar nicht hat. Das macht ihn so besonders. Auf der einen Seite. Auf der anderen ist es seine Art, die in der glitzernden Welt der kickenden Millionäre so selten ist wie Nordlicht in Süditalien. Zidane ist voller Demut und Respekt für andere, bescheiden bis ins Mark und scheu. Er kommt aus den Armenvierteln von Marseille, ein Kind algerischer Einwanderer, das ist eine der härteren Schulen fürs Leben. 1998 hat er Frankreich zum Weltmeistertitel geführt, er war dreimal Weltfußballer des Jahres, spielt heute für Real Madrid und verdient über zehn Millionen Euro im Jahr. Aber sein bester Freund ist immer noch sein Jugendkumpel Malik, ein Müllfahrer in Marseille. Zidane wollte früher Postbote werden. Nun ist er Weltstar.

Aber Zinedine Zidane ist müde geworden. Und er kennt das Gefühl des Abschieds längst: Nach der Europameisterschaft 2004 erklärte er schon einmal seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft, der Equipe Tricolore. Er hatte kein gutes Turnier gespielt, schon die Weltmeisterschaft zwei Jahre zuvor war eine Katastrophe – das ausgebrannte französische Nationalheiligtum hatte keine rechte Lust mehr, wollte lieber mehr Zeit für seine vier Jungs haben. Schon damals war die Wehmut groß in Frankreich. Als das Team im letzten Jahr an der Quali- fikation für die WM zu scheitern drohte, kehrte „Zizou“ zurück: Eine Stimme hätte ihm des Nachts zu einem Comeback geraten, erklärte er mystisch. Tatsächlich war es sein Bruder gewesen, der ihn darum bat.

Seit er wieder da ist, ist die Glorifizierung des Zinedine Zidane ins Göttliche abgedriftet. Lichtgestalt, Heilsbringer, Hoffnungsträger: Andere würden daran zerbrechen. Nicht Zizou. Er trägt auch diese Verantwortung mit Demut und Bedacht, ein allerletztes Mal. Und dann heißt es Abschied nehmen. Er wird weiter für Real kicken, vielleicht ein Jahr noch oder zwei. Aber auf der ganz großen Bühne wird Zinedine Zidane nach dem 9. Juli ein kratergroßes Loch hinterlassen.

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© Stephan Bartels, 2005-08

 

 

   
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Kontakt und Impressum

 

Zinedine Zidane
Alter: 33
Größe: 1,85 Meter
Gewicht: 80 Kilo
Verein: Real Madrid
Besondere Kennzeichen: Melancholiker mit Mönchstonsur
Familienstand: verheiratet mit Veronique, vier Söhne
Spezialität: Schönheit und Eleganz auf dem Platz
Basislager während der WM: Schlosshotel Münchhausen in Aerzen (bei Hameln)
Erster Auftritt bei der WM:
13. Juni um 18 Uhr in Stuttgart beim Spiel Frankreich–Schweiz