Schriftgröße [+] [-]

LAUTER BILLIGE TRICKS

Da ist also dieser Typ, Mitte 20 vielleicht. Seelenruhig schlendert er an einem sengenden Züricher Sommertag über eine der vielen Limmat-Brücken, in der Mitte bleibt er stehen. Setzt seinen Rucksack ab, zieht T-Shirt und Jeans aus, klettert auf das Geländer – und springt. Fünf Meter später platscht es im smaragdgrünen Fluss, der die Stadt teilt. Der Mann macht ein paar Kraulzüge ans Ufer, klettert Böschung und Brücke hoch, zwängt sich rein ins T-Shirt, schlüpft nass in die Hose, schultert seinen Rucksack und spaziert gemächlich weiter Richtung Innenstadt.

Willkommen in Zürich. Und willkommen im Sommer, in dem diese Stadt lebt, chilled, behutsam pulsiert und schwimmt und von Brücken springt. Was der Kerl da gemacht hat, war zwar nicht ganz legal, aber selbst die legendär peniblen Schweizer Ordnungshüter werden nachlässig, wenn der Sommer mit Macht über die Stadt hereinbricht. Und so ein Sprung von der Brücke hat einen entscheidenden Vorteil: Er kostet nix. Das will etwas heißen. Normalerweise ist Zürich eine mächtig teure Angelegenheit.

Mit schöner Regelmäßigkeit wird die größte Stadt der Schweiz von den zuständigen Instituten zu der mit der höchsten Lebensqualität ausgerufen – weltweit, ohne jede Konkurrenz. Eine Lebensqualität, die man sich leisten können muss. In der Rangliste der teuersten Städte der Welt findet man Zürich auf Platz 5. Was den Züricher an sich nicht wirklich stört. Schließlich gibt es auch Statistiken über das Lohnniveau. Unangefochtener Spitzenreiter: Zürich.

Tja, und was ist mit uns? Wir, die wir uns gerne anschauen möchten, was das heißt: Lebensqualität. Wie kommen wir zurecht mit unserem popeligen deutschen Nettolohn, hier, in der Bankenmetropole schlechthin mit einem Maximalsteuersatz von zehn Prozent, mit einer Bahnhofsstraße, in der sich Gucci an Prada an Bulgari an sonst was reiht, wo es funkelt und glitzert und ganz viele von diesen hübschen Schweizer Banknoten kursieren. Wirklich toll sehen sie übrigens aus, die Franken: Das Papier hat einen besonderen Glanz, sie sind durch die Bank (haha) bunt, aber höchst geschmackvoll und künstlerisch wertvoll gestaltet. Müssen wir uns wirklich sofort von ihnen trennen, wenn wir in Zürich überleben wollen?

Nicht unbedingt. Wenn man will, kann man überall auf der Welt auch mit wenig Geld Spaß haben. Und da macht Zürich keine Ausnahme. Sich günstig fortzubewegen ist hier zum Beispiel kein großes Problem. Für eine Großstadt ist Zürich nämlich ziemlich klein. 360.000 Menschen leben hier, der Kern mit dem Nieder- und Oberdorf, dem Flussufer zwischen Hauptbahnhof und Zürichsee ist problemlos erlaufbar. Und mit dem Fahrrad braucht es von der Stadtgrenze zum See vielleicht ein halbes Stündchen, wenn man sich arg viel Zeit lässt. Wie praktisch, dass es Fahrräder in rauhen Mengen zu leihen gibt. Und das kostet: nix. Bloß seinen Ausweis und 20 Franken Pfand muss man hinterlegen, wenn man bei „Züri rollt“ ein Rad ausborgen will. Keine klappernden Mühlen übrigens – in einer Stadt wie dieser legt man Wert auf Qualität, deshalb haben Züricher Firmen insgesamt 350 sehr ordentliche Bikes spendiert, die an fünf Stationen in der Stadt auf Kundschaft warten, frisch geölt und tadellos in Schuss. Das ist nicht nur gut für sparsame Besucher, sondern auch für die Wächter über den Fuhrpark. „Züri rollt“ ist nämlich außerdem ein Projekt zur Integration von Asylbewerbern. Immer zwei oder drei sitzen in einer Verleihstation, was manchmal für unfreiwillige Komik sorgt: Wenn ein Afghane einem Ghanaer in einer Mischung aus Schwyzerdütsch, Englisch und Paschtu bedeuten will, dass ein Hinterrad Luft braucht – das hätte Gerhard Polt nicht schöner inszenieren können.

Mal sehen, was gibt’s denn noch für lau? Schwimmen, das geht. Denn das Wasser in Zürich macht viel aus von dieser fabelhaften Lebensqualität. Am See und auch am blitzsauberen Limmat gibt es haufenweise Badeanstalten – Pontons, die ins Wasser ragen, mit elegant-verkommenen Jugendstil-Badehäusern darauf und Sonnenstegen. Eines, das Frauenbadi, ist nur für, genau: Frauen. Das liegt gegenüber vom Großmünster, kurz nachdem der See den Fluss freigibt, mit spektakulärem Blick auf die Altstadt. Ein Männerbadi gibt’s auch, aber das liegt in der Stadt an einem Nebenfluss, versteckt zwischen Wehrmauern und der Börse. Und außerdem kostet’s Eintritt in diesen Badis, was irgendwie doof ist, schließlich liegt der ganze große See vor einem, umsonst und genauso schön. Am Zürichhorn zum Beispiel, dem Südende der Stadt am See, lässt es sich trefflich baden. Ein Geheimtipp ist das nicht: Im Sommer ist die halbe Stadt da, das Gras ist wund und braun gelegen von den vielen Handtüchern.

Die andere Hälfte planscht fünf Kilometer nördlich an den Letten im Fluss. Da ist ein langer Steg parallel zum Ufer ins Wasser gebaut, eine Liegewiese gibt‘s dahinter. Hier sind die Leute einen Tick jünger als am See, irgendwie auch einen Tick cooler. Hier liegen welche, die stolz sind auf das, was in dieser Stadt passiert ist in den letzten Jahren. Florian zum Beispiel, 19 Jahre alt, Kunststudent. Der erzählt, wie piefig das alles hier noch vor ein paar Jahren war. Wie spießig. Geschäftsmäßig. „Hüt“, sagt der Flo, „isch‘s oifach nua läss’g“.

Wo es recht hat, hat er recht. Die Spaßgesellschaft, die woanders längst wieder kleinlaut verdampft ist, hat mittlerweile Zürich erreicht – und dafür gesorgt, dass die Stadt sich zu einer der angesagtesten Partymetropolen Europas gemausert hat. Unendlich viele Bars und Clubs haben neu eröffnet. Oder sind sie vielleicht bloß geklont worden? Irgendwie haben die meisten neuen Schuppen in der Stadt ein Corporate Design: sehr schick, sehr trendy, dunkles Holz, noch dunkleres Leder, wahlweise italienisches, dänisches oder asiatisches Design, was dann trotzdem irgendwie gleich aussieht. Und irgendwie unheimlich. Als hätte man per Geheim-Dekret befohlen, alles auf dieselbe Weise cool wirken zu lassen.

Der Erfolgsgeschichte der Züricher Nacht tut das keinen Abbruch. Schon gar nicht in Zürich-West. Das ist das neue In-Viertel, eigentlich ja ein Industriegebiet, aber jetzt sind hier die Hot Spots der Stadt. Der Schiffbau zum Beispiel, eine alte Schiffsfabrik, die zum Kulturzentrum umgebaut wurde, mit Kino, Jazzclub und dem Edel-Restaurant „Lasalles“. Aber: „Definitiv zu teuer“, sagt Flo. Ein paar Fahrrad-Minuten weiter gibt’s die „Toni Molkerei“, was einerseits tatsächlich ein Hersteller von leckeren Schweizer Milchprodukten ist. Und andererseits die Disco schlechthin in der Schweiz. 25 Franken kostet der Eintritt, das leistet sich auch ein 19-jähriger Kunststudent schon mal. Dafür bekommt Flo drinnen angesagten Elektro-Trance-Dance-Pop oder so („Läss’g, odrr“?. Ziemlich coole Musik, und das passt zur Stimmung hier. Die ist seltsam unterkühlt, genau wie die Einrichtung – viel Beton, weiße Ledersitzkissen. Soll wohl hip sein, aber irgendwie sieht es eher aus, als wüssten die Leute hier selbst nicht so Recht, was sie davon halten sollen.

Das weiß man beim „Kaufleuten“ schon eher. Kein Wunder, gibt’s ja auch schon länger – ein berühmter, plüschiger Club in der Nähe der noch berühmteren Bahnhofsstraße, in dem es nur ein Gebot gibt: Sieh gut aus. Viel mehr aufgebrezeltes Jung- bis Mittelaltvolk bekommt man nirgends zu sehen. Im Sommer tobt am Wochenende auch vor dem Club der Bär, da steht dann viel Prada auf der Straße, unablässig kreisen Porsche und Ferrari um den Block. Ist schon mächtig unterhaltsam, dem Luxus-Treiben nachts um drei mal ganz unverbindlich zuzuschauen. „Kostet ja auch nix“, sagt Flo, grinst ein bisschen, saugt an der Flasche Bier von der Tankstelle und schaut zu, wie langsam ein neuer, lichter Tag anbricht in der reichsten Stadt der Welt.

Dass sie das ist, liegt an Männern wie Andy Stutz. Der ist Seidenfabrikant und wohnt im Kreis 4 – nicht die Gegend, in der man einen der reichsten Männer der Schweiz vermuten würde. Nutten gibt’s da, den höchsten Ausländeranteil der Schweiz und lauter so Zeugs, über das man in den sieben anderen Kreisen die Nase rümpft. Da sitzt er mittendrin, der Andy, wie ein König residiert er in der Ankerstraße mit seiner Firma „Fabric Frontline“. Und seinem Lokal, dem „Seidenspinner“, das er aufgemacht hat, „weil man nichts Gescheites zu essen bekam in Zürich“.

Dieser Mann ist Zürichs Vorzeige-Paradiesvogel. In den 50ern ist er, klein und rund, seine Frisur der David-Beckham-Gedächtnis-Irokese aus dem Jahr 2002. Freunde sagen, seine Großzügigkeit sei legendär, nur eines kann er partout nicht leiden: Wenn man ihn langweilt. Schon allein deshalb hat es ihn hierher verschlagen. Früher hat er am Seehof gelebt, Kreis 1, feine Pinkel ohne Ende. Vor 20 Jahren hatte er „die Schnauze voll von den Spießern und der heilen Welt“. Jetzt lebt er in Zürichs Schmuddelecke, der Krawatten-König, der am liebsten keine trägt. Wenn er im Viertel über die Straßen geht, grüßen alle, Andy hier, Andy da. Und erst die Promis, die bei ihm im „Seidenspinner“ essen: Alfred Biolek, Tina Turner („Die ist nett und schüttelt dem Koch hinterher die Hand“), Cecilia Bartoli, Udo Jürgens, Uschi Glas. Oja, der Stutz (seltsamer Zufall, dass der Schweizer Franken im Volksmund auch „Stutz“ heißt) ist eine Institution. Und schimpft unentwegt über seine Stadt. Zürich-West? „Yuppie-Scheiße. Da steckt kein Herz drin, das ist schnell vorbei“. Die neue Bar-Szene? „Gähn. Wie langweilig.“ Und was ist mit den noblen, traditionsreichen Etablissements – das „Savoy“, das „Baur au Lac“? „Ist was für Greise, da verkehren nur Mumien“.

Ach, und überhaupt eh‘ zu teuer. Das kann der Stutz sich leisten, wenn er wollte. Aber er will ja nicht. Halt, doch: Im Savoy speist der Andy manchmal, wegen der aufmerksamen Ober und der guten Rösti. Dort hört man übrigens, wie es in den meisten Züricher Restaurants guter Brauch ist, folgende Frage, wenn der Teller leer gefuttert ist: „Möchten Sie noch ein Supplement?“ Das heißt: Nachschlag! Eine Extra-Portion! Für’s gleiche Geld! Ein feiner Zug für Urlaubsgeldsparer, so viel steht mal fest.

Womit wir wieder beim Thema wären. Jedes Jahr zum Beispiel finden in Zürich die Schweizer Meisterschaften im Beachvolleyball statt. Nicht etwa irgendwo am See – nein, in der großen, sehr dekorativen Halle des Hauptbahnhofs wird Sand aufgeschüttelt und später von morgens bis in die Nacht gepritscht und gebaggert. Das ist erstens ziemlich originell – und gereicht zweitens auch dem Low-Budget-Sportskenner zur Freude: Zuschauer dürfen zum Nulltarif auf der Tribüne Platz nehmen und viel Spaß haben.

Da ist die Polybahn, eine Zahnradbahn: Fährt für einen Franken vom Central, einem Platz gegenüber vom Hauptbahnhof, zur Uni hoch. Und direkt am Ausstieg liegt das Cafe bQm, ein Studententreff mit Studentenpreisen. Und mit einer schönen Aussicht über die Stadt.
Sie können aber auch in den nächsten Supermarkt gehen. Dort kaufen Sie für wenige Franken sechzig ein paar Bürli, das sind dunkle, herzhafte Brötchen. Dazu ein gutes Stück Appenzeller, ein bisschen Bündner Fleisch, je nach Bedarf Bier, Wein, Wasser – Sie werden schon wissen, was gerade passt. Mit Ihrer Tüte steigen Sie am späten Nachmittag am westlichen Limmatufer hinauf zum Lindenhof – das ist ein altes Kastell, vielleicht 20, 30 Meter über dem Fluss, mit tadellosem Blick auf Ober- und Niederdorf, auf das Großmünster und hinüber zum See. Tief unten flanieren die Schönen und Reichen und all die, die es gern wären. Sollten Sie sich für Autos interessieren: Herzlichen Glückwunsch – was da unten vorbeifährt, stand im Jahr davor auf den großen Automobilmessen dieser Erde als Novität herum. Aber das Multi-PS-Spektakel, das tausendstimmige Open-Air-Leben am frühen Abend, die musikgetränkte Luft – das alles kommt da oben nur als gedämpfte Wolke an, die keinen Frieden stört. Es ist, als schwebte man über der Stadt.

Und die ist im Sommer besonders schön, wenn sich der Abend heranpirscht. Sonnenverbrannte Gelassenheit, entspannt geht es zu. Am Seeufer versuchen ein paar Jungs mit Gitarren, sich in die Herzen der Mädchen zu singen, vielleicht auch nur in ihre Betten, wer kann das schon sagen. Die Schwimmbäder werden zu Bars: Das dekorative Frauenbadi zum Beispiel (wird zur „Barfußbar“), das Männerbadi hinter der Börse. „Rimini“ heißt das dann und dort, der Eintritt ist plötzlich frei, wenn der Tag sich allmählich zurückzieht. Schummrig ist es, verschworen, intim. Junge Leute trinken Bier aus Flaschen und grillen (der Züricher sagt: „grillieren“. Entzückend!) ein paar mitgebrachte Würstchen, sie liegen auf orientalischen Teppichen und Kissen und in Liegestühlen, und wenn’s wem beim Flirten zu warm wird, springt er kurz ins Wasser. Aber das tut hier ja eh ein jeder immerzu.

Auf der Quaibrücke zum Beispiel, da ist jetzt Showtime. Eine Handvoll Jungs sorgt für Stimmung: Von der Brücke, an der der Zürichsee sich zum Limmat verengt, springen die wilden Kerle furchtlos die sechs, sieben Meter in die Tiefe. Doppelsalto gehockt, Schrauben, gestreckter Köpfer – die Jungs haben’s drauf.

Vielleicht 50 Passanten stehen drumherum, ein paar beim Abendspaziergang, die meisten auf dem Weg in die Züricher Samstagnacht. Der Himmel schimmert rotgolden in der untergehenden Sonne, auf dem See gehen auf den Booten die Positionslampen an, dahinter, ganz im Süden, verschmelzen schneebedeckte 3000er mit der nahenden Dunkelheit. In der Luft liegt Leben, ein Prickeln, aber nicht zu sehr – es ist eine friedliche, sorgenfreie Atmosphäre, für die nur ein lauer Spätsommerabend in der lebenswertesten Stadt der Welt sorgen kann. Das Publikum beklatscht einen besonders gelungenen Auerbachsalto gehockt. „Früher“, sagt ein älterer Herr mit weißen Haaren zu einem Touristenpaar, „früher gab’s so was noch nicht“. Er seufzt ein bisschen und blinzelt einem Springer hinterher. Und fügt hinzu: „Schade eigentlich“.

_nach oben

© Stephan Bartels, 2005-08

 

 

   
Artikel  
 Porträts  
 Reisereportagen  
 Interviews  
 Männer auf Tour  
 Fußball  
 Gedöns  
Der Kilo-Killer  
über Stephan Bartels  
Fussball  
Kontakt und Impressum

 

Denn die braucht man, um in ZÜRICH über die Runden zu kommen. Trotzdem ist die teuerste Stadt der Welt im Sommer jeden Franken wert – wenn man an den richtigen Stellen zu sparen weiß